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Aktuell

Stimmen zum Waldzustandsbericht

Alarmierender Waldzustandsbericht 2004

Greenpeace-Online, 8.12.04

Hamburg - Nur noch jeder vierte Baum in deutschen Wäldern ist gesund. Präzise: 28 Prozent, sagt der am Mittwoch von Bundesagrarminsterin Renate Künast vorgelegte Waldzustandsbericht 2004. Das stellt sogar die Anfang der Neunzigerjahre aufgestellten Negativrekorde in den Schatten. Greenpeace dokumentiert diese Entwicklung seit 1987 und veröffentlichte am Mittwoch erschreckende Vergleichsfotos.

Der Wald ist einer Doppelbelastung ausgesetzt: Luftschadstoffen und Klimawandel. "Der Waldzustandsbericht ist der Offenbarungseid der deutschen Umweltpolitik", sagt Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace. "Wo vor kurzem noch dichter Nadelwald die Berge bedeckte, scheint auf Vergleichsfotos jetzt der Boden durch den Wald."

Smid weiter: "Die Schäden werden seit zwei Jahrzehnten in Berichten vorgestellt, ohne dass genug gegen das schleichende Waldsterben getan wird. Von einer Lösung der Probleme sind wir weiter entfernt als je zuvor."

Greenpeace fordert von der Bundesregierung, ihre verfehlte Verkehrspolitik zu ändern und den Schadstoffausstoß von Verkehr und Landwirtschaft erheblich zu verringern. Die Grenzwerte der Luftbelastung müssen auch für empfindliche Waldökosysteme eingehalten werden. Außerdem müssen die Anstrengungen im Klimaschutz verstärkt werden. (mir)


Dem Wald geht es so dreckig wie nie zuvor

ROBIN WOOD fordert zum Schutz des Waldes eine drastische Erhöhung der Lkw-Maut

Robin Wood, 8.12.04

Noch nie seit Beginn der alljährlichen Waldschadenserhebungen vor über 20 Jahren ging es dem Wald so schlecht. 72 Prozent aller Waldflächen in Deutschland sind erkennbar geschädigt. Während Ministerin Künast heute bei der Bundespressekonferenz in Berlin die miserablen Fakten referiert, geben ROBIN WOOD-AktivistInnen gleich nebenan auf eigene Weise ihren Kommentar dazu ab. Vor dem benachbarten Kunstwerk "Parlament der Bäume" haben sie einen Lkw mit einem großen Banner geschmückt. "Laster vom Pflaster - Wald statt Asphalt" steht darauf. Künstlicher Qualm quillt aus dem Auspuff und nebelt einige dahinter aufgestellte Bäume ein. ROBIN WOOD fordert als zentrale Maßnahme zum Schutz des Waldes, weniger Güter auf der Straße zu transportieren und die für 2005 geplante Lkw-Maut drastisch zu erhöhen.

Seit Ende der achtziger Jahre ist das Thema "Waldsterben" weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden, obwohl sich das Problem verschärfte: Seit 1996 stieg der Anteil der geschädigten Bäume von damals 61 Prozent kontinuierlich an. Im letzten Jahr lag der Wert bei 69 Prozent. "Die diesjährigen Zahlen sind kein Ausreißer, sondern liegen leider voll im Trend", sagt Rudolf Fenner, der bei ROBIN WOOD seit Jahren die Entwicklung des Waldsterbens verfolgt. "Jetzt alles auf den trockenen Sommer im vergangenen Jahr zu schieben, wie dies etliche Landesminister getan haben, ist irreführend. Die Misere ist hausgemacht und Folge massiver Fehler in der Verkehrs- und Landwirtschaftspolitik."

Dem Wald geht es vor allem aus zwei Gründen so schlecht: Zum einen leidet er unter Schadstoffen, insbesondere den Stickstoffverbindungen. Zum anderen stresst ihn der Klimawandel. An beiden Ursachen hat der Straßenverkehr wesentlichen Anteil.


