Aktuell


Wildwolf in Bayern (2x erweitert)

Dienstag 21. November 2006, 19:09 Uhr

Erster wilder Wolf in Bayern seit 150 Jahren nachgewiesen

München/Pöcking (ddp-bay). Ein Ende Mai nahe Pöcking im Landkreis Starnberg überfahrenes hundeähnliches Tier ist als Wolf identifiziert worden. Der bayerische Wildtierbeauftragte Manfred Wölfl sagte am Dienstag der Nachrichtenagentur ddp in München, eine genetische Analyse durch ein Schweizer Speziallabor belege zweifelsfrei, dass es sich bei dem Tier um einen Wolf aus Italien handle. Das genetische Profil des Tiers stimme mit dem DNA-Muster von Wolfskot überein, der Ende März in Italien unweit der Schweizer Grenze gefunden wurde.

Damit sei nachgewiesen, dass der Wolf am 29. März noch in Italien gewesen sei und es sich nicht um ein Gehegetier gehandelt habe. Es sei der erste in Bayern nachgewiesene wilde Wolf seit rund 150 Jahren. Zwar habe es auch zuvor schon Spuren, Sichtbeobachtungen und Totfunde gegeben, allerdings habe in diesen Fällen nicht eindeutig belegt werden können, dass es sich um Wölfe handelte.

Während Peter Blanché vom Wolfsnetzwerk im «Münchner Merkur» (Mittwochausgabe) mit Blick auf den Nachweis von einer «Sensation» sprach, ist die Wanderung von Wölfen nach Bayern nach Einschätzung von Wölfl «eher nicht sensationell». Es könnten jederzeit einzelne Wölfe aus Sachsen oder Italien nach Bayern kommen, sagte der bayerische Wildtierbeauftragte. Es sei bekannt, dass Wölfe hunderte Kilometer zurücklegen könnten. Bayern sei auch auf einzelne zuwandernde Tiere vorbereitet. Mit ganzen Wolfsrudeln sei vorerst nicht zu rechnen, da nur Männchen so weite Strecken zurücklegten.

Die Zuwanderung von Wölfen ist dem Experten zufolge bei weitem nicht so spektakulär wie die eines Bärs. Im Frühjahr war der erste Braunbär seit mehr als 170 Jahren ebenfalls aus Italien nach Bayern gekommen. Das als gefährlich eingestufte Raubtier wurde nach einer wochenlangen Wanderung durch das bayerisch-österreichische Grenzgebiet Ende Juni erlegt.


Mittwoch 22. November 2006, 16:02 Uhr

«Keine Kuscheltiere und keine blutrünstigen Bestien»

München/Nürnberg (ddp-bay). Nach dem Auftauchen eines wilden Wolfs am Starnberger See will der staatliche Wildtierbeauftragte Manfred Wölfl die Bayern verstärkt auf eine Rückkehr der Tierart vorbereiten. Momentan sei nach seiner Einschätzung in der Bevölkerung eine «abwartende Skepsis» vorhanden, sagte Wölfl am Mittwoch im ddp-Interview in München. «Hurra werden nicht viele schreien, wenn die Wölfe hier wieder heimisch werden», befürchtet der Experte. Der Bund Naturschutz (BN) forderte den Staat zur Finanzierung eines umfassenden Wildtiermanagements auf.

Den größten Widerstand sieht Wölfl bei der Jägerschaft, die um ihre Jagdbeute fürchtet, falls der Wolf als Konkurrent auftritt. Deshalb sei er auch strikt gegen staatliche Wiederansiedelungsprogramme für Wölfe. «Über kurz oder lang haben wir ohnehin eine natürliche Zuwanderung», ist sich der Wildtierbeauftragte vom Landesamt für Umwelt sicher. Allerdings werde diese wohl eher aus Osteuropa und weniger aus Italien kommen. Von dort stammt der am Starnberger See überfahrene Einzelgänger-Wolf.

Auch der BN-Vorsitzende Hubert Weiger betonte: «Die Wildtiere Europas haben ihre Entscheidung getroffen und kommen auf leisen Pfoten allmählich zurück.» Bislang sei der Freistaat aber nicht auf Bären, Wölfe und Luchse vorbereitet. «Statt Lippenbekenntnisse sind nun Mittelentscheidungen für Fachpersonal und einen Wildtierfonds nötig», forderte Weiger. Aus dem Fonds sollen eventuelle Schäden durch getötete Nutztiere bezahlt werden. Ein festes Beratungssystem von Wildbiologen müsse in der Bevölkerung Aufklärungsarbeit leisten.

