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Das Tunguska-Rätsel

Feuerball über Sibirien

Von Karl-Heinz Karisch, Frankfurter Rundschau, 26.6.08

Die Erde bebt. Seismographen im russischen Irkutsk, im schwedischen Uppsala und auch in Berlin zeichnen am 30. Juni 1908 starke Erschütterungen auf. Kurz zuvor rasen in einem gewaltigen Feuerwerk Lichtblitze über die sibirische Taiga. Nur wenige Menschen sehen in dieser entlegenen Gegend das kosmische Ereignis mit eigenen Augen. In der kleinen Handelsstation Wanawara am Fluss Tunguska bersten kurz nach 7 Uhr die Fensterscheiben, werden Türen eingedrückt.

Das gigantische Ausmaß der Katastrophe erschließt sich erst 19 Jahre später. 1927 bricht der russische Mineraloge Professor Leonid A. Kulik mit einer wissenschaftlichen Expedition in das Tunguska-Gebiet auf. Er hofft, einen wertvollen Eisen-Nickel-Meteoriten zu finden. Doch bei dieser und fünf weiteren Expeditionen - letztlich bis heute - konnte kein Geschoss aus dem Weltall entdeckt werden.

Stattdessen sieht Kulik Zerstörungen wie nach einer gewaltigen Atombombenexplosion. Auf mehr als 2000 Quadratkilometern sind die Bäume umgeknickt. Erstaunlich nur, dass es kaum Brandspuren im Zentrum der Explosion gibt. Sauber liegen die Stämme sternförmig um das Epizentrum herum aufgereiht - geschätzte 60 Millionen Kiefern.

Angesichts der Rätselhaftigkeit des Ereignisses gab und gibt es natürlich die abenteuerlichsten Spekulationen. Das reicht vom Absturz eines außerirdischen Raumschiffes über den Zusammenstoß mit einem kleinen schwarzen Loch, das durch die Erde gerast ist, bis hin zu einem erbsengroßen Stück Antimaterie. Der Antimaterie-Vorschlag stammt sogar von dem US-Physiker und Nobelpreisträger Willard Frank Libby. Bislang konnten allerdings im Universum keine Spuren von Antimaterie entdeckt werden, so dass auch dies reine Spekulation blieb.

Heute vermuten die meisten Wissenschaftler, dass es ein Steinmeteorit von einigen Dutzend Metern Durchmesser war, der durch die starke Schockwelle beim Eintritt in die Erdatmosphäre verdampft ist. Die Schätzungen der frei gewordenen Energie reichen von zehn bis 1000 Hiroshima-Atombomben.

"Kurz vor einer aufregenden Entdeckung" wähnen sich allerdings Wissenschaftler um Professor Giuseppe Longo von der Universität Bologna (Spektrum der Wissenschaft, Juli 2008).

Sie erkunden das Gebiet bereits seit 1991 und stießen dabei auf ein kleines Gewässer, den Tschekosee mit rund 300 Metern Durchmesser. Der befindet sich zwar rund acht Kilometer vom Epizentrum der Explosion entfernt. Aber er könnte zumindest einen Teil des lange vergeblich gesuchten Meteoriten enthalten.

"Gepiesackt von Mückenschwärmen und Pferdebremsen", so berichtet Longo, seien die Sedimente und die Struktur des Seebodens mit einem Radargerät untersucht worden. Im Computer nahm dann der Seegrund tatsächlich die Form eines Einschlagkraters an.

Außerdem zeigten die Aufnahmen ein etwa ein Meter großes Objekt unter der Mitte des Seebodens. Könnte das ein Teilstück des explodierten Meteorits sein? "Wir sind höchst gespannt, das herauszufinden", sagt Longo. Im kommenden Jahr soll versucht werden, den Brocken zu bergen.

Meteorit sehr viel kleiner als bisher angenommen

Von einem Meteoriten gehen auch US-Wissenschaftler der Sandia National Laboratories aus. Allerdings ergaben ihre Simulationen im Supercomputer, in dem sonst Atomwaffen berechnet werden, eine Überraschung. "Der Meteorit, der diese gewaltigen Verwüstungen angerichtet hat, war sehr viel kleiner als wir bislang vermuten mussten", sagt Sandia-Forscher Mark Boslough. Entscheidend sei, dass der Körper aus dem All mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit durch die Atmosphäre rase. Die dabei entstehenden Schockwellen verdampften den Meteoriten, ringförmige Luftwirbel richteten die Druckwelle nach unten. Sie sei in der Lage, auch große Waldstücke umzulegen.

Besonders beunruhigend an Bosloughs Befunden ist, dass damit sehr viel mehr kosmische Brocken der Erde gefährlich werden könnten, als bislang vermutet. Wenn ein solcher Kleinmeteorit über einer Großstadt explodieren würde, müsste mit sehr vielen Todesopfern gerechnet werden.

Einen irdischen Ursprung für die Tunguska-Katastrophe sieht hingegen der russische Geologe Wladimir A. Epifanow. Er arbeitet am Sibirischen Geoforschungsinstitut in Nowosibirsk.

Auf einer Konferenz in Moskau berichtete er 2002 über seine Theorie, dass durch geologische Bewegungen eine gewaltige Fontäne aus Staub, Erdöl, Erdgas und Methanhydraten in die Atmosphäre geschossen worden sei. Dort sei das Gemisch vom aufschäumenden Gas verteilt worden und habe sich mit Luftsauerstoff gemischt.

Das entstandene Aerosol sei vom Westwind mitgenommen worden und habe sich in der oberen Atmosphäre angesammelt. Durch die mitgerissenen Staubteilchen habe sich eine elektrische Spannung aufgebaut, die sich schließlich in einem Zündfunken entladen habe. Der Feuerball sei im Gas-Öl-Luftgemisch auf die Erde zurückgerast und habe in der sauerstoffreicheren unteren Atmosphäre zu einer gewaltigen Explosion geführt.

Epifanow hält seine Theorie für besonders plausibel, weil das Epizentrum der Explosion genau über einem Gas- und Ölfeld liegt, das von einem vulkanischen Basaltdeckel verschlossen wird, der vor 200 Millionen Jahren gebildet worden ist. Offenbar habe ein Erdbeben einen Riss verursacht, so dass das unter hohem Druck stehende Gas austreten konnte.

Zuvor hatten bereits der russische Physiker Andrej Olchowatow und der Bonner Astrophysiker Professor Wolfgang Kundt auf einen vulkanischen Auswurf als mögliche Ursache hingewiesen. Auf Grund der Zerstörungen errechneten sie, dass rund zehn Millionen Tonnen Erdgas ausgeströmt sein müssen.

Das alles klingt plausibel, bewiesen ist es noch lange nicht. Aber vielleicht finden ja die Forscher aus Bologna im kommenden Jahr den Stein der Weisen.







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