So ist der Verkehr - neben der Landwirtschaft - der größte Emittent von Stickstoffen. Insbesondere der Lkw-Verkehr schlägt negativ zu Buche: Zwei Drittel der verkehrsbedingten Stickstoff-Emissionen stammen aus den Auspuffen der Lkw, obwohl der Anteil der Laster am Straßenverkehrsaufkommen bei "nur" 15 Prozent liegt. Außerdem verbraucht der Güterverkehr über zehn Prozent mehr Energie als 1995. Entsprechend mehr klimaschädliches Kohlendioxid belastet die Atmosphäre. Dies ist um so bedrohlicher, als alle Prognosen davon ausgehen, dass künftig noch weit mehr Laster über Deutschlands Straßen brettern werden.


Schon jetzt ist klar, dass die für Anfang nächsten Jahres geplante Lkw-Maut da keine Abhilfe schaffen wird. ROBIN WOOD setzt sich dafür ein, dass die Mautgebühren daher drastisch erhöht werden und nicht nur auf den Autobahnen, sondern auf allen Fernstraßen erhoben werden. Statt für den Bau von noch mehr Straßen sollen die Einnahmen aus der Maut in die ökologische Verkehrswende investiert werden, insbesondere um das Angebot im Schienengüterverkehr zu verbessern.


Mittwoch, 8. Dezember 2004

Böse Weihnachtsüberraschung: Waldschäden so hoch wie noch nie

Jeder dritte Baum krank - nur nachhaltige Mobilität kann den Wald retten

Fast ein Drittel der Waldfläche (31 %) zeigt in diesem Jahr deutliche Schäden. Damit sind die Waldschäden in Deutschland insbesondere bei Buche und Eiche so hoch wie nie zuvor. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) sieht vordringlichen Handlungsbedarf schwerpunktmäßig in der Verkehrspolitik.

Verkehr und Landwirtschaft als Ursache

Der Wald ist durch Schadstoffbelastungen seit Jahrzehnten geschwächt. Der hohe Eintrag von Stickstoffverbindungen aus Verkehr und Landwirtschaft führt zu einer Versauerung der Böden, die den Zustand der Bäume erheblich beeinträchtigt. Kommen zusätzliche Stressfaktoren wie Hitze und Trockenheit des Sommers 2003 hinzu, kann der Wald diesen Stress nicht mehr ausgleichen. Vor allem Buchen, Eichen und Fichten sind in einem Maße wie noch nie geschädigt. 65% der älteren Buchen und die Hälfte der älteren Fichten und Eichen zeigen deutliche Schäden.

Zeit zum Handeln

"Die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei", bringt Bernd Krebs, Bundesgeschäftsführer der SDW, die Lage auf den Punkt. "Nun muss endlich gehandelt werden. Eine nachhaltige Verkehrspolitik geht uns alle an." "Das Waldsterben geht weiter und die Bundesregierung schaut zu", ergänzt der Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Hubert Weinzierl, die Einschätzung der Situation. Studien im Auftrag des Umweltbundesamtes beweisen, dass die meisten Ziele, die sich die Bundesregierung im Verkehrsbereich gesetzt hat, mit der überkommenen Verkehrspolitik und deren Strukturen kurz- und mittelfristig nicht erreicht werden können.

Forderungen an die Politik

Folgende Maßnahmen würden die Schadstoffbelastung aus dem Verkehr, dem Hauptverursacher der Waldschäden, verringern, allerdings auch Veränderungen für Bürgerinnen und Bürger bedeuten:
- Einführung einer kohlendioxidbezogenen Kfz-Steuer
- Überprüfung der Höhe der geplanten Lkw-Maut und Ausdehnung auf alle Bundesfernstraßen
- Erhebung einer Kerosinsteuer für den europaweiten Flugverkehr
- Reduzierung der Entfernungspauschale für Fahrten zwischen Wohnort und Arbeitsstätte

Durch die Umsetzung dieser sofort realisierbaren Maßnahmen verringert sich nicht nur der private Pkw-Verkehr, sondern werden auch Pkw, die weniger Kraftstoff verbrauchen, begünstigt. Die seit langem geforderte Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene, seit der EU-Erweiterung besonders aktuell, würde durch die erhöhte Lkw-Maut für Transportunternehmen finanziell interessant. Hier müssten die zu erzielenden zusätzlichen Einnahmen einer erhöhten Lkw-Maut in den Ausbau der Kapazitäten und der Beschleunigung der Güterbeförderung bei der Bahn investiert werden.

