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Aktuell

Artenschwund in Deutschland

Mittwoch, 7. Mai, 13:59 Uhr

Umweltminister wollen mehr Schutz für biologische Artenvielfalt

Mainz (ddp). Die Umweltminister von Bund und Ländern in Deutschland fordern einen besseren Schutz der biologischen Artenvielfalt. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach zum Auftakt einer Sonderkonferenz der Umweltminister am Mittwoch in Mainz von einem «dramatischen Artensterben». Durch diesen Prozess gingen auch wertvolle Ressourcen zur Heilung von Krankheiten verloren. «Es geht hier um ganz harte ökonomische Fragen», unterstrich der Minister. Die Länder seien aber von der Umsetzung des Millenniumsziels, das weltweite Artensterben bis 2010 zu stoppen, «weit entfernt». Die Umweltminister forderten deshalb in einer «Mainzer Erklärung» verstärkte Anstrengungen zum Erhalt der natürlichen Artenvielfalt.

«Der Erhalt der Biodiversität ist mehr als Naturschutz», sagte auch die rheinland-pfälzische Umweltministerin und derzeitige Vorsitzende der Umweltministerkonferenz, Margit Conrad (SPD). Die Biodiversität zu schützen bedeute auch, Lebensgrundlagen für die Menschen zu bewahren. Stattdessen seien die Menschen dabei, weltweit wesentliche Teile des Ökosystems zu zerstören. In der Mainzer Erklärung wird deshalb ein besserer Schutz für die genetische Vielfalt durch Naturschutzräume, Stärkung der Forschung und mehr Aufklärung gefordert.

Nach Angaben der Weltnaturschutzorganisation IUCN sind weltweit mehr als 16 000 Arten vom Aussterben bedroht, darunter etwa ein Viertel aller Säugetierarten, ein Drittel aller Amphibien und rund zwölf Prozent aller Vogelarten. In Deutschland sind akut 33 Prozent der einheimischen Tierarten und 26 Prozent der Pflanzen in ihrem Bestand gefährdet. Weltweit wurden in den vergangenen Jahrzehnten 60 Prozent aller Ökosysteme destabilisiert, ein Viertel aller Meeresfischbestände sind gefährdet.


Artenschwund in Deutschland hält an

WWF-Studie: Netz der Schutzgebiete ist unzureichend. Bund und Länder müssen handeln.

WWF Pressemitteilung, 7.5.08

Frankfurt - Bund und Länder werden ihr Ziel, das Artensterben zwischen Wattenmeer und Alpen bis 2010 zu stoppen und die biologische Vielfalt in Deutschland zu bewahren, nur mit erheblichem Mehraufwand erreichen können. Dies geht aus der heute veröffentlichten WWF-Studie „Naturschutz in Deutschland. Schutzgebiete und das Biodiversitätsziel 2010“ hervor. Deutschland ist ab Mitte Mai Gastgeber des UN-Umweltgipfels zum „Übereinkommen über die biologische Vielfalt“ (CBD) in Bonn.

Der WWF fordert die heute in Mainz tagenden Umweltminister von Bund und Ländern auf, den Naturschutz in Deutschland endlich konsequent umzusetzen. „Wenn Bundeskanzlerin Merkel beim anstehenden UN-Gipfel zu Biodiversitäts-Kanzlerin werden und als gutes Vorbild vorangehen will, muss Deutschland endlich seine Hausaufgaben machen“, so Frank Barsch, WWF-Artenschutzexperte und Autor der Studie.

Wie die Studie berichtet, ist die Zahl der bedrohten Biotope trotz aller Schutzbemühungen zwischen 1994 bis 2006 von 68,7 auf 72,5 Prozent gestiegen. Langfristig drohe die Hälfte aller Biotope zu verschwinden. Andererseits genießt lediglich ein halbes Prozent der Landesfläche den höchsten Schutzstatus eines Nationalparks. Auf dem Papier gebe es darüber hinaus zwar eine beeindruckende Zahl von Schutzgebieten. Doch ein Großteil davon, so der WWF-Report, leiste faktisch keinen Beitrag zur Bewahrung der Vielfalt. So seien die über 7.000 Landschaftsschutzgebiete und knapp 100 großen Naturparke nahezu wirkungslos. „Naturschutz in Deutschland gleicht noch immer einem Flickenteppich von minderer Qualität. Die Schutzgebiete sind häufig zu klein, zu isoliert und in einem schlechten Zustand. Die angekündigte Trendwende ist nicht in Sicht“, erläutert Barsch.

Selbst um die 14 Nationalparke sei es nicht gut bestellt. „Der weltweite Standard, nachdem drei Viertel der Fläche sich selbst überlassen bleibt, wird nur in jedem vierten Nationalpark erreicht“, so Barsch. Der aktuelle Streit um Ölbohrungen im Wattenmeer zeige, wie weit man hierzulande noch von internationalen Ansprüchen entfernt sei. Auch das wenig ambitionierte Ziel, zwei Prozent Deutschlands als unberührte Wildnis zu etablieren, liege noch in weiter Ferne.

