AktuellKlon-Weihnachtsbäume
Es ist ein Klon entsprungenSattgrüne Nadeln und wohnzimmerfreundliches Format - ein Weihnachtsbaum muss hohen Ansprüchen genügen. Berliner Forscher versuchen, die perfekte Tanne zu klonen.Von Sandra Burmeier, Financial Times Deutschland, 21.12.06 Wenn Kurt Zoglauer von Nordmann-Tannen spricht, gerät er ins Schwärmen: "Da gibt es ganz, ganz traumhafte Bäume!" Der Pflanzenforscher von der Humboldt-Universität zu Berlin beschäftigt sich seit Jahren mit Deutschlands beliebtestem Weihnachtsbaum. Der wird bisher aus Saatgut aus dem Kaukasus gezüchtet, denn dort liegt die wahre Heimat des nur vermeintlich nordischen Gewächses. Doch die deutschen Anbauer können nur knapp 60 Prozent ihrer Nordmann-Tannen vermarkten. Der Grund: Ausfälle durch Frostschäden, oder aber die Bäume entsprechen in Wuchs oder Nadelfarbe nicht dem Publikumsgeschmack. Für letzteren Fall will Zoglauer Abhilfe schaffen: In einem aufwendigen Verfahren klonen er und seine Kollegen Unmengen von Nordmann-Tannen aus besonders vielversprechendem kaukasischem Saatgut. Finden die Wissenschaftler dabei den perfekten Baum, wollen sie dank eingelagerter Embryonalzellen beliebig viele Kopien des Prachtexemplars erzeugen. Bis es so weit ist, liegt jedoch noch viel Arbeit vor den Berliner Tannenforschern. In einem als somatische Embryogenese bezeichneten Verfahren bringen sie mithilfe eines Hormoncocktails Embryos dazu, sich zu teilen und weitere frühe Embryonalstadien zu erzeugen. Die können dann wiederum zu neuen Embryos auswachsen. Doch bis aus wenigen Zellen zahlreiche Klonembryos entstanden sind, müssen diese mehrere Stationen in unterschiedlichen Nährmedien durchlaufen. "Das erfordert einen gewissen manuellen Aufwand", seufzt Zoglauer. Die fertigen Embryos kommen für mindestens vier Wochen in den Kühlschrank, dann sind sie einsatzfähig. Ob diese allerdings wirklich das Zeug zum perfekten Baum haben, wissen die Forscher noch nicht. Deshalb bringen sie auch nur einen Teil der Embryos zum Keimen. Der Rest wird in einem frühen Entwicklungsstadium in flüssigem Stickstoff eingefroren und soll erst dann wieder aufgetaut werden, wenn sich der entsprechende Klon im Freilandversuch als geeignet erwiesen hat. Dafür werden die wenige Zentimeter großen Keimlinge zunächst ein bis zwei Jahre im Gewächshaus untergebracht und so behutsam an die rauen Umweltbedingungen unserer Breiten gewöhnt. Bei der anschließenden Weiterkultur ihrer Zöglinge im Freiland arbeiten die Berliner Forscher mit zahlreichen Partnern zusammen. Einer davon ist die Baumschule Henning Pein in Appen bei Hamburg. Mickrige 3,5 Zentimeter messen die Bäumchen, wenn sie dort mit einer eigens dafür entwickelten Pflanzmaschine in die Anzuchtbeete gesetzt werden. Gut zehn Jahre dauert es, bis die Klontannen Weihnachtsbaum-Maße erreicht haben. Dann ist es Zeit für die Qualitätskontrolle: Höhe, Breite und Austriebsverhalten werden protokolliert. "Mein Ziel ist es, eine Claudia Schiffer unter den Weihnachtsbäumen zu produzieren", verkündet Züchter Pein. Doch bis es so weit ist, werden wohl noch einige Jahre vergehen: Die ältesten Klontannen in Peins Beeten stehen seit gerade mal zwei Jahre dort. Bisher ist der Züchter mit ihrer Entwicklung sehr zufrieden, mag aber noch keine Prognosen über ihre Eignung als Supertannen geben: "Das ist wie beim Menschen, da können Sie auf der Säuglingsstation oder im Kindergarten auch noch nicht sagen, wie der Schulabschluss wird." Wenn dann der perfekte Baum gefunden ist, greifen Kurt Zoglauer und Kollegen zur Kühltruhe. Dort lagern ja bei minus 196 Grad Zellhäufchen, die exakte genetische Kopien der Supertanne sind - und nun als Grundlage für eine Massenproduktion dienen können. Die Forscher hoffen, eines Tages eine ganze Palette unterschiedlicher Klone in petto zu haben, sortiert nach Anbaugebiet, Wuchsform und Nadelfarbe. "Wenn sich die Mode mal ändert", so Zoglauer, "holen wir einfach die passenden Embryos aus der Truhe." Jens Stengert von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) mag Zoglauers Begeisterung für die Klontannen nicht teilen: "Ein Weihnachtsbaum sollte immer ein Stück Natur sein." Die SDW fordert die Verbraucher daher in der Vorweihnachtszeit dazu auf, sich wieder mehr mit der Herkunft ihrer Bäume zu beschäftigen und diese am besten bei regionalen Waldbauern oder beim nächstgelegenen Forstamt zu kaufen. Sterile Nährböden und Stickstoffkonservierung passen da nicht ins Bild. "In städtischen Ballungsgebieten bleibt das eine schöne Illusion", sagt Zoglauer. Dort sei schon die rechtzeitige Bereitstellung von Millionen Plantagen-produzierter Bäume eine logistische Herausforderung. "Warum soll man da nicht versuchen, die Produktion effizienter und umweltgerechter, aber auch das Produkt attraktiver zu machen?" » zurück |
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