Nach Auffassung von SDW und DNR sind von der Politik endlich mutige, wenngleich auch unpopuläre Sofortmaßnahmen gefordert, denn "der Patient Wald befindet sich auf der Intensivstation", so DNR-Präsident Weinzierl. "Es ist überfällig, den Wald wieder als Basis unserer Kultur und nicht nur als grüne Kulisse oder Christbaumlieferant zu werten."

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) ist eine der ältesten deutschen Umweltschutzorganisationen. Am 5. Dezember 1947 wurde die SDW in Bad Honnef bei Bonn gegründet. Heute sind in den 15 Landesverbänden rund 25.000 aktive Mitglieder organisiert. Ziel des Verbandes ist es, den Wald als unverzichtbaren Bestandteil der Umwelt für den Menschen zu erhalten.

Quelle/Text: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald


Mittwoch, 8. Dezember 2004

NABU: Klimaveränderungen und Luftverschmutzung schaden dem Wald

Angesichts der alarmierenden Zahlen im heute vorgestellten Waldzustandsbericht hat der Naturschutzbund NABU gefordert, konsequentere Maßnahmen gegen Luftverschmutzung und die Ursachen von Ozonbelastungen und Klimaveränderungen zu ergreifen. "Der Wald steht unter Stress, der von verschiedenen Faktoren verursacht wird. Dazu zählen auch die Klimaveränderungen, die zu Hitze und Trockenheit der Rekordsommer 2002 und 2003 geführt haben", sagte NABU-Vizepräsident Christian Unselt. Man dürfe sich aber nicht dazu verleiten lassen, das Problem allein auf den Jahrhundertsommer 2003 zu schieben, denn auch Ozon, das vor allem für die Schäden an den Laubbäumen verantwortlich sei, spiele eine bedeutende Rolle. Daher müssten der Schadstoffausstoß und der Durchschnittsverbrauch neuer Fahrzeuge gesenkt werden. Ein weiteres Problem stellten laut NABU die nach wie vor hohen Stickstoffeinträge aus der Landwirtschaft dar, die unbedingt reduziert werden müssten.

Der Waldzustandsbericht weist die stärkste Schadenszunahme seit dem Beginn der Aufzeichnung auf. Im Gegensatz zu früheren Jahren sind nicht nur Nadelbäume massiv betroffen, sondern auch Laubholzarten. Wenn sich Standorte verändern, leiden laut NABU darunter am meisten die Baumarten, die sich am Rande ihres Ausbreitungsgebietes befinden. Dies trifft vor allem auf die Buche zu, die nach der Eiche die am schwersten geschädigte Baumart ist. Nach Ansicht des NABU muss sich der Waldbau auf die Standortveränderungen einstellen. So müssten bei der Wahl der Baumarten die natürlichen Standorte besser berücksichtigt werden, sagte Unselt: "Eine naturnahe Waldwirtschaft muss das Ziel der anstehenden Novelle des Bundeswaldgesetzes sein."

Als weitere Voraussetzung für den Umbau der Forste in naturnahe und ökologisch stabile Wälder forderte der NABU die baldige Reform des Bundesjagdgesetzes. So könnten andere schwächende Einflüsse wie etwa die überhöhten Schalenwildbestände auf ein tragbares Maß reduziert werden. Skeptisch betrachte der NABU die Forderungen nach einer stärkeren Nutzung der angeblich zu hohen Holzvorräte. "Holz ist zwar ein nachwachsender Rohstoff mit Zukunft, aber in der aktuellen Situation sollten wir froh sein, noch Holzreserven im Wald zu haben", sagte der NABU-Vizepräsident. Von den geschädigten Bäumen könne ein Großteil in den kommenden Jahren ausfallen, der dann als Sondernutzung entnommen werden müsse. "Um dem Wald zu helfen, muss in längerfristigen Dimensionen gedacht werden und das heutige ökologische Verständnis ein stärkeres Gewicht bekommen", so Unselt.

