Aktuell


Naturerbe Steigerwald?

9. Juli, 2008

Sigmar Gabriel kommt in den Steigerwald

Ebrach (dpa/lby) - Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will sich im August ein Bild von den Buchenwaldbeständen im Steigerwald machen. Im Rahmen seiner Sommerreise wird Gabriel nach Angaben eines Sprechers vom Mittwoch für einen Tag nach Ebrach (Landkreis Bamberg) kommen, um vor Ort den Wald zu begutachten und mit Bürgern über die umstrittenen Planungen für einen Nationalpark im nördlichen Steigerwald zu sprechen. Die Idee von Naturschützern, Teile des Naturparks Steigerwald als Nationalpark auszuweisen, stößt seit rund einem Jahr auf massiven Widerstand in der Bevölkerung.


Emotionale Blockade

Studie über den Nationalpark Steigerwald zeigt, wie wichtig ein starker Rückhalt ist

Von Katharina Winterhalter, Main Post, 10.7.08

Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie von Professor Hubert Job über den Nationalpark Bayerischer Wald hat für Aufmerksamkeit in den Kreisen gesorgt, die sich für oder gegen einen Nationalpark Steigerwald engagieren. Job sieht viele positive Aspekte, aber auch negative Auswirkungen, wenn die Bevölkerung vor Ort nicht eindeutig hinter einem Nationalpark steht. Und davon kann im Steigerwald wahrlich keine Rede sein. Neben einer durchaus sachlich geführten öffentlichen Diskussion gibt es einen sehr heftigen anonymen Widerstand.

Ebrach

Auf dem kleinen Waldweg oberhalb von Fabrikschleichach, der vom Parkplatz zur Kapelle führt, hat ein Unbekannter mit weißer Farbe ein Galgenmännchen an eine Buche geschmiert und den Namen des Mannes darunter geschrieben, der wie kein anderer für den Nationalpark Steigerwald kämpft: Georg Sperber, ehemaliger Leiter des Forstamtes Ebrach. Ein paar Meter weiter steht: „den solln die Würmer fressen“.

Es ist nicht die erste Schmiererei dieser Art. Ulrich Mergner, Leiter der Bayerischen Staatsforsten in Ebrach, hat ähnliches schon mehrfach entfernt, hatte auch ein Plakat aufgehängt mit dem Hinweis, dass der Wald Augen und Ohren habe und eine Anzeige drohe. Nachdem eine Weile Ruhe war, ist das Plakat nun weg, die Beleidigungen wieder da. Ähnliches stand auch schon am Zabelstein und selbst auf die Straße vor dem Haus von Georg Sperber in Neudorf hatten Unbekannte Drohungen geschmiert.

Widerstand mit Folgen

Auch wenn das die Aktionen eines einzelnen oder einiger weniger sein mögen, der Widerstand im Kerngebiet des geplanten Nationalparks – vor allem in den Dörfern von Rauhenebrach – ist nach wie vor ungebrochen und wird auf Plakaten und bei Versammlungen deutlich artikuliert. Und genau das hält Hubert Job, Professor für Geografie und Regionalforschung an der Universität Würzburg, für problematisch im Hinblick auf die ökonomische Entwicklung in einem Nationalpark Steigerwald.

Job untersucht im Auftrag des Bundesumweltministeriums seit 2004 deutsche Nationalparks. Den im Bayerischen Wald mit seinen 760 000 Besuchern im Jahr 2007 nennt er in der Studie die größte Attraktion der Region mit bedeutenden regionalökonomischen Effekten. Jeder Euro, den der Staat in den Nationalpark investiere, werde durch die privaten Ausgaben der Besucher mehr als verdoppelt, heißt es in der Pressemitteilung zur Studie. Allerdings sieht der Uniprofessor eine große Diskrepanz zwischen dem alten und dem neuen Nationalparkgebiet. Im Landkreis Freyung-Grafenau habe der Park großen Rückhalt in der Bevölkerung im Gegensatz zum Erweiterungsgebiet im Norden, mit spürbaren Auswirkungen.

„Solange es eine emotionale Blockade gegen einen Nationalpark gibt, wird es sehr schwierig“, sagte Hubert Job auf Anfrage dieser Zeitung wörtlich. Eine solche Idee müsse von denen getragen werden, die da leben.

Abgesehen davon sieht er auch ohne genaue Untersuchungen mehrere Aspekte, die für einen Nationalpark Steigerwald sprechen: die sehr gute verkehrliche Anbindung und die Nähe zu den bekannten Städten Würzburg und Bamberg; die Tatsache, dass der in Frage kommende Wald im Besitz des Staates sei, der mit seinem Land machen könne, was er wolle und schließlich als Drittes der unumstritten sehr hohe naturschutzfachliche Wert des Steigerwaldes mit seinem Buchenbestand. Mit einer eindeutigen Bewertung freilich ist Hubert zurückhaltend. Allein der Stempel Nationalpark genüge nicht, um eine wirtschaftliche Entwicklung voran zu bringen.