Der staatliche Wildtierbeauftragte Wölfl betonte, es sei wichtig, das Thema Wolf mit Sachlichkeit anzugehen. «Wir dürfen nichts schönreden», mahnte Wölfl und betonte: «Wölfe sind keine Kuscheltiere, aber sie sind auch keine blutrünstigen Bestien.» Vor allem in den Schulen müsse die Information über diese Tiere verstärkt werden. Er setze langfristig auf eine größere Akzeptanz durch mehr Wissen und weniger Vorurteile.


Deutschlands Wölfe sollen besser erforscht werden

Gabriel: Grundlage für weitere Schutzmaßnahmen

BMU Pressemitteilung, 23.11.06

Das Bundesumweltministerium hat jetzt in enger Abstimmung mit dem sächsischen Umweltministerium ein Forschungsprojekt zum Wanderungs- und Ausbreitungsverhalten dieser streng geschützten Tiere gestartet. "Mit der Stu¬die wollen wir die Grundlage für weitere Maßnahmen zum Schutz der Wölfe in Deutschland erarbeiten. Wenn wir mehr über die Tiere wissen, erleichtert uns dies, möglichen Konflikten bei der weiteren Ausbreitung der Wölfe vorzubeugen", sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel.

Der Wolf ist vor über hundert Jahren aus Deutschland verschwunden, weil er verfolgt und sein Lebensraum zerstört wurde. Durch erfolgreiche Artenschutzmaßnahmen und verbesserte Lebensraumbedingungen haben sich seit dem Jahr 2000 wieder zwei Wolfsrudel in Sachsen ansiedeln können. Etwa 20 Jungwölfe sind seitdem aus den beiden Rudeln in Sachsen abgewandert. Nur von zwei Wölfen ist der Verbleib bekannt. Um einen geeigneten Lebensraum zu finden, legen Jungwölfe, die das elterliche Rudel verlassen, große Distanzen zurück.

Bisher gibt es keine Untersuchungen über das Abwanderungsverhalten von Wölfen in der dicht besiedelten Kulturlandschaft Deutschlands. Vorhersagen über die räumliche Entwicklung des deutschen Wolfsbestandes können daher nicht gemacht werden. Wissenschaftler des Wildbiologischen Büros LUPUS in Spreewitz/Oberlausitz wollen jetzt diesen Fragen mit Hilfe moderner Satellitentechnik nachgehen. Vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) erhielten sie den Auftrag zu einem entsprechenden Forschungsprojekt. Die Experten wollen bis zu sechs Wölfe mit Sendern ausstatten und die Wege der Tiere per Satellit verfolgen.

Für weitere Informationen: Das Hintergrundpapier "Die Wölfe sind zurück" finden Sie im Internetangebot des BMU.


Bayerns Ureinwohner kehren zurück Von Torben Trupke, Oberbayerisches Volksblatt, 23.11.06

München -­ Mehr als 150 Jahre hat es gedauert, bis er sich wieder nach Bayern traute: Kaum angekommen, wurde „der erste nachweislich wilde Wolf”, so Experten, in Pöcking (Kreis Starnberg) überfahren. Das war Ende Mai. Den weiten Weg aus Italien hatte das Tier umsonst zurückgelegt. Der Wolf soll nun skelettiert, präpariert und schließlich ausgestellt werden.

Derweil beobachten Wissenschaftler, dass immer mehr Wildtiere, die bei uns als ausgestorben gelten, nach Bayern zurückkehren. Hoffentlich erleiden sie nicht alle ein so trauriges Schicksal wie der Wolf von Pöcking oder auch Braunbär Bruno. Denn: Der Freistaat ist auf die Zuwanderer nicht ausreichend vorbereitet. „Wir sind ein Entwicklungsland, was die Information der Öffentlichkeit über diese Arten betrifft”, klagt Kai Frobel, Artenschutzreferent des Bund Naturschutz (BN).

Der Wolf weckt alte Ängste bei Menschen

Neben Wölfen und Bären machen sich auch Luchse, Biber, Elche und Seeadler auf den Weg in den Freistaat. Gerade Wölfe hätten es schwer, von der Bevölkerung akzeptiert zu werden. Noch immer dominiere in den Köpfen der Menschen das Bild vom gefährlichen, hinterhältigen Raubtier, sagt Volker Oppermann von der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe. Das sei jedoch falsch: „Wölfe sind scheue Tiere, die Menschen aus dem Weg gehen.”