Quelle/Text: NABU


Waldzustand alarmierend – Nutzungspotential enorm

Waldbesitzer in Sorge um falsche Signale aufgrund Waldzustandsbericht 2004

Pressemitteilung AGDW, 8.12.04

„Wichtig wird es jetzt werden, den Widerspruch zwischen dem kläglichen Waldzustand und dem unbestreitbaren, nachhaltig nutzbaren Potenzial im Wald aufzulösen. Denn nur aktive Forstwirtschaft kann unserem Wald wieder auf die Beine helfen“, sagte der Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände e.V. (AGDW), Michael Prinz zu Salm-Salm, nach Vorstellung des Waldzustandsberichtes 2004 durch Verbraucherschutzministerin Renate Künast heute in Berlin. Die Wälder in Deutschland und in ganz Europa weisen 2004 eine deutlich geringere Vitalität auf als in den zurückliegenden Jahren. Als Gründe dafür sind vor allem der Trockenstress aus 2003 und die hohen Kalamitätsschäden aus 2004 anzuführen. Aber auch die kontinuierlichen Schadstoffeinträge aus der Luft. Deshalb werden die Wälder noch mehrere Jahre brauchen, um sich von diesem Tiefstand wieder zu erholen. Verkehrt wäre es in dieser Situation, den Wald aus falscher Anteilnahme sich selbst zu überlassen. Der Wald braucht Pflege statt Mitleid. Daher gilt es, die vorhandenen guten forstpolitischen Ansätze umgehend umzusetzen.

Entscheidend wird es nach Ansicht der AGDW sein, dass die kürzlich vorgestellte „Charta für mehr Holzverwendung“ zügig mit Leben gefüllt wird. Grundlage hierfür bietet die Bundeswaldinventur II, die unlängst belegt hat, dass wir über ein enormes Nutzungspotential und eine gute Struktur in unseren Wäldern verfügen. Einer Novelle des Bundeswaldgesetzes bedarf es hierfür nicht, da sich die Ergebnisse der Bundeswaldinventur auf Grundlage des geltenden BWaldG´es entwickelten.

„Als Sofort-Maßnahme zur Linderung der katastrophalen Waldschäden fordern die Waldbesitzer eine verstärkte Bodenschutzkalkung der Wälder. Diese unterbleibt vielerorts, weil die Waldbesitzer den Eigenanteil daran nicht leisten können. Warum sollten sie? Diese Schäden sind durch die Allgemeinheit in Form von schädlichen Emissionen verursacht. Von Schadenersatz in Form von Nutzungsausfall ist dabei noch gar nicht die Rede. Also: Hilfe zur Selbsthilfe muss die Devise lauten. Wenn die Forstbetriebe wirtschaftlich gesund sind, können sie dem Wald die Pflege geben, die er so dringend braucht!“, schloss Salm.


Der Wald als Fabrik

Frankfurter Rundschau, 8.12.04

Georg Meister ist seit 50 Jahren professioneller Begutachter des deutschen Waldes. Der pensionierte Forstdirektor warnte als einer der ersten vor dem Waldsterben.

Jetzt hat er mit der Biologin Monika Offenberger in dem bei Zweitausendundeins erschienen Buch "Die Zeit des Waldes" die Veränderungen fotografisch dokumentiert. Es kostet 44, 90 Euro.

Frankfurter Rundschau: Herr Meister, vor 20 Jahren haben Sie mit Ihrem Besteller "Die Lage des Waldes" Alarm geschlagen. 2004 herrscht wieder Alarm. Hätten Sie das erwartet?

Georg Meister: Ehrlich gesagt Nein. Mit einem so deprimierenden Ergebnis hatte niemand gerechnet. Wir hatten die Hoffnung, dass durch technische Maßnahmen die Schwefelbelastung der Luft reduziert wird. Das ist auch in weiten Teilen geschehen. Aber jetzt leiden Wälder unter der hohen Belastung mit Stickoxiden und Ammoniak aus Verkehr und Landwirtschaft. Hinzu kommt die Klimaerwärmung.

Müssen wir uns nicht auf heiße Sommer wie den von 2003 einstellen?

