AktuellRückkehr des Wisents
Der Auerochse läßt grüßenAn mehreren Orten in NRW äsen Ur-Rinder. Sie helfen beim Naturschutz und schmecken gutvon Robert Lücke, Welt am Sonntag, 5.12.04 Der Koloss schiebt sich durchs Unterholz, dunkel, schwerfällig und schnaufend. Seine Herde wartet auf ihn, schutzsuchend in dem kleinen nebligen Sumpf. Dieses einmalige Naturerlebnis kann haben, wer den polnischen Nationalpark Bialowieza besucht. Dort leben Mitteleuropas letzte wilde Wisente, bis zu einer Tonne schwere und mit den Bisons Nordamerikas eng verwandte Wildrinder. Einst gab es sie in ganz Europa, bis ihnen vor etwa 200 Jahren der Mensch mit Waldrodung und moderner Forstwirtschaft, vor allem aber intensiver Jagd den Garaus machte. Gerade die Hochwildjagd war häufig Alleinrecht großer Fürsten und Könige. Und ausgerechnet ein Adeliger will nun Wisente wieder in Deutschland heimisch machen, im Rothaargebirge. Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg stehe Auswilderungsaktionen wie bei Luchs und Wildkatze eigentlich eher skeptisch gegenüber, sagt dessen Forstdirektor Johannes Röhl. Aber der Wisent habe es dem Prinzen angetan. Und so sollen in einem 5000 Hektar großen Waldgebiet des Prinzen im südöstlichen Sauerland Wisente ausgesetzt werden. "Das Biotop zwischen Aue, Jagdhaus, Fleckenberg und Bad Berleburg ist nach Aussage von Biologen dafür hervorragend geeignet", sagt Röhl. Bereits im Herbst 2005 will man hier mit der Auswilderung mehrerer Tiere beginnen, überwacht vom Verein "Taurus Naturentwicklung" aus Jena. Zunächst wird in einem etwa 100 Hektar großen Auswilderungsgatter eine Herde von 25 Tieren ausgesetzt und später dann in die freie Wildbahn entlassen. Vorausgesetzt, alle ziehen an einem Strang. Dazu gehören neben den Anwohnern und Landwirten auch die übrigen Waldbesitzer. Denn die Tiere sollen ja irgendwann wirklich frei leben - und kein Gatter oder Zaun soll ihren Lebensraum einschränken. "Da müssen sicherlich manche Bedenken überwunden werden", sagt Röhl - wie etwa, daß die riesigen Pflanzenfresser junge Bäume anknabberten und so den Wald schädigten. Wisente fressen neben Gras auch Kräuter, Laub von Sträuchern und Bäumen, Rinde, Moose und Flechten. Auf einer ersten Infoveranstaltung Mitte Oktober wurden noch andere Bedenken laut, sagt Röhl, "aber auch viel Zustimmung". Immerhin sei das Ganze "ja ein touristischer Knaller". Der Prinz will das alles aber nicht aus reiner Liebe zur Natur: Seit längerem wehrt er sich gegen die Unterschutzstellung großer Teile seiner Waldgebiete, was ihm unter Umweltschützern und Behörden nicht nur neue Freunde verschafft hat. Die NRW-Landesregierung beabsichtigt, ökologisch wertvolle Bereiche, insgesamt rund 4000 Hektar, als Naturschutzgebiet auszuweisen, "ohne daß wir dafür Ausgleich erhalten", sagt Röhl. Mit der Wisent-Aktion hofft Röhl, "etwas aus der naturschützerischen Schmuddelecke" herauszukommen, sagt er. Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) freut sich über so viele Projekte, "erst recht, wenn sie aus einer Region heraus kommen und dort auch getragen werden", sagt sie der Welt am Sonntag. Deswegen werde das Land unterstützen, sich aber nicht von oben herab einmischen. Grundsätzlich müsse natürlich immer geklärt werden, daß von solch großen Tieren keine Gefahr ausgehe und dem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, diese Tiere auch zu erleben. Daß der Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg keinen Ausgleich erhalte, dem mag Höhn nicht zustimmen. "Wenn er erhebliche Einschränkungen zu tragen hat, wird er von uns Ausgleich erhalten, darüber wird verhandelt", sagt Höhn. Im übrigen sei NRW Grundeigentümern besonders schutzwürdiger Gebiete gegenüber sehr entgegenkommend: "Im Gegensatz zu anderen Bundesländern geben wir auch Waldbesitzern einen Ausgleich." Florian Schöne vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) hält die Wisent-Ansiedlung für durchaus möglich. Große, nicht von Straßen durchtrennte Naturräume wie das Rothaargebirge seien sicher geeignet. Allerdings müsse gewährleistet sein, daß die Tiere auch wandern könnten und sich die Bestände nicht auf ein zu kleines Gebiet konzentrierten. Ansonsten drohe Inzucht. Zwar seien andere Wildtiere wie Luchs, Wolf und Bär aus ökologischer Sicht interessanter, weil sie viel später ausstarben als das Wisent und sich in einer vom Menschen veränderten Landschaft auch ganz gut zurechtfänden. "Aber die sind natürlich auch viel konfliktträchtiger als ein großer, aber friedlicher Pflanzenfresser", sagt Schöne. Als sogenannte "Leitart" für eine naturnahe Waldentwicklung sei das Wisent sehr gut geeignet. Auch an anderer Stelle im Land leben wieder große Wiederkäuer, halbwild oder ganz in Freiheit, und sorgen für eine natürliche Landschaftspflege. Darunter ein Nachfahre des urtümlichen Auerochsen, der ebenfalls über ganz Europa verbreitet war, aber schon früh ausgerottet wurde. In einigen primitiven Hausrindrassen waren aber noch zahlreiche charakteristische Elemente des Auerochsen-Phänotyps enthalten. Mit deren Hilfe gelang es in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts den Brüdern Heck, durch züchtungsbiologisch wohl durchdachte Kreuzungen ein ungefähres lebendes Modell des Auerochsen zu züchten. Diese "Heckrinder" genannten Tiere leben inzwischen auch in der Klostermersch bei Lippstadt-Benninghausen. Als Ersatz für die ausgestorbenen wilden Auerochsen setzte die Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest zwei Herden Wildrinder aus, die ganzjährig draußen leben und nur bei Hochwasser und im Spätwinter mit Zusatz-Futter versorgt werden. Nach umfassender Renaturierung eines etwa 100 Hektar großen Gebietes sorgen die Tiere nun durch Beweidung und Verbiß für ein Mosaik aus offenen und baumbestandenen Bereichen, Grasfluren, Röhrichten, Gebüschen und Auwald. Früher taten das neben den Auerochsen Wildpferde und Biber, sogar riesige Elche hausten einstmals in den weiten Wäldern Mitteleuropas. Auch in der Hellinghauser Mersch wurden Heckrinder und Chianina, Sayaguesa und Lidia-Rinder ausgesetzt. In der Emsaue bei Telgte hat der NABU im April dieses Jahres nach mehrjähriger Vorbereitungszeit zwölf Heckrinder auf von der Naturschutzorganisation gekauften und von Städten und Land zur Verfügung gestellten Weiden ausgesetzt. "Mit ihrem natürlichen Weideverhalten sorgen sie für eine absolut naturnahe Landschaft. Das könnte kein Mensch durch noch so intensive Pflegemaßnahmen je erreichen", sagt Michael Steven vom NABU Münster. Die Tiere mit ihren mächtigen Hörnern seien ein Publikumsrenner, mehrere Aussichtsplattformen wurden bereits für Wanderer und Interessierte eingerichtet. "Die Tiere sind so imposant, da läuft kein Mensch mehr auf den Wiesen rum. Davon profitieren andere bedrohte Tiere, zum Beispiel seltene Vogelarten", sagt Michael Steven. Neben den landschaftspflegerischen und naturschützerischen Vorteilen der Beweidung mit Wildrindern steht auch ein wirtschaftlicher: Das Fleisch dieser Tiere schmeckt gut. So gut, daß Sternekoch Herbert Brockel vom Erftstädter "Husarenquartier" das Fleisch von Zebu-Wildrindern auf seine Speisekarte setzt. Ein Landwirt vor der Haustür liefert ihm das passende Fleisch. Die ursprünglich in Indien und dem Kaukasus beheimateten Tiere mit dem markanten Buckel leben auch bei Erftstadt ganzjährig draußen und werden im Bedarfsfall wie Wild geschossen. "Das Fleisch schmeckt wie eine Mischung aus Rind und Hirsch und ist angenehm zart", schwärmt Brockel. Kein Wunder also, daß es inzwischen in Deutschland eine ganze Reihe von Naturschutz- und Landschaftspflege-Projekten mit eigener Fleischvermarktung gibt. » zurück |
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