Bären seien da wesentlich gefährlicher ­ würden aber von der Öffentlichkeit viel positiver wahrgenommen. Um das zu ändern, betreibt die Gesellschaft Aufklärungsarbeit an der Basis; Vertreter von Jagdverbänden, Naturschutzorganisationen, Nationalparkverwaltungen und Landratsämtern werden regelmäßig zu Runden Tischen eingeladen. „An der Kommunikation hapert es gewaltig”, sagt Oppermann. Als Beispiel nennt er etwa den Abschuss eines Wolfes im April 2004 in Thalberg bei Passau: Die Polizei hatte vier Jäger mit der Tötung des Tieres beauftragt ­ illegal, weil ihr nicht bekannt war, dass er geschützt ist.

Die meisten Wölfe kommen aus Tschechien nach Bayern: „Sie werden sich in der Grenzregion etablieren”, ist sich Karl Friedrich Sinner sicher. Der Direktor des Nationalparkes Bayerischer Wald aus Grafenau in Niederbayern stimmt Oppermann zu: „Die Bevölkerung wird nicht ausreichend über neue Arten informiert.”

Biberberater schlichten Biber-Streitereien

Daran sei auch das Nebeneinander unterschiedlicher Interessengruppen schuld. Zwar gibt es Kooperationen zwischen dem Freistaat und den Naturschutzverbänden bei einzelnen Projekten (wie dem Arbeitskreis Wolf). Auf Landesebene fehle es aber an einer zentralen Institution, die alle Beteiligten zusammenführt, kritisiert Frobel. Jetzt soll eine Steuerungsgruppe „Große Beutegreifer” Strategien für den Umgang mit den wilden Rückkehrern erarbeiten. Ihr gehören neben dem Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium Vertreter aller wichtigen Naturschutzorganisationen an. Seit dem Fall Bruno drängen Frobel und sein Verband auf die Einführung sogenannter Bärenberater.

Für Biber und Luchse gibt es solche ehrenamtlichen Helfer schon. Als mobile Eingreiftruppe vermitteln sie „vor Ort zwischen Mensch und Wildtier”. Sie haben nicht nur Biberfallen und Elektrozäune im Gepäck, sondern klären Landwirte, Jäger und Privatleute über die Eigenheiten der Tiere auf. Den Biberberatern ist es zu verdanken, dass der zwischen 1968 und 1982 in Bayern wieder angesiedelte Nager nur in 20 Prozent der Reviere Probleme macht; derzeit leben knapp 9000 Biber im Freistaat. Frobel weiß, wie wichtig die Helfer sind: „Wir haben seit Generationen verlernt, mit wilden Tieren umzugehen. Braunbär Bruno sollte die letzte Warnung gewesen sein, dass sich daran etwas ändern muss.”

Ein landesweites Konzept, wie man mit den Arten umgehen will, sei daher nötig. Die Einrichtung staatlicher Fonds, aus denen Menschen entschädigt werden, deren Besitz den Attacken von Bär, Wolf und Co. zum Opfer gefallen ist, hält Frobel für ebenso wichtig. In anderen Ländern sei das üblich.

Beispiel Österreich: „Hier werden jährlich rund 10 000 bis 20 000 Euro ausgezahlt, in Italien sind es sogar 30 000 Euro.” Als Vorbild für einen bayerischen Fonds nennt Frobel das Engagement des Bund Naturschutzes im Freistaat: Eine Million Euro habe dieser in den vergangenen zehn Jahren in das Bibermanagement investiert ­- komplett aus Verbandsmitteln. Jährlich zahle der BN bis zu 30 000 Euro Entschädigung an „Biberopfer”. Ins Leben gerufen hatte das einst das Umweltministerium. Der Grundstein für die Rückkehr der Arten wurde schon vor mehreren Jahrzehnten gelegt. „Schon vor ein bis zwei Menschengenerationen wurden viele Tiere unter Schutz gestellt, aaber der Erfolg dieser Maßnahmen zeigt sich erst jetzt”, sagt Frobel.

Auch Elche dringen nach und nach Richtung Bayern vor. Wenn sie mal wieder vom Moldaustausee (Tschechien) aus einen Ausflug in den Freistaat machen, rufen die Leute schon mal bei Nationalparkdirektor Sinner an: „Die wollen dann wissen, ob das sein kann.” Einzelne Jung-Elche hat es sogar nach Bayreuth und in die Nähe von Schwandorf (Oberfranken) verschlagen. Ob die Tiere sich dort ansiedeln werden? „Das hängt davon ab, wie sich die Population auf tschechischer Seite entwickelt”, sagt Sinner. „Der Lebensraum hier würde schon passen.” Sollte sich der Elch auf bayerischer Seite ansiedeln, wird es Probleme geben. „Die Baumschäden durch Verbiss wären enorm”, warnt Sinner. Bisher hat die Forstwirtschaft allerdings keine Probleme mit den vierbeinigen Einwanderern.