Natürlich! Das ist die Grundvoraussetzung für die Zukunft des Waldes. Wir müssen zwar immer wieder fordern, "verringert die Luftschadstoffe". Auf der anderen Seite haben wir im Wald selbst ein erhebliches Potenzial, etwas gegen die Auswirkungen des Klimawandels zu tun. Dazu müssten wir unter den sterbenden Wäldern schon jetzt neue aufbauen. Dabei sollten wir unbedingt den Fehler vermeiden, wieder Arten anzubauen, die aus der Kälte kommen wie die Fichte. Leider passiert derzeit genau das Gegenteil.

Unsere Wälder müssten also längst ganz anders aussehen?

Wir müssen uns auf die Arten einstellen, die von Natur aus bei uns wachsen würden. Von Natur aus wäre Deutschland zu 80 Prozent ein Land mit Laubwald. Wir haben aber ganz überwiegend Nadelforste. Wir müssen deshalb alles tun, um mit möglichst wenig Geld wieder wirklich naturnahe Wälder aufzubauen mit den Baumarten, die den Klimawandel überstehen wie Tannen und Eichen.

Und das tut die Politik auch? Die Politik sagt: wir machen naturnahe Forstwirtschaft. Aber das steht weitgehend auf dem Papier. In der Praxis passiert das Gegenteil. Man wandelt auch noch die restlichen Naturwälder in reine Produktionsstätten für Holz um. Man stellt weder Geld noch Zeit zur Verfügung, die Fichtenwälder, die keine Überlebenschance haben, in naturnahe Forste umzuwandeln.

Aber Geld ist Mangelware.

Wir brauchen nicht mehr Geld, sondern wir brauchen nur klare Entscheidungen. Es nützt nichts, mit der Gießkanne über den Wald zu gehen. Man sollte das Geld dort investieren, wo schon naturnahe Wälder da sind. Und man sollte die Privatforstbesitzer belohnen, wenn sie Leistungen für die Allgemeinheit bringen, etwa durch optimalen Hochwasserschutzwald.

Was wäre noch nötig?

Wir haben viel zu Wild - zehn Mal mehr als vor 200 Jahren. Bäume, die von Natur aus hier wachsen und die uns nichts kosten, haben deshalb gar keine Chance zu wachsen. Sie werden gleich abgefressen. Deshalb brauchen wir effektivere Jagdmethoden und müssen die überzogene Jagdbürokratie abbauen.

Wie sieht unser Wald in zehn Jahren aus?

Wenn es keine grundsätzlichen Änderungen in den Wald- und Jagdgesetzen gibt, wird der Waldzustand noch verheerender sein als jetzt. Noch vorhandene naturnahe Wälder werden verschwunden sein, weil es durch die Zwänge der Forstreform weniger Förster gibt und die Standards der Forstwirtschaft gesenkt werden. Es wird mehr Lieferungen von Holz "just in time" geben. Dadurch wird es immer mehr Forste mit kurzer Lebensdauer geben mit Bäumen, die bei uns nicht heimisch sind.

Interview: Vera Gaserow


Auf dem Holzweg

Von Jörg Schindler, Frankfurter Rundschau, 8.12.04

Wahrscheinlich hat wieder kein Mensch Alexander von Humboldt gelesen. "Habt Ehrfurcht vor dem Baum", schrieb der frühe Öko der Nachwelt ins Stammbuch, "er ist ein einziges Wunder, und euren Vorfahren war er heilig." Ja mehr noch: "Die Feindschaft gegen den Baum ist ein Zeichen der Minderwertigkeit eines Volkes und von niederer Gesinnung des einzelnen." Hat es gut gemeint, der Humboldt. Und? Was ist seither geschehen? Eben.

Erstaunlich ist das schon, wenn man bedenkt, dass kaum ein Volk ein ähnlich libidinöses Verhältnis zu seinem Buschwerk pflegt wie das deutsche. Seit Alters her wandeln etwa hiesige Schöngeister durch die Wälder, um Erlen und Buchen ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Baum-Meister Goethe - "Sag ich's euch, geliebte Bäume?" - hat's gemacht. Christian Morgenstern verfiel, durchs Herbstlaub watend, in eine bedenkliche Adjektivitis ("wunderblütenschneebereift"). Novalis verlockte der Wald zu lyrischen Höhepunkten ("Da wachsen auch Erlen, sie schatten / uns beide in seliger Ruh, / Wenn wir von der Hitze ermatten / und sehen uns Fröhlichen zu.")