Die größten Erfolge gibt es laut WWF beim Schutz stark bedrohter Arten zu verzeichnen. Seeadler, Kranich, Biber und Seehund sind seit Jahren im Aufwind, der Wolf ist zurückgekehrt. „Diese erfreulichen Nachrichten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rote Liste immer länger wird“, so Barsch. Besonders Amphibien und Reptilien seien gefährdet, die Vorkommen des seltenen Apollofalters schwinden und selbst Allerweltsarten wie der Haussperling seien rückgängig.

Erfreulich ist, so die WWF-Studie, dass Deutschland – allerdings mit zehn Jahren Verspätung – seinen Verpflichtungen innerhalb in der EU weitgehend nachgekommen ist. 4.617 Gebiete sind gemäß der sogenannten „Flora-Fauna-Habitat“-Richtline (FFH) nach Brüssel gemeldet worden, hinzu kommen weitere 558 Vogelschutzgebiete.

Um das 2010-Ziel doch noch zu erreichen, müssten Bund und Länder umgehend für klare Standards in den Schutzgebieten sorgen und vor allem die Belastungen einschränken. Dazu brauche es mehr Geld, mehr Personal, bessere Konzepte und vor allem die Einhaltung der nationalen und internationalen Schutzstandards. „Industrie, Politik und Behörden planen schmerzliche Eingriffe in einige der wertvollsten Naturgebiete der Republik: Neue Ölbohrungen im Nationalpark Wattenmeer, ein Kohlekraftwerk am Rande des FFH-Gebietes Greifswalder Bodden und die Zerstörung geschützter Flusslandschaften in Elbe, Weser und Ems. Wenn Deutschland es ernst meint mit dem Naturschutz, müssen diese Projekte umgehend gestoppt werden“, so WWF-Experte Barsch.


Mainzer Sonder-Umweltministerkonferenz muss Defizite der Länder beim Natur- und Artenschutz ins Visier nehmen

BUND Pressemitteilung, 7.5.08

Mainz/Berlin: Anlässlich der Mainzer Sonderkonferenz der Umweltminister von Bund und Ländern forderte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) verstärkte Anstrengungen der Bundesländer zum Erhalt der Artenvielfalt. Als Gastgeber der im Mai in Bonn stattfindenden UN-Naturschutzkonferenz komme Deutschland beim globalen Schutz bedrohter Tiere und Pflanzen eine Schlüsselrolle zu. Dennoch seien Defizite im eigenen Land nicht zu übersehen. Neuen Berichten des Bundesamtes für Naturschutz zufolge seien in Deutschland derzeit rund drei Viertel der europäisch bedeutsamen Arten und Biotoptypen gefährdet. Besonders bedroht sind demnach seltene Amphibien, Reptilien, Libellen und Schmetterlinge.

Hubert Weiger, BUND-Vorsitzender: „Die Länder sind zwar für den Naturschutz zuständig, ihre Aktivitäten reichen aber vorne und hinten nicht aus. Außerdem wird das Personal in den Naturschutzverwaltungen und -behörden trotz gestiegener Anforderungen massiv abgebaut. Und dann fällt einigen Landesregierungen und manchen Länderparlamenten oder Industrieverbänden nichts anderes ein, als unter dem Deckmantel des Bürokratieabbaus die Schutzstandards für Biotope und gefährdete Arten herunter zu schrauben.“

So wolle der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) gemeinsam mit den hessischen bzw. nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Roland Koch bzw. Jürgen Rüttgers die Axt an das europäische Naturschutzrecht legen. Ihr gemeinsamer Vorstoß in Brüssel zur Aufweichung von EU-Naturschutzrichtlinien missachte nicht nur die zunehmende Gefährdung seltener Arten und Biotope, er demotiviere auch andere Bundesländer.

Folge des schwindenden Engagements und mangelnder Kapazitäten im Naturschutz sei die bislang ungenügende Umsetzung der EU-Richtlinie zum Schutz von Flora, Fauna und Habitaten (FFH-Richtlinie) auf Länderebene. Noch immer seien nach Brüssel gemeldete FFH-Gebiete nicht gekennzeichnet, oft existierten für sie weder ausreichende Schutzgebietsverordnungen noch mit den Flächennutzern abgestimmte Bewirtschaftungspläne. Deshalb könnten die dort vorkommenden seltenen Pflanzen, Tiere und Lebensräume nicht ausreichend geschützt werden.

Dem Versuch einiger Länder, die FFH-Richtlinie aufzuweichen, müsse entschieden entgegen getreten werden, sagte Weiger. Die Umweltverbände würden es nicht hinnehmen, wenn sich ausgerechnet im Umfeld des Welt-Artenschutzgipfels Bestrebungen zur Lockerung der deutschen Standards im Naturschutz abzeichneten.

Einen 10-Punkte-Katalog der deutschen Umweltverbände zum Erhalt der biologischen Vielfalt anlässlich des UN-Naturschutzgipfels finden Sie hier.