Bestätigung des Engagements

Die Befürworter des Nationalparks wie Landrat Günther Denzler (Bamberg) und Georg Sperber sehen ihr Engagement durch die Studie eindeutig unterstützt. „Eine Bestätigung dessen, was wir seit vielen Jahren wissen“, sagte Sperber auf Anfrage. Oskar Ebert, Bürgermeister von Rauhenebrach und zweiter Vorsitzender des Gegner-Vereins „Unser Steigerwald“ wollte sich zu der Studie noch nicht endgültig äußern, bevor er sie ganz gelesen habe. Er sieht aber vor allem die Entwicklung bei den Übernachtungszahlen, die im Landkreis Freyung-Grafenau zwischen 1994 und 2005 dramatisch gesunken seien, von gut drei auf 1,6 Millionen. Demgegenüber habe es im Steigerwald-Tourismus einen Aufschwung gegeben, 4,5 Prozent mehr Übernachtungen im vergangenen Jahr.

Ebert sprach sich einmal mehr für eine sachliche Diskussion aus. „Wir sind konsensfähig, wenn es darum geht, mehr Flächen aus der Nutzung herauszunehmen“. Er forderte aber auch, die Angst der Bevölkerung in der Kernregion ernst zu nehmen. „Wir haben ein Recht darauf, mit einbezogen zu werden“. Das sagte der Bürgermeister auch im Hinblick auf den angekündigten Besuch von Umweltminister Sigmar Gabriel, der auf Einladung des Ebracher Bürgermeisters Max-Dieter Schneider auf seiner Sommerreise im August auch den Steigerwald besuchen will. Schneider gehört bekanntlich zu den Befürwortern des Nationalparks.


Raubbau wie in der Dritten Welt

Wirtschaftliche Interessen werden ein Weltnaturerbe buchstäblich verheizen

Von Mathias Orgeldinger, Echo Online, 9.7.08

Deutschland ist offenbar reich an Kultur, aber arm an Natur: 31 Unesco-Weltkulturerbestätten steht in Deutschland als einziges Weltnaturerbe die Grube Messel gegenüber.

Im Februar 2008 wurde beim Welterbezentrum in Paris das deutsch-niederländische Wattenmeer nominiert, eine Anmeldung der deutschen Buchenwälder ist für 2009 geplant. Auf der Vorschlagsliste stehen die Nationalparke Kellerwald-Edersee (Hessen), Hainich (Thüringen), Jasmund und Müritz (Mecklen-burg-Vorpommern) sowie das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (Brandenburg).

Die Liste basiert auf einer Studie von 2006, in der das Bundesamt für Naturschutz (BfN) 23 Gebiete auf ihr „Potenzial“ untersucht hat: auf Naturnähe, Artenvielfalt und Größe. „Der fränkische Steigerwald landete auf Platz fünf, noch vor Jasmund, Müritz und Schorfheide“, sagt Norbert Panek vom Buchenwaldinstitut e.V., einer der Autoren der BfN-Studie. Weil der aber keinen Schutzstatus hat, kam er dennoch nicht auf die Vorschlagsliste.

Dabei ist neben dem hessischen Kellerwald der nördliche Steigerwald das einzige Buchenwaldgebiet mit pflanzensoziologischen Sonderstandorten. Die Geologie des mittleren Keupers begünstigt Wälder, in denen die Rotbuche mit dem Binsengewächs Hainsimse, Zwiebelzahnwurz, Perlgras oder Waldmeister vergesellschaftet ist.

In Deutschland wachsen etwa 25 Prozent der weltweiten Rotbuchenwälder. Vor etwa 5000 Jahren wanderte Fagus sylvatica aus eiszeitlichen Rückzugsräumen am Mittelmeer nach Zentraleuropa ein.

Ohne menschlichen Eingriff wäre Deutschland zu etwa zwei Dritteln von Buchen-Eichen-Mischwäldern bedeckt. Real besetzt die Buche gerade einmal sieben, in Bayern sogar nur viereinhalb Prozent ihres natürlichen Verbreitungsgebietes.

Teile des „Naturpark Steigerwald“ stehen unter Landschaftsschutz, der Freistaat hat über 10 000 Hektar Laubwälder als Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH) und als Europäisches Vogelschutzgebiet gemeldet. Doch all diese schönen Titel nehmen den Wald nicht aus der Nutzung, mit Ausnahme von vier Mini-Naturwaldreservaten mit 210 Hektar Gesamtfläche.