Selbst moderne Volksdichter kommen bis heute nicht umhin, die Wälder wortreich zu besingen, so wie Udo Jürgens, der seine Fangemeinde halb verdrossen wissen ließ: "Dort, wo früher Wälder rauschten / steht ein Häusermeer. / Dort, wo wir den Quellen lauschten, / braust der Stadtverkehr."

Die Deutschen und der Baum: Das ist die Geschichte einer Götzenverehrung. Jahr für Jahr wird hier zu Lande der "Baum des Jahres" gewählt - ein paar Wochen noch ist es die Weißtanne, dann übernimmt die Rosskastanie. Unzählige Bürgerinitiativen laufen Sturm gegen jeden einzelnen Fäll-Fall. Naturheilkundler werden nicht müde, die Zimtrinde als Mittel gegen Darminfektionen zu preisen, Eichenrindensud als Wohltat für trockene Haut, Eibennadeln als Krebs-Prophylaxe und Ginkgo-Präparate als Wunderwaffe gegen... äh... Vergesslichkeit.

Allein die Deutsche Eiche - mit großem D - bringt es auf 30 000 Internet-Einträge. Sportvereine und Spielmannszüge haben sich nach ihr benannt, Kameradschaftsbünde, Hotels, eine Schwulen-Sauna und Timo Hoffmann, ein Boxer aus Halle, der dem Vernehmen nach schwer zu fällen ist.

Die diversen Baumschutzverordnungen der Länder und Gemeinden füllen Aktenregale und regeln akribisch, was im Sinne des Gesetzes ein Baum ist. Wobei es da regionale Unterschiede gibt: Während etwa in Hamburg alles ab 25 Zentimetern "Brusthöhendurchmesser" als juristisch astrein gilt, muss es ein Baum in der Hauptstadt auf mindestens 50 Zentimeter bringen. Das aber auch nur, wenn er "mehrästig" ist - sonst gelten 80 Zentimeter.

Ja, doch, man kann sagen, dass der Baum zwischen Flens- und Freiburg durchaus im Mittelpunkt steht. Warum der Deutsche dennoch vor lauter Bäumen das Waldsterben nicht sieht? Schwer zu sagen. Vielleicht gilt hier wie auch anderswo, was Wilhelm Busch dereinst formulierte: "Erst musste er mit dem Kopf gegen die Bäume rennen, ehe er merkte, dass er auf dem Holzweg war."


Wahrheit im Walde

Trockenheit und Borkenkäfer machen Bäume krank. Ein Interview mit Matthias Berninger, dem für Forsten zuständigen Staatssekretär in der Bundesregierung

DIE ZEIT, 9.12.04

DIE ZEIT: Renate Künast hat Mitte vergangenen Jahres das Waldsterben für beendet erklärt. Warum gilt das nun nicht mehr?

Matthias Berninger: Ihre Annahme, die Ministerin habe das Waldsterben als beendet erklärt, gilt schon nicht. Sie hat damals gesagt, der Trend zur immer stärkeren Kronenverlichtung sei umgekehrt worden. Das galt auch über neun Jahre hinweg, bis zum Sommer 2003. Die Kernaussagen waren, dass der Wald wieder gesünder wächst und der Anteil von Mischwäldern zunimmt.

ZEIT: Sie hatte die Frage, ob das Waldsterben beendet sei, mit einem klaren Ja beantwortet und so für Schlagzeilen gesorgt.

Berninger: Nein... ZEIT: ...müssen wir in die Archive gehen? Berninger: ...ich habe hier ja vorliegen, was sie gesagt hat. Richtig ist, dass das Waldsterben klassischer Prägung aus den achtziger Jahren, das Ende der Wälder, so nicht eingetreten ist. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Erstens eine konsequentere Umweltpolitik, etwa bei der Luftreinhaltung und Entschwefelung. Zweitens hat der Fall des Eisernen Vorhangs viele Waldprobleme reduziert, vor allem im Osten. Nun zeigt sich, dass Klimaveränderungen dem Wald viel stärker zusetzen als angenommen. Der Jahrhundertsommer 2003 mit extremer Trockenheit und Borkenkäferplage war nicht vorhersehbar.

