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Aktuell

Wald-Ausstellung in Dresden

Natur als Projektion geistiger Struktur

Von Heinz Weißflog, Dresdner Neueste nachrichten, 31.12.05

Als kleiner Junge habe ich mit den damals üblichen bunten Waldbildern auf Quartett-Kartenspielen meine ersten Kenntnisse über den Wald erworben. Die Eltern gingen mit mir regelmäßig in die Waldgebiete um Dresden wandern, wobei ich Tiere und Pflanzen des Waldes kennenlernte. Urlaub wurde prinzipiell nur in Waldgegenden gemacht. Das Erzgebirge, den Harz und den Thüringer Wald kenne ich seitdem gut. Wald - das ist für viele der Ort der Entspannung und der beste Teil von dem, was man Heimat nennt. Die klare Luft und das Grün bedeutete für die in diesen Breiten Lebenden der Innbegriff für Reinheit, Stille und Geborgenheit. Der Wald hat aber auch etwas Geheimnisvolles an sich. Unter dem bezeichnenden Titel "The Cave Light" (Das Höhlenlicht) stellt nun die aus Israel stammende bildende Künstlerin Yehudit Sasportas (geb. 1969 in Ashdod, Israel) ihre großformatigen Tuschezeichnungen zum Thema "Wald" im Leonhardi-Museum aus, die ganz eigene Reflexionen darstellen, in die sie Fotografie, Negativ-Positiv- Spiegelungen, Videos, Musik, Skizzen und Abbildungen zusammenbringt und eine eigenwillige Ästhetik des Waldes kreiert, die Projektionen ihres eigenen Verständnisses über den Wald sind und die sie mit dem Verständnis hierzulande konfrontiert.

Sasportas kam aus Israel nach Berlin, auch um die Vorliebe der Deutschen für den Wald zu begreifen. Schließlich gibt es in ihrer Heimat nicht einen solchen Wald, der seit der Romantik wesentlich zur Prägung deutscher Identität beigetragen hat. Auf Wanderungen hat sich die Künstlerin mit dem Phänomen des "deutschen Waldes" beschäftigt und besonders Caspar David Friedrich schätzen gelernt. Hier ist das Urgefühl, die Erdverbundenheit der Deutschen, am reinsten und unanfechtbarsten enthalten. Dass der Wald heute noch hierzulande auch in der Umweltpolitik eine große Rolle spielt, ist bekannt. Wir empfinden es oft als großen Verlust, wenn wieder ein Stück Wald der Autobahn weichen muss oder angesichts des Waldsterbens in den 70/80er Jahren. So eine enge, fast manische Verbindung zum Wald scheinen nur wir Deutschen zu haben, wo ein Drittel des Territoriums mit Wald bedeckt ist. Im Wald verkörpert sich auch eine "Sehnsucht" nach den Ursprüngen, nach "Waldeinsamkeit", die idyllisch verzerrt von Romantikern zu den Nationalsozialisten (Gesundheitsfanatismus, "Volkskultur") herüber getragen wurde.

Inzwischen aber sieht es mit dem deutschen Wald nicht gut aus, wie auch Sasportas feststellen musste, die diesen Tatbestand auch in ihren Arbeiten festhielt. Die Zeichnungen mit Tusche wurden nicht vor Ort gefertigt, wenngleich Skizzen dazu beitrugen, Eindrücke von Waldstücken und sumpfigen Zonen, Gebirgsformen und Baumindividuen für die jeweilige Arbeit festzuhalten. Im Großen Saal des Leonhardi-Museums stellt die Künstlerin neue Zeichnungen von 2004 und 2005 im Hochformat aus, wobei es sich meist um Triptychen und Diptychen mit engem Zusammenhang und optischen Bezug handelt, die starke Sturkturierungen und "Eingriffe" in das Bild zeigen ("White Mogador Rose" 1-2, 2005). Die Vertikal hinab oder hinaufstrebenden Linienformationen verursachen optische Illusionen, die dem Betrachter den Eindruck vermitteln, Teile des Bildes zu sein. Die Konfrontation mit konstruktivistischen Elementen, zarten oder auch kräftigeren Strichstärken, hellen und dunklen Lavierungen und Spiegelungen sind ihre bevorzugten Methoden der Verfremdung und Markenzeichen ihrer Ästhetik. Für Yehudit Sasportas ist Natur eine Projektion der eigenen geistigen Struktur. Für sie ist die Realität ebenso wichtig wie die Realität einer "räumlichen Idee des Anderen", wie sie selbst sagt.

Dabei wurden die Bilder bis ins kleinste Detail durchgearbeitet, zeigen hier und da Tiefenstaffelungen bei einem schwachen, nur angedeutetem Hintergrund, während andere eher flächig wirken. Dazu gehören drei Bilder, die extra in Dresden entstanden und die der Besucher im Kabinettraum betrachten kann ("The Ant's Tree" 1-3, 2004). Von den mit Misteln bewachsenen Bäumen begeistert, vermittelt die Künstlerin in diesen Bildern durch das markante Hell-Dunkel einen Hauch von Romantik, der unbewusst dem Charakter der geheimnisvollen, mythenumwobenen Schmarotzerpflanze gerecht wird und dessen Scharz-Weiß ein wenig an die stoische Schönheit japanischer Tuschzeichnungen erinnert.

Die in Berlin lebende israelische Künstlerin hat mit dieser Ausstellung den Versuch unternommen, einen wesentlichen Aspekt deutscher "Identität" und "Mentalität" für sich zu begreifen und kritisch hinterfragt. Das ist, meiner Meinung nach, ein mutiger Schritt, mit dem sie einerseits bemüht ist, nicht hiesige Gefühle zu verletzten, sondern Interesse zu zeigen für die Menschen in diesem Land, aber auch für die Ursachen einer Entwicklung, die einst in die Irre führte und für das Verhältnis zwischen Deutschland und dem jüdischen Volk zum Verhängnis wurde.

Bis 22. Januar 2006. Silvester und Neujahr geschlossen. Di-Fr 14-18 Uhr, Sa, So 10-18 Uhr. Telefon 0351/268 35 13

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