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Aktuell

Kritik an bayerischer Forstreform

Kahlschlag im Forst?

Naturschützer befürchten Privatisierung durch Hintertür

Der neue Tag, 5.12.03

Regensburg. (pk) Wenn der Freistaat seine Forstämter auslichtet, werde das für seinen Wald schlimme Folgen haben. Das befürchtet der Bund Naturschutz (BN) und sieht die angekündigte Reform mit Bauchgrimmen. Zuviel privatisierter Staatswald - das sei das Gegenteil von Bürgernähe und Wirtschaftlichkeit, warnte der Verband am Donnerstag.

Von heute 128 Forstämtern sollen nur 50 übrig bleiben, die den Staatswald bewirtschaften. Geld für Investitionen in stadtnahe Erholungswälder, in Trinkwasserschutz, Schutzwälder im Gebirge oder Umbau der Nadelholz-Monokulturen in Mischwälder solle es nur dort geben, wo die Mittel über Holzverkauf gedeckt seien, sagte Richard Mergner, Landesbeauftragter des BN.

Ohne Geld und genug Förster werde künftig anders mit dem bisher vorbildlich bewirtschafteten Staatswald umgegangen, befürchtet Mergner: "Wir werden als Folge noch höhere Holznutzungen, noch mehr Großmaschinen im Wald und noch mehr zerfahrene Waldwege bekommen." Massiver Personalabbau einerseits bedeute "maschinengerechten Wald" andererseits.


„Nachhaltige Politik sieht anders aus“

Hans Schricker, Vorsitzender der Waldbauernvereinigung Vilshofen-Griesbach, kämpft für staatliche Forstberatung

von Michael Witte, Passauer Neue Presse, 5.12.03

Passau. Der Wald stirbt langsam. Schien die Gefahr durch das Waldsterben in den 80-er Jahren zunächst gebannt, machen heute Klimawandel und Borkenkäfer den Bäumen zunehmend den Gar aus. Allein im Gebiet des Forstamts Griesbach werden im diesem Jahr 80 000 Fichten fallen.

Forstamtsdirektor befürchtet Kahlschlag

Und jetzt setzt vielleicht auch noch die Staatsregierung die Axt an: Weil Edmund Stoiber sparen will, soll auch der Etat von Forstminister Josef Miller gekürzt werden. Eine mögliche Folge: Förster der Staatsforstverwaltung werden künftig wohl kaum noch private Waldbesitzer kostenlos beraten. "Eine Katastrophe", sagt Hans Schricker, der Vorsitzende der Waldbauernvereinigung (WBV) Vilshofen-Griesbach. "Der Wald wird vergammeln."

Bis dato noch völlig unklar ist, wie die Staatsforstverwaltung künftig organisiert oder privatisiert wird, ob Spaziergänger oder Mountainbiker wie in Österreich bald für den Wald zahlen müssen. "So konkret sagt man uns das nicht", hadert Forstamtsdirektor Elmar Thumbach. Nach ursprünglichen Plänen wollte das Kabinett entscheiden, gestern hieß es aus der CSU-Fraktion, die Reformen müssten zunächst gründlicher diskutiert werden.

Wald in Bayern per Verfassung geschützt

Thumbach befürchtet mit den Reformen der Staatsregierung dennoch einen Kahlschlag, gerade weil die staatlichen Förster den vielen privaten Waldbesitzern nur noch gegen Bares helfen dürften. Dabei ist der Wald in Bayern per Verfassung geschützt. Darin steht ganz klar, dass jeder den Wald, ob staatlichen oder privaten Forst, benutzen darf. "Und deshalb muss ich den Wald natürlich pflegen und bewirtschaften", fordert Thumbach. Davon gehe auch die Gesellschaft aus - in die Hirne von Politikern kriege man diesen Anspruch freilich nicht hinein.

Warum der Service der staatlichen Förster für die privaten Waldbesitzer gerade im Griesbacher Areal so unverzichtbar ist, erklärt WBV-Vorsitzender Schricker. 66 Prozent der Waldfläche sind dort in Besitz von mehreren tausend Waldbesitzern, nur 33 Prozent ist Staatswald. Laut Schricker leidet der Wald dort schon seit 30 Jahren unter der kleinen Fichtenblattwespe, die die Nadeln der Fichte fressen würde. Und der so gestresste Baum müsste darüber hinaus mit einem ungünstigeren Klima (wärmer und weniger Niederschlag) und gegen den Borkenkäfer kämpfen. Einen Kampf, den er laut Schricker nur gewinnen kann, wenn er mit standortheimischen Hölzern umgebaut wird. "Und dafür brauchen wir professionelle Hilfe."