ZEIT: Genau dies kritisieren Fachleute: Der Waldzustandsbericht vermittle nur einen Rückblick auf Folgen der Witterung und des Insekten- und Parasitenbefalls. Dieses Ritual sei wissenschaftlich überholt. Auch das Bundesforschungsministerium hatte ihr Haus aufgefordert, die Nadel- und Blätterzählerei aufzugeben. Warum folgen Sie dem nicht?

Berninger: Ich teile die Einschätzung nicht, der Bericht bringe überhaupt nichts. Dieses Jahr dokumentieren wir Zahlen für Buchen und Eichen, die alarmierend sind. Und was im vergangenen Jahr über das Borkenkäferproblem zusammengetragen wurde, das hat bereits im Winter zu einem verbesserten Krisenmanagement geführt. Solche Daten liefern uns durchaus Anhaltspunkte für Maßnahmen in der Forstpolitik.

ZEIT: Gegenmaßnahmen müssen lokal ansetzen. Jeder Förster sieht, ob sein Wald leidet. Dafür braucht er nicht Monate später einen Bundeswaldbericht.

Berninger: Natürlich sehen Förster die Probleme selbst, bei großen Privatwäldern stimme ich zu. Aber ein Großteil unserer Wälder gehört Kleinstbesitzern, und nicht immer ist ein Revierförster da. Auch in den Staats- und Kommunalwäldern gibt es gravierenden Personalabbau. Daher ist es wichtig, dass die Landesforstverwaltungen, deren Daten wir ja nutzen, rechtzeitig größere Probleme erkennen, Weckrufe starten und gemeinsam mit uns Abwehrstrategien entwickeln.

ZEIT: Was wäre ein Beispiel?

Berninger: Wir haben im ganzen Jahr die Bekämpfung der Borkenkäfer abgestimmt und uns über neue Trends ausgetauscht. Auch im nächsten Jahr dürfte das wegen der hohen vermuteten Käferpopulationen noch notwendig sein. Da kann der Waldzustandsbericht helfen. Umgekehrt gefragt: Dürfen wir ausgerechnet in dem Jahr mit den schlimmsten Daten seit Beginn der Erhebungen sagen, das ist alles unnütz? Wir müssen doch auf die massiven Probleme durch die Klimaveränderung hinweisen, zumal sie offenbar größer sind als zuvor erwartet.

ZEIT: Forstwissenschaftler sagen, die Belaubung oder Benadelung der Bäume sei zu stark von punktuellem Klima- und Parasitenstress abhängig, um Aufschluss über die Vitalität der Bäume zu geben. Wenn Buchen wie im Jahr 2003 unter extremer Trockenheit leiden, gleichzeitig Früchte bilden und von Wolken saugender Fliegen umschwärmt werden, wirken sie totkrank. Dann regnet es wieder, und die Bäume erholen sich. Solch pseudodramatisches Auf und Ab bringt kaum Erkenntnisgewinn.

Berninger: Einspruch. Der Trockenheitsstress ist ein gravierendes Problem, die Erholung wird länger dauern als nur ein Jahr. Selbst wenn man sagt, der Waldzustandsbericht bringe da nicht die Rettung, so ist es doch wichtig, der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, dass der Zustand des Waldes evident zusammenhängt mit den Emissionen aus der Landwirtschaft, dem Verkehr und aus anderen Quellen. Die Datenlage rechtfertigt eine skeptische Beurteilung der Situation. Würden wir hingegen die Waldzustandsberichte für überflüssig erklären, und es stellt sich heraus, die Probleme sind groß wie nie zuvor – dann hieße es doch, Renate Künast verschweige die Probleme im Wald!

ZEIT: Trotz besserer Einsicht wagte auch die Kohl-Regierung nicht, die Alarmrufe einzustellen, aus Angst, als Verharmloser da zu stehen. So wird die deutsche Krankheit namens Waldsterben chronisch. Franzosen, Schweizer und fast alle europäischen Nachbarn haben sich davon verabschiedet. Die jüngste Bundeswaldinventur meldet deutlich steigende Holzvorräte in den Wäldern. Renate Künast propagiert zu Recht die verstärkte Nutzung von Holz. Das lässt sich nur bei vitalen Wäldern rechtfertigen. Oder sollen wir sterbende Wälder fleddern?

