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NP Bayerischer Wald und Sumava
Der Wald eint Bayern und Böhmen jetzt schon
Die Nationalparks Bayerischer Wald und Sumava bilden das "grüne Herz Europas" - Behörden verfolgen unterschiedliche Philosophien
Von Ulf Vogler, dpa, 1.12.03
Neuschönau/Kvilda. Es ist das grüne Herz Europas, das größte Waldgebiet des Kontinents. Bayerischer Wald und Böhmerwald bilden zusammen ein einmaliges Naturparadies. Die Bedeutung der Region wird dadurch deutlich, dass auf beiden Seiten der Grenze Nationalparks gegründet wurden. Doch während der Bayerwald-Park als Vorzeigeprojekt gilt, gibt es auf der Seite Tschechiens Probleme. Politische Interessen verhindern, dass wie in Deutschland eine große Naturzone entsteht. Nach Einschätzung von Experten wird es erst in Jahrzehnten auch in Böhmen eine echte Waldwildnis geben.
Bereits die Daten sind beeindruckend: In Niederbayern umfasst der Nationalpark rund 243 Quadratkilometer, der tschechische Nationalpark kommt sogar auf 690 Quadratkilometer. Die Fläche des Waldgebietes ist damit zusammen nahezu doppelt so groß wie die Oberfläche des Bodensees. "Böhmerwald und Bayerischer Wald sind eine großartige Einheit", meint Hubert Weinzierl, der in den 60er Jahren Initiator des ersten deutschen Nationalparks im Bayerwald war und später auch die Gründung des tschechischen Parks Sumava vorangetrieben hat. Er sieht die Chance, dass es zwischen Bayern und Böhmen in Zukunft einen international anerkannten bilateralen Park geben könnte.
Strategie des Nichtstuns
Zumindest auf deutscher Seite ist in drei Jahrzehnten ein Musterprojekt entstanden. Mit rund zwei Millionen Besuchern pro Jahr ist der Park laut Besucherstatistik die größte Attraktion Ostbayerns. Dabei setzen die Gemeinden in der Region auf "sanften Tourismus". So werden im Sommer Straßen für Autos gesperrt, damit die Urlauber auf die umweltfreundlichen, gasbetriebenen "Igel-Busse" umsteigen.
Die Feriengäste suchten insbesondere das Erlebnis Natur, berichten die Ranger des Nationalparks. Dabei müssen die Menschen allerdings erfahren, dass Natur nicht immer "schön" ist. Wer auf den Lusen bei Neuschönau wandert, muss den Anblick von Millionen abgestorbener Fichten ertragen, skelettartig ragen die toten Bäume gen Himmel. In einem Jahrzehnt haben die Borkenkäfer rund 3700 Hektar Wald vernichtet, doch der Mensch darf auf Grund der Nationalpark- Philosophie "Natur Natur sein lassen" nicht großflächig in diese Tragödie eingreifen.
So ist der Bayerische Wald ein gigantisches Umweltexperiment, das den menschlichen Zeithorizont sprengt. Es geht darum, wie die Natur sich nach der Borkenkäfer-Attacke neu entwickelt - Versuchsrahmen 200 bis 300 Jahre. Doch schon heute ist bekannt, dass auf den in den 90er Jahren abgestorbenen Flächen bis zu 4600 kleine Bäumchen pro Hektar nachgewachsen sind. "Es geht schneller als wir geahnt hatten", sagt Nationalpark-Pionier Weinzierl. "Die Natur kennt keine Probleme - nur Lösungen."
In Tschechien sind die Behörden hingegen wenige Monate vor der EU- Osterweiterung noch weit von solch einem Nationalpark-Ideal entfernt. In Sumava werden die Käfer großflächig bekämpft. "Eine Strategie des Nichtstuns wie in Bayern würde zur Ablehnung des Parks bei der Bevölkerung führen", sagt der stellvertretende Nationalpark-Leiter Vladimir Zatloukal. Zudem beanspruchten die Städte und Gemeinden in Böhmen die Wälder rund um ihre Kommunen zur wirtschaftlichen Nutzung.
Auch sonst hat in Tschechien mitunter der Kommerz Vorrang vor der Natur. So wurde bei Kvilda kürzlich der Bau eines Sporthotels im Park genehmigt, nur wenige hundert Meter von der Grenze zum Landkreis Freyung-Grafenau entfernt. Im Bayerwald-Nationalpark wäre dies undenkbar.
Kernzone fehlt
Hauptproblem ist, dass der 1991 gegründete Sumava-Park im Unterschied zum weiß-blauen Pendant im Westen über keine große Kernzone verfügt. Bislang sind gerade einmal 13 Prozent des Nationalparks strenge Schutzzone, und diese Gebiete sind wie ein Flickenteppich über den ganzen Park verteilt. "Es war uns bisher nicht möglich, eine zusammenhängende Naturzone zu bilden", erklärt der Nationalpark-Vize.
Er hofft, dass die Kernzone bald schon auf 22 Prozent der Parkfläche steigt. In ferner Zukunft könnten vielleicht wie im Bayerwald rund 70 Prozent erreicht werden. Aber das werde bestimmt noch 20 bis 30 Jahre dauern, schätzt Zatloukal und sagt: "Politik ist die Kunst des Möglichen, wir müssen immer die Kompromisse suchen."
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