Aktuell


Streit um Spessart-Wald

Spürbarer Unmut über Staatsforsten

250 Besucher bei Podiumsdiskussion zur Waldbewirtschaftung in Heigenbrücken

Von Johannes Ungemach, Main Post, 17.6.08

An der Bewirtschaftung der Staatswälder des Spessarts scheiden sich weiterhin die Geister. Das wurde am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion in Heigenbrücken überdeutlich. Zwei Stunden lang untermauerten die verschiedenen Lager ihre Positionen. Eine spürbare Annäherung gab es dabei nicht.

Es war eine emotionsgeladene Veranstaltung in der mit gut 250 Menschen voll besetzten Halle am Heigenbrückener Wildpark. Immer wieder hallten gellende Pfiffe oder lautstarker Applaus durch den Raum. Dabei dominierten deutlich hörbar die Kritiker der Staatsforsten und ihr Unmut über die aktuelle Bewirtschaftung des Waldes. Am Ende stand der Tenor im Raum, dass die Spessartbevölkerung ein wachsames Auge auf ihren Wald werfen müsse, um zu verhindern, dass dieser Schaden nimmt.

„Der Staat hat den Wald als Einnahmequelle entdeckt“, hatte Moderator Martin-Niels Däfler die Diskussionsrunde eröffnet. Aus der daraus resultierenden Bewirtschaftung ergäben sich „naturgemäß Interessenskonflikte“, die sich in den vergangenen Wochen zu einer „emotionsgeladenen öffentlichen Diskussion“ entwickelt hätten. Die Podiumsdiskussion solle nun klären, ob und wie im Wald ein Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie gelingen könne.

Vorwürfe an Staatsregierung

Nach Ansicht von Ralf Straußberger, dem Waldreferenten des Bund Naturschutz, ist das öffentlich propagierte Gleichgewicht zwischen Ökonomie und Ökologie im Staatswald längst abhanden gekommen. Seitdem die Staatsregierung das privatwirtschaftlich orientierte Unternehmen Bayerische Staatsforsten mit der Bewirtschaftung des Staatswaldes betraut habe, gebe es eine „systematische Fehlentwicklung“. Vor allem in den ökologisch besonders wertvollen alten Wäldern werde zu Lasten des Artenreichtums viel zu stark eingegriffen. „Die Schuldigen sitzen in der Staatsregierung“, adressierte der Naturschützer seine Kritik eindeutig. Die Politik habe mit der Forstreform die „Weichen falsch gestellt, nun ernten wir die Früchte“.

In die gleiche Kerbe schlug Christoph Frucht. Der Geschäftsführer des Naturpark Spessart vertrat die Ansicht, dass der „Wald mehr als eine Holzfabrik“ sei. Seine Bewirtschafter sollten sich vor Augen führen, dass man den Wald „gewinnorientiert, aber nicht gewinnmaximiert“ behandeln dürfe. Die Forstwirtschaft erlebe derzeit eine Industrialisierung mit all ihren negativen Folgen, so Frucht. Mit bebender Stimme und an die Adresse der für den Staatswald Verantwortlichen schmetterte der pensionierte Forstmann schließlich eine lateinische Weisheit in die vollbesetzte Halle: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ (Was du auch tust, tu es klug und bedenke, wohin es führt). Wenn er die Entwicklung im Staatswald sehe, so Frucht, komme ihm sofort ein Ausspruch von Wilhelm Busch in den Sinn: „Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.“

Ähnlich empfindet offenbar Sebastian Schönauer. Der Vorsitzende der Interessengemeinschaft kommunale Trinkwasserversorgung zeigte sich „erschüttert über die Verwüstungen“, die momentan im Staatswald überall zu sehen seien. Die für die maschinengerechte Forstwirtschaft alle 25 Meter in den Wald geschlagenen Rückegassen würden nicht nur zu einem „Verlust von einem Fünftel der Waldfläche“ führen, sondern auch die Erosion dramatisch beschleunigen. Insgesamt drohe im Staatswald die „Ökologie unterzugehen“. Man versuche, aus dem Wald „den letzten Euro rauszupressen“.