Elche dringen bis nach Oberfranken vor

„Ich wüsste keine Wildtiere, die Schäden anrichten”, sagt Hans-Ulrich Sinner von der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft. Der Chef der Abteilung „Wald und Mensch” sieht der Entwicklung gelassen entgegen. „Der Populationsdruck bei den tschechischen Elchen müsste wesentlich höher sein als jetzt, damit sich dauerhaft welche in Bayern ansiedeln.” Eine Einschätzung, die Frobel vom Bund Naturschutz nicht teilt: „Man darf bei aller Freude über die Rückkehrer nicht übersehen, dass wir in unserer offenen Agrarlandschaft einen dramatischen Artenrückgang haben.” Die Lebensräume von Rebhühnern, Schwalben und Amphibien würden auf den intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen immer kleiner.

Von wesentlich kleinerem Kaliber als der Elch ist ein anderer „Neuankömmling”: der Luchs. Die flinke Raubkatze wurde -­ nachdem sie 1846 ausgerottet worden war -­ erstmals wieder in den 50er- und 60er-Jahren in Bayern gesichtet. 1970 bis 1974 ließ man im Bayerischen Wald fünf bis zehn Tiere heimlich frei. Es folgten weitere auf tschechischer Seite in den 80er- Jahren. Weil die Jungtiere sich eigene Reviere suchen müssten, finde man die Raubkatze zudem im Frankenwald, im Nürnberger Land und im Altmühltal.

Insgesamt sind heute etwa 20 Luchse in Bayern zu Hause. Probleme mit der Bevölkerung werden den zuständigen Stellen kaum gemeldet. In den Landkreisen, in denen sich Luchse wieder angesiedelt haben, betreiben so genannte Luchsanwälte Aufklärungsarbeit. Finanziert wird das unter anderem vom Naturpark Bayerischer Wald, Bund Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz und dem Landesjagdverband Bayern. Für Schäden, die das Tier anrichtet, kommt ein Entschädigungsfonds auf.

Der Seeadler hat sich eingeschlichen

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat sich unterdessen der Seeadler seinen Weg zurück nach Bayern gebahnt. Im April 2004 siedelte sich ein Paar am Altmühlsee bei Gunzenhausen an ­- erstmals seit 150 Jahren. Mittlerweile hat das Pärchen sogar Nachwuchs. Allerdings: „Das Paar ist isoliert. Ich bin gespannt, ob sich weitere Tiere ansiedeln werden”, sagt Andreas von Lindeiner, Artenschutzreferent beim Landesbund für Vogelschutz. Denn sobald die Jungtiere flügge sind, werden sie sich ein eigenes Revier suchen ­ und das muss nicht unbedingt in Bayern liegen. „Die Bedingungen wären aber günstig: Am Chiemsee oder auch im oberpfälzischen Seenland gibt es ausreichend Feuchtgebiete”, sagt Experte Lindeiner.


Zweiter Walliser Wolf wurde erschossen

Kantonsregierung macht Ankündigung wahr
Einsprüche übergangen


NABU Pressemitteilung, 22. November 2006

Obwohl das Walliser Kantonsgericht einer entsprechenden Beschwerde von WWF Schweiz und Pro Natura aufschiebende Wirkung zugebilligt hatte, ließen die Behörden jetzt wie angekündigt innerhalb weniger Wochen bereits den zweiten aus Italien eingewanderten Wolf erschießen. Gegen Regierungsrat Jean-René Fournier, den für den Wolfsabschuss verantwortlichen Chef des Walliser Departements für Finanzen, Institutionen und Sicherheit, hat der WWF nun Aufsichtsbeschwerde eingelegt. Außerdem soll Strafanzeige gestellt werden.

„Ich finde es schockierend, dass der Kanton Wallis politisch immer noch dort steht, wo er vor elf Jahren nach dem ersten Wiederauftauchen des Wolfs bereits stand“, sagte WWF-Experte Kurt Eichenberger der Basler Zeitung. Die Kantonsregierung habe in der Wolfsfrage keine konstruktive Haltung. Man habe nichts unternommen, um den Herdenschutz im Wallis voranzutreiben, so Eichenberger weiter. Erfahrungen aus anderen Kantonen und Ländern zeigten, dass es genügend Konzepte gebe, die das Schadenspotenzial drastisch verringerten. Stattdessen organisiere die Regierung eine Treibjagd mit zehn Wildhütern.




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