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Borkenkäfer im Bayerischen Wald

„Das ist das Ende des Hochwalds“

Tschechien bekämpft den Borkenkäfer am Dreisessel nicht mehr - Bayerwaldberg droht kahl zu werden

Von Christoph Seidl, Passauer Neue Presse, 14.6.08

Dreisessel. Wer auf dem Grenzsteig unterhalb des Dreisessels wandert, dem fällt der Unterschied sofort ins Auge: Auf der einen Seite des Weges liegen die von Orkan Kyrill im Januar 2007 gefällten Baumriesen kreuz und quer. Auf der anderen Seite ist alles aufgeräumt, junges Grün wächst nach. Nur ein paar der uralten Stämme liegen noch dort, allerdings entrindet, damit der Borkenkäfer keine Nahrung findet.

Brutstätten für den Schädling

Der Weg bildet die Grenze zwischen Bayern und Böhmen und während der Forstbetrieb Neureichenau, der den bayerischen Hochwald an dieser Stelle bewirtschaftet, das Orkan-Schadholz längst aufgearbeitet hat, lässt es der Nationalpark Sumava liegen. Der Grund: Die Tschechen ordnen diese ökologisch wertvollen Wälder der sogenannten Zone I zu, in der keinerlei menschlicher Eingriff erlaubt ist - der böhmische Nationalpark steht immer wieder in der Kritik, weil er zu wenige solcher Zone-I-Flächen aufweisen kann. Gab es noch bis Ende 2007 eine Vereinbarung, den Schädling entlang der Staatsgrenze im Dreiländereck in einer Breite von 200 Meter zu bekämpfen, ist nun alles anders.

Das Problem: Die gefallenen Baumriesen bieten ideale Brutstätten für den Borkenkäfer und der macht vor keiner politischen Grenze halt. Deshalb haben Landwirtschaftsminister Josef Miller, das Stift Schlägl, das den Hochwald im Dreiländereck auf österreichischer Seite besitzt, und die Bayerischen Staatsforsten über Monate versucht, angesichts der kritischen Borkenkäfersituation die Nationalparkverwaltung zum Handeln zu bewegen. Die Bitte der Nachbarn: ein mindestens 500 Meter breiter Pufferbereich auf böhmischer Seite an der Grenze, in dem der Schädling bekämpft werden soll. „Das tschechische Umweltministerium hat diese Forderung jetzt abgelehnt und stellt die Bekämpfung ein“, sagt Forstbe-triebsleiter Michael Held und spricht gar von einer „Provokation“. Denn Übergangszonen, bei besonderer Gefährdung auch bis zu 1000 Metern, gelten in den Nationalparks Mitteleuropas wie im Bayerischen Wald oder in den österreichischen Kalkalpen als Standard.

Harald Schäfer, seit über 20 Jahren Revierleiter am Dreisessel, stellte bei einer ersten Kontrolle bereits an die 3000 Festmeter vom Borkenkäfer befallene Fichten fest. „So viel wie nie - und wir stehen erst am Anfang des Borkenkäferjahres.“ Der Forstbetrieb Neureichenau wird deshalb sofort mit Waldschutzmaßnahmen beginnen - was auch zu Beeinträchtigungen bei den Wanderwegen führen wird. „Dort, wo nur wenige Fichten befallen sind, werden diese entrindet und auf der Fläche belassen. Aber bei dem sich abzeichnenden großflächigen Befall wird eine Seilanlage eingesetzt“, so Schäfer.

Trotz aller Bemühungen auf deutscher Seite wird der Bergfichtenwald dennoch innerhalb weniger Jahre am Dreisessel verschwinden, so die düstere Prognose der Forstexperten. „Diese 200 bis 300 Jahre alten Wälder zerfallen zwar altersbedingt schon jetzt, doch dieser Prozess dauert Jahrzehnte, jetzt beschleunigt er sich dramatisch“, sagt der Dreisessel-Revierleiter.

Mindestens 100 000 Euro Kosten

Dazu kommen noch die wirtschaftlichen Einbußen: Im vergangenen Jahr musste der Forstbetrieb rund 12 000 Festmeter Kyrill-Holz in den Hochlagen am Dreisessel aufarbeiten. „Rund eine Viertelmillion Euro haben wir ausgegeben, jetzt rechnen wir wieder mit Kosten von mindestens 100 000 Euro, dadurch geht die Gewinnabführung deutlich zurück“, rechnet Held vor.

Der bayerische Forstbetriebsleiter nennt das Vorgehen des tschechischen Umweltministeriums den „Todesstoß für die Hochlagenwälder am Dreisessel“ - und warnt auch vor den ideellen Folgen: „Damit erweist man der Nationalpark-Idee einen Bärendienst, denn wenn der Nationalpark Sumava den Schutz des benachbarten Waldes - seien es nun die Staatswälder auf bayerischer Seite oder die Wälder des Stiftes Schlägl in Österreich - nicht mehr respektiert, sinkt die Akzeptanz in der Bevölkerung. Und dies kann nicht im Sinne des Naturschutzes sein.“







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