Spessart ein „Naturparadies“

Walter Mergner, Leiter des staatlichen Forstbetriebes Heigenbrücken sah die Sache anders. Er bezeichnete die Wälder des Spessarts als „Naturparadies“. Gleichwohl handle es sich beim Spessart schon sein Jahrhunderten um einen Wirtschaftswald. Den Förstern sei es zu verdanken, dass sich die Holzvorräte in den vergangenen 160 Jahren nahezu verdoppelt hätten. Auch heute werde weniger Holz genutzt, als nachwächst.

Das wollte BN-Mann Straußberger nicht unbedingt bezweifeln. Allerdings komme es „nicht darauf an, wie viel Holz man erntet, sondern wie man es erntet“. Hier liege derzeit im Staatswald einiges im Argen.

Diese Aussage rief Jann Oetting auf den Plan. Der Leiter des staatlichen Forstbetriebes Rothenbuch ärgerte sich darüber, dass von den Kritikern anhand von „einigen Einzelfällen eine systematische Fehlentwicklung konstruiert“ werde. „Wie viele Einzelfälle müssen wir denn noch aufdecken, damit die Politik endlich reagiert“, hielt Straußberger dagegen.

Die angesprochenen Politiker, allesamt Mitglieder des Landtages, kamen auf dem Podium naturgemäß zu unterschiedlichen Beurteilungen. Ebenso wie Karin Pranghofer (SPD) machte auch Thomas Mütze (Grüne) seiner Unmut über die Forstreform Luft. Die schlimmsten Befürchtungen hätten sich bewahrheitet, sagte Mütze und forderte die Regierung zu einer „Rückumwandlung“ der Forstorganisation auf. Peter Winter (CSU) hingegen gestand zwar ein, dass es zuletzt „große Probleme bei der Bewirtschaftung“ des Staatswaldes gegeben habe. Jedoch lege die Staatsregierung „den Finger in die Wunde“ und sorge dafür, dass Missstände abgestellt würden.

Der an den Ämtern für Landwirtschaft und Forsten angesiedelten hoheitlichen Forstaufsicht fällt die Kontrolle der Bewirtschaftung des Staatswaldes nicht leicht. Das machte Ludwig Albrecht, der Leiter des Karlstadter Amtes deutlich. Zum einen müsse man davon ausgehen, dass die in den Staatsforsten ehemals staatlichen Forstleute auch nach der Forstreform vorbildliche Arbeit leisten. Zum anderen gebe es im Waldgesetz auch keine „knallharten Standards“ deren Einhaltung man überwachen könne.

Bleibt also nur die Überwachung des Staatswaldes durch die Bevölkerung. Gerrit Himmelsbach, der Vorsitzende des Spessartbundes, vertrat jedenfalls die Ansicht, dass alle Bürger „genau beobachten müssen, was von nun an geschieht“. Seine 17 000 Mitglieder zählende Organisation werde jedenfalls „reagieren, wenn die falsche Bewirtschaftung in großem Stil fortgeführt wird“. Ein Redner aus dem Publikum forderte schließlich die Staatsforsten zu einem offeneren Umgang mit der Kritik auf. „Mit permanenter Abwehrhaltung kommen wir nicht weiter.“ Die Misswirtschaft im Staatswald sei schließlich durch viele Beispiele nachgewiesen.

Am Ende gingen die Diskussionsteilnehmer in Heigenbrücken jedoch auseinander, ohne sich in der Sache recht aufeinander zubewegt zu haben. Dennoch zeigte sich Christoph Frucht, der Vorsitzende des Naturpark Spessart, überzeugt davon, dass die Diskussion zu etwas führen wird: „Wir haben gesehen, dass der Wald Emotionen weckt. Und Emotionen bewirken viel.“







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