Berninger: Diese Argumentation ist schief. Ich kenne zwar die wissenschaftliche Meinung, die Sie vortragen, und weiß, dass Konvertiten herumlaufen und das Gegenteil dessen verbreiten, was sie in den achtziger Jahren behauptet hatten. Aber es gibt auch Forscher, die auf bestehende Probleme im Wald hinweisen. Unsere Strategie lautet: Schützen durch nützen. Der Wald ist eine CO2-neutrale Rohstoffquelle, die man am besten stofflich nutzt, aber auch energetisch. Der Wald kann sich quasi selber helfen, wenn man seine Potenziale stärker nutzt. Die guten Ergebnisse in der Bundeswaldinventur und die verstärkten Kronenverlichtungen beruhen auf verschiedenen Zeitabläufen. Man kann eben einen quantitativen Zuwachs der Biomasse haben und gleichzeitig qualitative Probleme, zum Beispiel mindert Käferbefall den Holzwert. Wenn es im Frühjahr schneller warm wird, dann schwärmen die Käfer früher aus, und die Gefahr für die Wälder steigt.

ZEIT: Richtig. Warum bekämpfen Sie dann nicht entschieden diese Plage? Naturschützer und die meisten Ihrer Parteifreunde verwahren sich gegen jeden Einsatz von Chemie.

Berninger: In den vorbildlichen Lübecker Forsten oder im schleswig-holsteinischen Staatswald, beide mit dem Gütesiegel FSC zertifiziert, wurden Pestizide eingesetzt. Wegen extremen Befalls wurden die Bäume geschlagen, entrindet und dann eingesprüht, um die Käfervermehrung zu stoppen.

ZEIT: Gut so. Naturschützer fordern hingegen, Pestizide strikt aus dem Wald zu verbannen.

Berninger: Sie bekämpfen die alte Vorstellung, man könne im Wald großflächig Insektizide an lebenden Bäumen einsetzen. Auch ich habe damit ein Problem, etwa, wenn man so Maikäfer im Waldboden bekämpft. Kein Wissenschaftler empfiehlt bei uns den Einsatz von Sprühflugzeugen. Das wäre ja auch toll: Die Folgen des Klimawandels mit Pestiziden bekämpfen.

ZEIT: Heiße und trockene Sommer führen die naturnahe Waldwirtschaft in ein Dilemma, da sie das Belassen von Schwach- und Totholz im Wald propagiert. Das fördert Vögel, Insekten und Pilze, aber nach heißen Trockenphasen brennt das Totholz wie Zunder. Es gab früher schon riesige Waldbrände. Wie sehen Sie den Konflikt?

Berninger: Die ökologische Bedeutung von Totholz ist unbestritten. Wenn etwa in Brandenburg erhöhte Brandgefahr besteht, dann können die Besitzer vor Ort entsprechend vorgehen. Den feuerfesten Wald gibt es nicht, trockene Kiefern brennen auch so lichterloh. Also nützt es wenig, den Waldboden zu kehren. Wichtiger ist es, Brände früh erkennen und schnell löschen zu können.

ZEIT: Auch in Nationalparks?

Berninger: In Deutschland würde man Großbrände auch dort zu löschen versuchen.

ZEIT: Warum eigentlich? Brände gehören zu den Naturkatastrophen, zahlreiche Arten profitieren davon. Warum nicht das Feuer brennen lassen, wenn man den Borkenkäfer in Ruhe lässt?

Berninger: Den lassen wir doch nicht in Ruhe.

ZEIT: In den Nationalparks schon. Da hat es um riesige Brutstätten heftigen Streit gegeben.

Berninger: Im Nationalpark lässt man an einigen Stellen die Borkenkäfer in Ruhe, weil sie dort selektiv wirken und beim Waldumbau helfen, etwa weg von Fichtenmonokulturen hin zu mehr Laubbäumen.

Die Fragen stellte Hans Schuh


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