Gabriel appelliert an Länder: Schutz von Natur und Landschaft nicht aufweichen

"Wir können uns eine Verschwendung der Natur nicht mehr leisten"

BMU Pressemitteilung, 7.5.08

Wenige Tage vor Beginn der UN-Naturschutzkonferenz in Bonn (vom 19. bis 30. Mai) hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel auf den hohen wirtschaftlichen Wert der Natur für die Entwicklung in vielen Teilen der Erde, auch in Deutschland, hingewiesen. "Deutschland als einer der führenden Industriestaaten profitiert in hohem Maße von der wirtschaftlichen Nutzung der biologischen Vielfalt", sagte Gabriel heute auf einer Sonderkonferenz der Umweltminister in Mainz. Er appellierte zugleich an die Länder, in Anbetracht des fortschreitenden Verlusts an Biodiversität in Deutschland bei der gegenwärtigen Diskussion des Umweltgesetzbuches die rechtlichen Garantien für den Schutz von Natur und Landschaft nicht aufzuweichen. "Angesichts des fortschreitenden Verlustes an biologischer Vielfalt in Deutschland brauchen wir auch weiterhin die verbindlichen Regelungen der guten fachlichen Praxis in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft", sagte Gabriel.

Allein der jährliche Marktwert der genetischen Ressourcen und der daraus entstehenden Produkte wird weltweit auf 500 bis 800 Milliarden US-Dollar geschätzt. Die pharmazeutische Industrie ist einer der großen Nutznießer. Rund 50 Prozent der heute in Deutschland gebräuchlichen Arzneimittel basieren auf Heilpflanzen beziehungsweise deren Inhaltsstoffen. "Wer sich also für die Erhaltung der Pflanzen einsetzt, sichert damit gleichzeitig die Rohstoffbasis für wichtige Bestandteile von Arzneimitteln unserer pharmazeutischen Industrie", betonte Gabriel.

Mit der Unternehmer-Initiative "Biodiversity in Good Company" hat das Bundesumweltministerium im Vorfeld der UN-Naturschutzkonferenz einen Anstoß zur Kooperation mit der Wirtschaft gegeben. "Wir wollen aufzeigen, welche Rolle private Unternehmen bei der Reduzierung des weltweiten Verlusts an biologischer Vielfalt übernehmen können", so Gabriel. Während der Konferenz in Bonn wollen sich ausgewählte Unternehmen durch Unterzeichnung einer so genannten "Leadership-Erklärung" verpflichten, mit konkreten Beiträgen die Ziele der UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt zu unterstützen. Dies soll durch individuell angepasste Maßnahmen und die Verankerung in Managementstrategie und Unternehmenszielen geschehen.

Im November letzten Jahres hat die Bundesregierung auf Vorschlag von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel eine Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt beschlossen. Sie gilt als die weltweit anspruchsvollste Festlegung von Zielen und Maßnahmen zur biologischen Vielfalt. Insgesamt enthält die Strategie rund 330 Ziele und rund 430 Maßnahmen zu allen biodiversitätsrelevanten Themen. "Diese Strategie ist die deutsche Antwort auf die zukünftige nationale Umsetzung des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt. Sie verpflichtet die gesamte Regierung, die derzeitige und auch künftige Bundesregierungen. Und auch die Länderregierungen sowie alle gesellschaftlichen Akteure werden in die Pflicht genommen", sagte Gabriel.

Der Bundesumweltminister würdigte das Engagement der Bundesländer. "Die heutige Umweltministerkonferenz zeigt, dass wir auch im Bund-Länder-Verhältnis das Thema sehr ernst nehmen. Ich freue mich, dass sich die Länder rege am nationalen Vorbereitungsprozess der Weltnaturschutzkonferenz beteiligt haben und auch während der Konferenz wichtige Beiträge leisten", so Gabriel. Die heute beschlossene "Erklärung der Umweltministerkonferenz zur Biodiversität" nannte Gabriel "ein wichtiges Signal für die Weltnaturschutzkonferenz und auch für die deutsche Öffentlichkeit".

Der Bundesumweltminister appellierte an die Bundesländer, die bestehenden Naturschutzrichtlinien der EU nicht fortgesetzt anzugreifen und bei der gegenwärtigen Diskussion des Umweltgesetzbuches die rechtlichen Garantien für den Schutz von Natur und Landschaft nicht aufzuweichen. "Bewährte Naturschutzinstrumente dürfen nicht in Frage gestellt werden. Die Behauptung Naturschutzrichtlinien würden wirtschaftliche Entwicklungen nicht zulassen, ist unsinnig. Im Gegenteil, die Berücksichtigung von Naturschutzbelangen schafft erst Planungssicherheit", sagte Gabriel.

Angesichts des fortschreitenden Verlusts an Biodiversität auch in Deutschland müsse das Niveau des Schutzes von Natur und Landschaft, wie es auf Bundes- und Länderebene derzeit besteht, erhalten bleiben. "Einen gedankenlosen Umgang und damit meistens eine sorglose Verschwendung unserer Natur können wir uns nicht mehr leisten. Das wäre das Gegenteil von Nachhaltigkeit", betonte Gabriel.







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