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Raubbau am heimischen Wald

Raubabbau aus Profitgier“ gefährdet heimischen Wald

Kampf gegen geplantes Holzkraftwerk in Piesteritz geht weiter

Wochenspiegel, 27.12.06

Wittenberg (wg). Der Verteilungskampf um die knappe Ressource Holz ist hart: Industrie und Energiewirtschaft benötigen immer mehr Holz, allein die Zellstoffproduzenten steigerten in den vergangenen drei Jahren ihren Holzverbrauch um mehr als 50 Prozent. 70 Millionen Kubikmeter Holz gingen 2005 in die stoffliche Verwertung der Industrie, 19,1 Millionen Kubikmeter Holz wurden in Biomasse-Heizanlagen verfeuert, ein Anstieg um 45 Prozent. Die Folge: Seit Herbst 2005 haben die Preise für Waldholz um 30 Prozent zugelegt, einzelne Holzsorten verteuerten sich sogar um 60 Prozent, ein Ende des Trends ist nicht absehbar. „Das Holzkraftwerk in Brand Erbisdorf liegt in einer waldreichen Gegend und musste mangels Holznachschub nach nur zwei Jahren geschlossen werden“, berichtet Jahn. „Natürlich gehört Holz zu den erneuerbaren Energien, aber nur, wenn es sinnvoll und nachhaltig eingesetzt wird.“ Angesichts des zunehmenden Holzmangels in Sachsen-Anhalts Industriebetrieben bereite das Ministerium für Landwirtschaft eine „Aktion zur Holzmobilisierung“ vor, das größte Zellstoffwerk Mitteleuropas bei Stendal habe vorübergehend seine Produktion stark drosseln müssen, auch die Plattenwerke in Magdeburg und Nettgau seien von der Verknappung und Verteuerung des Rohstoffes Holz betroffen. „Eine der Ursachen des Holzmangels liegt in den staatlich geförderten Holzkraftwerken“, kritisiert Jahn. Geht das in Piesteritz geplante 20-MW-Werk ans Netz, dann benötige es 160.000 Tonnen naturbelassenes Laubstammholz, vorwiegend aus den ohnehin laubholzarmen Naturparken Dübener Heide und Fläming. Verbrannt werden sollen vor allem 150- bis 160-jährige Buchen und Eichen, meint Jahn, stündlich benötige das Kraftwerk 14,5 Festmeter. Eine Buche brauche 150 Jahre , um ganze fünf Festmeter Holz heranwachsen zu lassen - einschließlich der Krone, wobei das Kronenholz gar nicht verwendet werden könne. „Sechs Buchen müssen 150 Jahre oder 1,3 Millionen Stunden wachsen, um in einer einzigen Stunde vernichtet zu werden“, rechnet Jahn vor, „was heißt da also ‚erneuerbarer’ Rohstoff?“ Eine ausgewachsene Buche produziere jährlich 4.500 Kilogramm Sauerstoff und entzieht der Atmosphäre 6.000 Kilogramm Kohlendioxid - so lange sie lebt. „Aber für solche Gedanken ist in den profitgierigen Plänen der Leipziger Stadtwerke ohnehin kein Raum“, klagt Jahn.

„Um das Holzaufkommen über einen längeren Zeitraum zu gewährleisten, ist es unvermeidbar, dass massiv in die regionalen Waldbestände eingegriffen werden muss“, warnt Jürgen Berg, Vorsitzender des NABU-Kreisverbandes und studierter Forstwirt. „Dabei sind aus Technologie- und aus Kostengründen Kahlschläge nicht zu vermeiden. Vor allem der Holzkauf von privaten Waldbesitzern birgt diese Gefahr, da so mancher private Waldbesitzer dem Lockruf des Geldes erliegen dürfte.“ Zudem sei es unredlich, gegen das Abholzen der tropischen Regenwälder zu protestieren und Gleiches hier abzuziehen.

Die Gegner des Kraftwerkes protestieren auch gegen die Überdimensionierung der geplanten Anlage mit 20 MW. „Am Standort werden höchstens fünf MW gebraucht, aber die überholungsbedürftige deutsche Gesetzgebung gewährt den Riesen-Anlagen fette Fördermittel“, kritisiert Jahn. Die Zeche zahle der Endverbraucher mittels eines durch Quersubventionen überhöhten Strompreises. Mit einer Energie-Effizienz von nur 35 Prozent sei die Anlage ohnehin nur eine vorsintflutliche Dreckschleuder: „Die sogar im Amtsblatt veröffentlichte Aussage, das Kraftwerk sei kohlendioxidneutral, ist schlichtweg falsch“, sagt Jahn. „Wir werden den Kampf gegen die Anlage nicht aufgeben, zumal man bei dem, was in den Leipziger Stadtwerken intern vor sich geht, einschließlich aller Privatisierungsbestrebungen, besonders vorsichtig sein muss.“

Außerdem gäbt es sinnvolle Alternativen, wie der Bau eines wirklich nachhaltigen Biomassekraftwerkes auf der Basis von Rapsschrot, das in der benachbarten Biodiesel-Anlage reichlich anfallen werde. Jahn verweist auf das europäische Zentrum für Bioenergie im österreichischen Güssing, das inzwischen auch von etlichen Wittenbergern besichtigt wurde: „Dort kann man sehen, wie erneuerbare Energien umweltfreundlich und wirtschaftlich eingesetzt werden. Holzvergasung, Biogas und Fotovoltaik erreichen einen Wirkungsgrad von 85 Prozent. Dank der preiswert erzeugten Energie haben sich inzwischen 50 Firmen mit über 1.000 Arbeitsplätzen in Güssing angesiedelt.“ Auch das von Firmen der Region Wittenberg neu gegründete Netzwerk „Innogas“ verfolge eine ähnliche Strategie. Jahn: „Wir fordern deshalb den Stadtrat Wittenberg auf, seine unsinnige und unmündige Entscheidung zurückzunehmen und appellieren auch an die Leipziger Stadträte, Einfluss auf ihr noch kommunales Unternehmen auszuüben!“


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