Forstwirtschaftlich gepflegter „Buchenhallenbestand“ wird nach etwa 120 Jahren geerntet, obwohl Buchen über 300 Jahre alt werden können. Naturnahe Wälder zeichnen sich dagegen durch Bäume in allen Lebensphasen und reichlich Totholz aus. Dieses bietet zahlreichen Insekten und Pilzen Nahrung – und verdoppelt die Wasserspeicher-Kapazität des Waldbodens.

Im nördlichen Steigerwald wurden bisher 1100 Pilze nachgewiesen, davon 250 Großpilzarten, die von absterbendem oder totem Holz leben. Hinter dem Begriff der Biodiversität verbirgt sich meist eine Vielzahl unscheinbarer, aber ökologisch wertvoller Lebewesen.

Stellvertretend für über 400 Arten von holzliebenden Insekten wirbt der Juchtenkäfer für die Qualität des Waldes. Die Gleichung „Unberührtheit gleich Artenvielfalt“ gilt für alle Tiergruppen.

In den Naturwaldreservaten des Nordsteigerwaldes leben bis zu 15 Fledermaus- und 53 Brutvogelarten. Die Dichte brütender Waldvögel ist vier- bis fünfmal so hoch wie in benachbarten Wirtschaftswäldern. Sechs Spechtarten und die seltenen Halsband- und Zwergschnäpper lieben die urwaldähnlichen Biotope, ebenso wie die wiederangesiedelte Wildkatze.

Wer heute noch Buchen-Eichen-Primärwälder sehen will, muss in die Slowakei oder die Ukraine fahren. „In Deutschland gibt es keine Urwälder mehr“, betont Georg Sperber, Waldexperte beim Bund Naturschutz in Bayern und einer der Initiatoren des geplanten Schutzprojektes.

Dazu sollen ausschließlich Staatsforsten herangezogen werden: rund 4600 Hektar um Ebrach und etwa 6000 Hektar zwischen der Rauen Ebrach und dem Main. „Die Fläche hätte den höchsten Buchenanteil aller deutschen Nationalparks“, erklärt Sperber.

Vorerst müssten nur rund 5000 Hektar aus der Nutzung genommen werden. Trotzdem zeigt die Forstverwaltung kein Interesse. „Da geht es ganz simpel um den Verlust von Zuständigkeiten“, meint Sperber. „Möglicherweise bestehen auch Verträge mit der Industrie“, vermutet Winfried Potrykus von der Naturforschenden Gesellschaft in Bamberg.

Seit Bayerns Forstwirtschaft von der Stoiber-Regierung auf neoliberalen Kurs getrimmt wurde, nimmt der ökonomische Druck auf die Wälder zu. „Wie ein Entwicklungsland, das seine letzten Naturschätze verhökert“, schimpft Sperber. Holz aus dem Steigerwald werde nach Österreich, China und in die USA exportiert.

Im November 2007 hat das Bundeskabinett beschlossen, zehn Prozent der öffentlichen Wälder bis 2020 unter Schutz zu stellen. „Wir fordern die Länder auf, diese Vorgabe umzusetzen“, sagt László Maráz, Sprecher des Bundesarbeitskreises Wald des Bund.

Doch der Nationalpark hat Gegner, auch „schwarzbehemdete“, wie „Der Spiegel“ bemerkt. Und damit sind gewiss nicht die zwei CSU-Landräte Günther Denzler und Rudolf Handwerker gemeint, die die Nationalparkidee ins Leben riefen und dafür massiv unter Beschuss geraten sind.

Eine Koalition aus Landwirten, Jägern, Sägewerksbesitzern und Brennholznutzern sucht Urwaldängste zu schüren. Diese „Steigerwaldrebellen“ warnen vor Borkenkäfern und Wildschweinhorden, beklagen angeblich drohende Betretungsverbote, Beschränkungen der Landwirtschaft und Enteignung.

Doch die Angst ist unbegründet: Der Borkenkäfer wird im fichtenfreien Nordsteigerwald keinen Schaden anrichten, und die Jagd im Nationalpark wird im Rahmen des Wildlife-Managements eher verstärkt. Außerdem rekrutiert sich der geplante Nationalpark ausschließlich aus staatlichen Waldflächen.

Wohl kein Mensch käme heute mehr auf die Idee, Burgen als Steinbruch zu nutzen. Die Region muss sich fragen, ob sie ihre Artenvielfalt bewahren will – oder ihr Weltnaturerbe buchstäblich verheizt.







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