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Aktuell

Baumbesetzung bei Frankfurt

Aktivisten besetzen den Wald

Von Madeleine Reckmann, Frankfurter Rundschau, 28.5.08

Der 23-jährige Flo kraxelt langsam und lautlos die Eiche hinauf. "Industrieklettertechnik". erklärt Georgina, 22. Dazu hat Flo zwei Schlaufen an einem Seil befestigt, die eine hält seinen Körper, die andere das rechte Bein. Mit dem linken Bein stößt er sich am Baum ab. Es ist idyllisch im Kelsterbacher Wald am Waldhäuschen, Vögel zwitschern, Flugzeuge rauschen, die Sonne scheint durch das junge Frühjahrsgrün. Gelassen bereiten sich einige der zehn unabhängigen Aktivisten, die in der Nacht zum Mittwoch den Wald besetzt haben, auf einen langen Aufenthalt vor, auf und unter den Bäumen. Ein junger Mann arbeitet auf einer Plattform auf einer benachbarten Eiche an einer Traverse, auf der sich später die Kletterer von Baum zu Baum hangeln können. Georgina bleibt am Boden, näht ihre Hose und plaudert. Zwei Biertische stehen da, mit Thermoskannen, Müslitüte und Hafermilch. "Wir sind fast alle Veganer", sagt sie.

Die Beschaulichkeit wird jäh gestört, als gegen zehn Uhr zwei städtische Mitarbeiter in Begleitung zweier Polizeibeamten auftauchen und die Lage inspizieren. Die Polizei nimmt die Personalien auf. Ein städtischen Mitarbeiter fotografiert. In diesem Waldstück plant Fraport, die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens, den Bau der neuen Landebahn Nord-West. Mehr als 250 Hektar Wald sollen dafür gerodet werden. Das wollen die Aktivisten nicht hinnehmen. "Flugverkehr schadet dem Klima mehr als anderer Verkehr", sagt ein Mann im Batik-Shirt. Ihre Station im Wald soll zum Widerstandszentrum gegen den Ausbau werden, hoffen sie. Für Sonntag ist dort ein großes Treffen der Bürgerinitiativen geplant.

Die Gruppe hat den Zeitpunkt für die Waldbesetzung bewusst gewählt. "Wenn Fraport erst mal die Genehmigung zur vorzeitigen Besitzeinweisung hat und mit seinen Maschinen im Wald ist, wird es schwieriger für uns", sagt der junge Mann. Beim jetzigen Besitzer, der Stadt Kelsterbach, rechnen sich die Aktivisten Wohlwollen aus, weil sich die Stadt bislang entschieden gegen den Flughafenausbau eingesetzt hat. Außerdem ist im August Bürgermeisterwahl. Der jetzige Erste Stadtrat und SPD-Kandidat Manfred Ockel könne es sich nicht leisten, gegen die Waldbesetzer vorzugehen, glauben sie. "Dann hat er bei der Bevölkerung verspielt", sagt jemand. Was die Meinung des Ersten Stadtrats betrifft, haben sich die Besetzer geirrt. "Das ist Hausfriedensbruch, wir entfernen jeden, der sich in unserem Wald niederlässt", sagt Ockel auf FR-Anfrage. Da sich die Stadt wegen der Besitzeinweisung in einem laufenden Verfahren befinde, könne sie den Waldbesetzern nicht das Betreten des Waldes erlauben, aber Fraport verbieten, sagt er. Ockel gestattet den Aktivisten nur, bis Sonntag zu bleiben. Ob die Besatzer danach gehen, lassen sie offen. "Das muss jeder für sich entscheiden", sagt Georgina. Schließlich hat sich die Gruppe auf etliche Wochen in den Baumwipfeln eingestellt. Und der Unterstützung der Bevölkerung ist sie sich gewiss.


Waldschutz statt Flughafenausbau

ROBIN WOOD: Waldbesetzung gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens stärkt den Widerstand gegen Klimakiller Flugverkehr

ROBIN WOOD Pressemitteilung, 30.5.08

Seit Mittwoch dieser Woche halten mehrere unabhängige UmweltaktivistInnen Bäume im Kelsterbacher Bannwald besetzt, den Fraport für den Bau einer neuen Start- und Landebahn roden will. ROBIN WOOD hält diesen Protest für notwendig, weil die Politik bislang versagt hat, den extrem klimaschädlichen Flugverkehr einzudämmen.

„Deutschland sonnt sich gerade darin, internationaler Meister beim Schutz von Wäldern und Klima zu sein, weil die Bundesregierung bis 2012 500 Millionen Euro zusätzlich für den internationalen Waldschutz zur Verfügung stellen wird. Ein Umsteuern im eigenen Land aber ist nicht in Sicht. Allein am Frankfurter Flughafen sollen sieben Milliarden für den Aus- und Umbau des Flughafens und die Zerstörung des Waldes fehlinvestiert werden“, kritisiert Monika Lege, Verkehrsreferentin bei ROBIN WOOD.

Fraport will noch in diesem Jahr 250 Hektar Mischwald roden, um dort eine vierte Landebahn zu bauen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Bannwald und ein Schutzgebiet nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Die neue Landebahn will Fraport spätestens im Winter 2011 in Betrieb nehmen. Dadurch sollen die Passagierzahlen bis 2020 auf jährlich 90 Millionen Menschen von derzeit 54 Millionen ansteigen.

Allein die Passagiermaschinen, die zurzeit von Frankfurt aus zu Internkontinentalflügen starten, verursachen eine Erwärmungswirkung von 86 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Das sind 36 Millionen Tonnen mehr als der gesamte Kohlendioxidausstoß der Schweiz. Die Kontinental- und Frachtflüge ab Frankfurt sowie steigende Kapazitäten nach dem Ausbau sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. Die Klimaschutzziele der Bundesregierung sind so nicht zu erreichen.

Bislang gehört der Wald, der für die Landebahn fallen soll, noch der Stadt Kelsterbach, die sich gegen den Bau der Landebahn ausgesprochen hat. Seit dem 19. Mai verhandelt Fraport über eine „vorzeitige Besitzeinweisung“. Damit soll die Stadt Kelsterbach zum Verkauf gezwungen werden. Fraport könnte dann sofort im Wald tätig werden und Fakten schaffen, obwohl noch Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss laufen.

Die BaumbesetzerInnen haben bereits etliche Solidaritätsbekundungen von örtlichen Bürgerinitiativen und Umweltverbänden bekommen. Die Stadt Kelsterbach will die Aktion bis einschließlich Sonntag dulden. Die BaumbesetzerInnen freuen sich gerade angesichts einer drohenden Räumung über zahlreiche UnterstützerInnen vor Ort.

ROBIN WOOD-AktivistInnen hatten zuletzt Anfang November 2007 bei einem Klettertraining im Kelsterbacher Wald über den Flughafenausbau informiert.







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