AktuellSpan. Palmenhain krank
Der grösste Palmenhain Europas in GefahrEingeschleppter Schädling bedroht den Palmeral in ElcheNeue Zürcher Zeitung, 21.10.06 Rund 450 000 Dattelpalmen stehen in der Gegend der spanischen Stadt Elche, etwa 200 000 bilden den Palmeral. Dieser grösste Palmenhain Europas, den die Unesco im Dezember 2002 zum Weltkulturerbe erklärte, wird durch einen eingeschleppten Schädling bedroht. Warum ausgerechnet die spanische Industriestadt Elche im Hinterland der Costa Blanca dermassen mit Dattelpalmen gesegnet ist, weiss niemand so richtig zu sagen. Sicher ist nur, dass es sich weder um einen natürlichen Wald noch um eine zufällige Zusammenballung handelt. Vielmehr wurde die bis auf die Phönizier und Karthager zurückgehende Anlage von Menschenhand künstlich geschaffen. Der König und das Stadtrecht Auch wenn es Laien erstaunen mag: Dattelpalmen benötigen viel Wasser. Das wusste man schon im Altertum und leitete im Gebiet von Elche Brackwasser zu, um Dattelpalmenkulturen zu ermöglichen. Die Araber weiteten die Wasserzufuhr während ihrer achthundertjährigen Herrschaft zu einem ausgeklügelten Bewässerungssystem mit Kanälen aus, das rudimentär noch heute erhalten ist. Welche wichtige Rolle die Palmengärten einst für die Ernährung der Bewohner spielten, ist daran zu ersehen, dass vor Beginn des Industriezeitalters eine Million Dattelpalmen gut 80 Prozent der gesamten Bodenfläche von Elche belegten. Im März 1871 besuchte der spanische König Amadeo I. die Siedlung, bestieg neugierig den Turm der Basilika und war vom Dattelpalmenmeer dermassen beeindruckt, dass er Elche mit seinen damals 20 000 Einwohnern postwendend das Stadtrecht verlieh. Die Palmenidylle erlitt bösen Schaden, als 1884 die Eisenbahn nach Elche kam. In der damaligen Aufbruchstimmung schlug man für die Geleise eine Schneise mitten durch das heutige historische Palmenareal. Der dank der Industrialisierung rasch wachsenden Stadt opferte man zudem bedenkenlos weitere Palmengärten. Glücklicherweise gab es in jenen kritischen Jahrzehnten Mahner wie den örtlichen Gemeindearchivar Pedro Ibarra y Ruiz. Ihm gelang es 1933 zusammen mit Gleichgesinnten, erste Schutz- und Hilfsmassnahmen für die Palmengärten zu erwirken, denen nach und nach weitere folgten. Kurse für Palmenpflege Seit 1986 ist der Palmenhain von Elche durch Dekret der Landesregierung von Valencia unter Schutz gestellt, seit 2002 zudem Weltkulturerbe der Unesco. Die nahezu 100 000 Dattelpalmen in 90 verschiedenen Palmengärten im historischen Teil von Elche stehen unter ganz besonderer Aufsicht. Das Fällen ist verboten, alte Palmen müssen durch Neuanpflanzungen ersetzt werden. Von den 150 Angestellten in dem von José Pinta Herrera geleiteten Gartenbauamt von Elche sind 50 ganzjährig mit den Palmen beschäftigt. Etliche dieser Palmenarbeiter lernten das nicht ungefährliche Besteigen und das Schneiden der Kronen von ihren Vätern. Für die andern und ebenso für neue Palmenbesitzer führt das Amt jährlich mehrwöchige Anfänger- und Fortbildungskurse durch. Auch gründete die Stadt Elche im Jahre 1991 zusammen mit der Landesregierung in Valencia das Palmenforschungszentrum Phoenix. Im Stiftungsrat sind die französischen Forschungsinstitute Inra und Cirad, die Universitäten von Elche und Alicante, die Stadt Elche und die autonome Region Valencia vertreten. Eine der zentralen Aufgaben dieser von Michel Ferry geleiteten Forschungsstelle ist es, den Erhalt der Palmengärten optimal zu sichern, was bisher gut gelungen ist. Beispielsweise konnte die Schildlaus in den vergangenen Jahrzehnten mit Erfolg eliminiert werden. Nun droht mit dem Roten Palmenrüssler (Rhynchophorus ferrugineus) eine weit grössere Gefahr. In Ägypten und in Nordafrika hat dieser Schädling im letzten Jahrzehnt fürchterlich gewütet. Von ihm befallene Palmen sind normalerweise nicht mehr zu retten. Es muss für den Phoenix-Leiter Michel Ferry sehr bitter sein, dass er schon vor Jahren vergeblich ein absolutes Einfuhrverbot für Dattelpalmen aus Nordafrika gefordert hatte, nachdem erste Exemplare des Roten Palmenrüsslers im Süden Spaniens festgestellt worden waren. Die verantwortlichen Stellen beschränkten sich damals lediglich auf eine sechsmonatige Quarantänezeit und andere wenig greifende Massnahmen. Dafür erhält man jetzt die Quittung. Abwehrkampf auf breiter Front Für die Einwohner Elches war es ein Schock, als im vergangenen Jahr in den umliegenden Palmenhainen der Stadt erstmals Palmenrüsslerlarven entdeckt wurden. Um ein Übergreifen auf den historischen Palmeral unter allen Umständen zu verhindern, wurden im Ortsteil Valverde und in der Gemeinde San Vicente del Raspeig in den letzten Monaten nahezu 2000 befallene Dattelpalmen vernichtet. Im historischen Teil des Palmenhains verschärfte man die Kontrollen, besprühte die Bäume teilweise mit Insektiziden, die Polizei und die Umweltschutzsondereinheit der Guardia Civil bemühen sich seither um totale Unterbindung der noch immer verbreiteten illegalen Palmeneinfuhr aus Afrika und Ägypten. Trotz diesen Vorsichtsmassnahmen konnte sich der Schädling in den letzten Wochen in den Stadtteil Altabix und damit weiter Richtung Zentrum vorarbeiten, was in Elche neuen Aufruhr und Ängste hervorrief. Der Phoenix-Leiter Michel Ferry stellt sich auf einen mindestens vierjährigen Abwehrkampf ein und sagt dazu: «Dieser Kampf ist nur zu gewinnen, wenn alle Stellen mitziehen.» Dies ist man offensichtlich zu tun bereit. Jedenfalls haben sich Palmenzüchter, Landwirte, Importeure von Palmen, Behördenmitglieder und das Gartenbauamt von Elche schon vor einiger Zeit zu einer Aussprache zusammengefunden. » zurück |
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