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Aktuell
Marderhund in Deutschland
Asiatischer Einwanderer im deutschen Unterholz
In Japan baut man Statuen für den Enok, dort wird er verehrt und geliebt. Bei uns ist das pussierliche Tierchen als Eindringling verschrien, das nichts verschmäht, um sich den nötigen Winterspeck anzufressen.
Von Claudia Schülke, epd, 16.6.08
Er trägt eine Maske wie ein Waschbär. Aber er ist keiner. Er sieht aus wie ein Marder, aber er gehört zur Familie der Hundeartigen. Er bellt nicht. Trotzdem ist er ein echter Hund: ein Marderhund eben oder Enok. Nyctereutes procyonoides, wie ihn die Biologen nennen, geistert offenbar unter einem Tarnkäppchen durch den deutschen Wald. Das scheue Tier ist nachtaktiv und lebt im Unterholz. Das macht ihn ebenso unsichtbar für Spaziergänger wie für Jäger, die dem Neubürger an den Pelz wollen.
Denn der Marderhund ist ein Neuzugang in Europa und hat wenig natürliche Feinde. Seine ursprüngliche Heimat liegt in Asien, zwischen dem Mekong-Fluss in Vietnam und dem sibirischen Amur. Im Fernen Osten musste sich der Marderhund mit einem üppigen Unterfell gegen die Kälte wappnen, was ihn zu einem begehrten Pelzlieferanten machte. Auch auf den japanischen Inseln ist der Enok zu Hause. Die Japaner lieben ihren «Tanuki» so, dass sie ihn als Verwandlungskünstler in ihren Fabeln verewigt haben und ihm Statuen bauen.
Jäger und so manche Naturschützer in Europa hingegen halten den Allesfresser für einen «invasiven» Eindringling, der die Gelege von ohnehin gefährdeten Bodenbrütern und Seevögeln in Mecklenburg ausnimmt: «Von Flussseeschwalben etwa, die in Kolonien brüten und dem Marderhund damit gleich 20 Nester zum Frühstück anbieten», wie Biologin Heidrun Heidecke vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) beobachtet hat.
Seit 1962 breitet sich der Enok in Deutschland aus, zunächst in der damaligen DDR. In Finnland kam er schon 1935 an. Denn zwischen 1928 und 1950 wurden zunächst in der Ukraine und dann hinauf bis zur karelischen Grenze fast 10.000 Tiere ausgesetzt. Dazu gesellten sich «Ausbrecher» aus Pelztierfarmen.
Fuchs und Enok streiten sich
Ausrotten lässt er sich in Deutschland nicht mehr. «Aber kontrollieren wollen wir ihn», sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutzverband. Nicht dass die Jäger um den Fuchs bangen müssten, dem der Enok in den östlichen Bundesländern die ökologische Nische streitig mache - aber die heimische Vielfalt solle erhalten werden. Im Jahr 2004 hatten die Jäger noch 11.000 Abschüsse gezählt, 2005 waren es schon mehr als 30.000. Im vorigen Jahr erlegten sie allerdings nur noch rund 27.000 Marderhunde. Da der Enok gern Mais frisst, wird er häufig an Futterplätzen geschossen, an denen die Jäger Schwarzwild anlocken. Auch mit Fallen wird ihm nachgestellt.
Anders als der Fuchs ist der Enok kein ausgesprochener Jäger, sondern frisst, was ihm vor die Schnauze kommt: Wenn keine Frösche, Kröten oder Nagetiere zu haben sind, tut er sich auch an Abfallkörben gütlich. Im Herbst ergänzen Früchte, Pilze, Kastanien und Eicheln seinen Speiseplan. Aber auch Aas verschmäht er nicht, um sich ein Fettpolster anzufressen.
Der Enok bekommt bis zu 20 Welpen
Denn als einziger Wildhund zieht der Enok sich zur Winterruhe zurück, bevor er im Februar wieder munter wird. Zur Aufzucht der Jungen sucht er sich dann einen aufgelassenen Fuchs- oder Dachsbau. Nach neun Wochen Trächtigkeit wirft die Fähe fünf bis zehn Welpen, bisweilen aber auch 20 - eine Anpassung an die vielen Fressfeinde in der östlichen Heimat.
Da es in Deutschland keine Bären, nur vereinzelte Wölfe und wenige Luchse gibt, können die Marderhunde viele Junge aufziehen. Mit drei Wochen verlassen die Welpen den Bau und mit zehn Monaten suchen sie sich einen Partner - den sie nicht mehr verlassen: Die Marderhunde bleiben ihr Leben lang als Paar zusammen.
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