AktuellZur Frankfurter Baumbesetzung
»Das gesamte Ökosystem wird zerstückelt«Umweltaktivisten wehren sich gegen den Ausbau des Flughafens Frankfurt/Main. Der Wald wurde besetzt. Gespräch mit Tobias KraftVon Gitta Düperthal, Junge Welt, 3.6.08 Eine Gruppe von bundesweiten Umweltaktivisten hält seit Mittwochmorgen den Kelsterbacher Wald besetzt. Sie protestiert damit gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens und die Abholzung mehrerer Hektar Bannwald. Am Wochenende kamen mehrere hundert Unterstützer. Warum haben Sie sich für die Waldbesetzung entschieden? Wir sind ganz energisch gegen eine neue Betonpiste solchen Ausmaßes. Man muß sich das einmal vorstellen: 400 Hektar Wald sollen zerstört und gerodet werden. Mehr als 40000 Bäume sollen gefällt werden. Und zwar von einem Bannwald, der ja eigentlich die Bürger vor dem Fluglärm schützen sollte und nach EU-Richtlinien als sogenanntes Fauna-Flora-Habitat (FFH) höchste Schutzqualität genießt. Seit 1998 ist bereits bekannt, daß die Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport diesen Wald roden will. Sieben Milliarden Euro sollen in den Flughafen investiert werden, vier Milliarden in die neue Landebahn und drei Milliarden in den Ausbau des Flughafens. Mit dieser Erweiterung wird die Gesamtkapazität der drei größten Flughäfen in Frankfurt, München und Berlin verdoppelt. Es ist ein Unding, daß der Fughafen als riesiges Shopping-Center geplant wird, als eine Art Erlebnis-Flughafen wie Dubai oder London. Wie sieht die aktuelle Situation aus? Noch gehört das Waldgebiet der Gemeinde Kelsterbach, der juristische und landespolitische Weg gegen die Flughafenerweiterung ist noch nicht ausgeschöpft. Somit gehört der Wald zur Zeit noch der Allgemeinheit. Jedoch ist alles in Vorbereitung für eine endgültige Enteignung durch die Fraport. Am 19. Mai wurde über eine vorzeitige Übertragung des Waldstückes an das Unternehmen verhandelt. Es ist ein Skandal, daß die hessische CDU-Landesregierung unter Roland Koch den Flughafenausbau als angebliches »Projekt für das Gemeinwohl« anerkannt hat. Welche ökologischen Folgen sind zu befürchten? Mit Waldrodungen solchen Ausmaßes wird bekanntlich die weltweite Klimakatastrophe vorangetrieben. Über den schwindenden Erholungswert für die Menschen muß auch geredet werden. Das gesamte Ökosystem, das sich den Main entlang zieht, wird zerstückelt, aus dem Gleichgewicht gebracht, letztendlich zerstört – angefangen mit dem Kraftwerk bei Groß-Kotzenburg bis zur Müllverbrennungsanlage nahe Höchst und dem Flughafenausbau in Kelsterbach. Sie sind bereits seit mehreren Tagen im Kelsterbacher Wald. Wie organisieren Sie Ihren Widerstand? Wir sind eine Stammgruppe von erfahrenen Aktivisten, die sich aus dem linkspolitischen und ökologischen Widerstand kennengelernt hat. Wir haben bereits mehrere Plattformen zwischen den Bäumen ausgebaut. Rund 70 Initiativen gegen den Flughafenausbau, Robin Wood und andere Umweltorganisationen unterstützen uns. Die Linke hat sich bereits vor Ort solidarisch gezeigt, Die Grünen haben eine Presseerklärung in unserem Sinn herausgegeben. Vor allem aber unterstützt uns die örtliche Bevölkerung aktiv. Wir können uns in der Nachbarschaft waschen oder ins Internet gehen. Leute bringen Geschirr, Essen, Decken, sogar Zelte vorbei. Daran kann man sehen, daß es nicht das erste Mal ist, daß die Menschen hier in der Region so eine Bewegung organisieren. Am Wochenende haben sich unter anderem Leute aus dem ehemaligen Widerstand gegen die Startbahn West blicken lassen. Für den Fall, daß wir geräumt werden, ist mit einer breiten Solidarität zu rechnen. Drei unterschiedliche Telefonketten sind eingerichtet. Sind Ihnen weitere Waldbesetzer willkommen? Wir laden jeden ein, der mitmachen will, den Wald mit uns gemeinsam zu besetzen – ob nur für einen Tag oder einen größeren Zeitraum. Man sollte allerdings im Kopf haben, daß es sich hier um einen Wald handelt, also ein sensibles Ökosystem. Wir selber sind darauf eingerichtet, hier längere Zeit zu bleiben und unseren Protest deutlich zu machen. Unser Widerstand gegen den Flughafenausbau soll gewaltfrei sein, denn man kann keine herrschaftsfreie Gesellschaft aufbauen, wenn man Gewalt ausübt. Info: flughafen-bi.de » zurück |
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