Bislang habe zwischen den Förstern und den privaten Waldbesitzern alles bestens funktioniert, lobt Schricker den Kundendienst. Sollte aber der grüne Klein-Unternehmer dafür zahlen müssen, werde er den Service nicht mehr in Anspruch nehmen, prognostiziert er. Denn: "Wir müssen sowieso schon mehr in den Wald investieren als dabei rauskommt. Und alles zu Gunsten der Allgemeinheit."

Rechnungshof: Keine Folgen für Menschen

Bayerns Oberster Rechnungshof sieht das freilich anders: In seiner Empfehlung vom September dieses Jahres stellt er dar, dass bei einer Aufgabe der staatlichen Beratung nicht mit "tiefgreifenden, negativen Auswirkungen für das Allgemeinwohl zu rechnen ist". Im Gegenteil: Die Eigenverantwortung der Waldbesitzer werde gestärkt und es sei ihnen zuzumuten, für einen kleinen Beitrag einer Forstbetriebsgemeinschaft beizutreten, um so in den Genuss einer forstfachlichen Beratung durch staatliches Personal zu gelangen. Dabei wäre für den Obersten Rechnungshof eine Quote von 25 Prozent nicht erreichter kleinteiliger Waldfläche eine "forstpolitisch hinnehmbare Lücke". Mit anderen Worten: Was kümmert es den großen Wald, wenn einzelne Unterhölzer im Dickicht versumpfen.

"Können Wald nicht sich selbst überlassen"

Waldbesitzer Schricker ist da anderer Meinung. "Wir können den Wald nicht sich selbst überlassen, denn diesen Fehler müssen wir später teuer bezahlen." Nachhaltige Politik, die sich Politiker so gerne auf ihre Fahnen schreiben, sieht nach den Worten von Schricker und Thumbach also deutlich anders aus, als das, was die Staatsregierung jetzt plant. Deshalb fordern sie Hand in Hand: "Staatswald und Privatwald dürfen nicht auseinander dividiert werden, die Beratung muss bleiben."


Verwaltungsreform schadet Wald

„Pro Bürgerwald“-Aktion gegen die Zerschlagung der Forstämter

Passauer Neue Presse, 5.12.03

Passau (red). Die geplante Verwaltungsreform schade den Staatswäldern, ihre "Gemeinwohlfunktion" werde verloren gehen. Davon sind der Bayerische-Wald-Verein, die Kreisgruppe Passau des Bundes Naturschutz, die Sektion Passau des Deutschen Alpenvereins, die Kreisgruppe Passau des Landesbunds für Vogelschutz und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, die sich zum Bürgerwaldforum zusammengeschlossen haben, überzeugt.

Durch eine weitestgehende Eingliederung der Sonderbehörden in die innere Verwaltung, wie es das Bayerische Kabinett angekündigt hat, soll die bewährte Forstamtsstruktur zerschlagen werden. Die Aufgaben sollen an die Landratsämter abgegeben werden.

Die bisher bekannt gewordenen Vorschläge lassen eine Reform erwarten, die zu anonymen und unübersichtlichen Mammutbehörden führen wird, glaubt Karl Haberzettl, Kreisvorsitzender vom Bund Naturschutz. Diese Zentralverwaltungen wären letztendlich teurer, weniger effizient, weniger bürgernah und bürokratischer. Bei einer Zerschlagung der bewährten Strukturen drohen, die erreichten Erfolge bei der Staatswaldbewirtschaftung verloren zu gehen. Für die Staatswälder wird sogar eine Privatisierung in Form einer Aktiengesellschaft oder ein staatlicher Eigenbetrieb diskutiert. Die Bewirtschaftung des mit 800 000 Hektar größten Waldbesitzes in Mitteleuropa wäre so der öffentlichen Kontrolle entzogen.

Einen derartigen "Ausverkauf" lehnen die im Bürgerwaldforum zusammengeschlossenen Verbände jedoch entschieden ab, weil dann die Gemeinwohlfunktionen wie Klimaschutz oder Hochwasserschutz nicht mehr vorrangig erfüllt würden.

Von einer Auflösung der Sonderbehörden wären dann auch die Heimatforstämter Passau und Griesbach betroffen. Das Bürgerwaldforum sieht die Gefahr, dass nach Abzug der Forstverwaltung aus der Region sich keiner mehr für die Erhaltung des Waldes und die Sicherung der vielen Funktionen vor Ort stark macht.

Auch manche Kommunen werden sich wundern, wenn für den Bezug von Trinkwasser aus privatisierten Staatswäldern bezahlt werden müsse. Auch die Benutzung von Wander- und Reitwegen, wie dies bisher im Staatswald/Bürgerwald kostenlos der Fall war, könnten in Zukunft kostenpflichtig werden. Der Unterhalt dieses Wegenetzes könnte ebenso zu einer Aufgabe der Kommunen werden. Vor allem Gemeinden mit Waldbesitz würden in Zukunft mit höheren Belastungen für Bewirtschaftung und Beratung rechnen müssen.


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