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Aktuell
Taiga schwindet durch Klimawandel
Wälder des Nordens durch Wärme gefährdet
Satellitenaufnahmen zeigen, dass die Wälder des hohen Nordens - die größten Kohlenstoff-Speicher der Welt - bedenklich schwinden
Von Kurt de Swaaf, Der Standard, 12.7.08
Fairbanks - Man könnte zu Recht von einem "grünen Meer" sprechen: Die schier endlosen Wälder Eurasiens und Nordamerikas erstrecken sich auf einer Fläche von mehr als 1,2 Milliarden Hektar rund um die nördliche Hemisphäre. Ihre ökologische Bedeutung ist gewaltig - auch auf globaler Ebene. Mit einem Mengenanteil von 30 bis 35 Prozent ist die Waldwildnis unter anderem der weltgrößte terrestrische Kohlenstoffspeicher.
Die endlosen Wälder tragen durch diesen Rückhalt von potenzziellem CO2 erheblich zur Stabilisierung des Klimas bei. Was vor allem im organisch angereicherten Waldboden gebunden ist, kann die Atmosphäre nicht zusätzlich aufheizen. Doch wie lange hält dieses Reservoir noch dicht?
Experten debattieren bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten über die möglichen Auswirkungen einer globalen Erwärmung auf die arktische und südlich an sie angrenzende boreale Vegetation. Das bisherige Bild ist beileibe nicht einheitlich. Steigende Temperaturen, glauben viele Fachleute, würden Baumwuchs begünstigen und eine Ausweitung der Waldgebiete nach Norden hin bewirken.
Die halbe Wahrheit
In Gebirgsregionen sollte die Baumgrenze dementsprechend ansteigen. Tatsächlich lassen sich solche Trends bereits heute in manchen Gebieten klar erkennen, wie ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift "Global and Planetary Change" (Bd. 56, S. 274) berichtete. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit.
Wärmere Sommer, so die Wissenschafter, bergen für kälteresistente Wälder auch erhebliche Risiken. Trockenheit infolge stärkerer Verdunstung und häufigere Gewitter mit höherer Blitzfrequenz lassen die Waldbrandgefahr dramatisch ansteigen. Zwar spielt Feuer für die Verjüngung und die Struktur borealer Wald-Ökosysteme eine wichtige Rolle, in den vergangenen zwei Dekaden jedoch forderten die Flammen einen beunruhigend hohen Tribut. In Sibirien zum Beispiel waren sieben der neun Jahre von 1998 bis 2006 von extremen Bränden gekennzeichnet.
Insektenfraß stellt ein weiteres wärmegefördertes Problem dar: Viele Baumschädlinge profitieren von den milderen Klimabedingungen und vermehren sich rapid. Regelrechte Plagen, die sogar in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren auftreten können, sind die Folge. So vernichtete der Käfer Dendroctonus rufipennis in den Neunzigern auf der Kenai-Halbinsel Alaskas etwa 90 Prozent des Fichtenbestandes.
Wie stark sich die Klimaerwärmung großflächig auf das Vegetationswachstum in nördlichen Gefilden auswirkt, hat der US-Forstwissenschaftler David Verbyla von der University of Alaska in Fairbanks in einer Studie untersucht, die in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Global Ecology and Biogeography" (Bd. 17, S. 547) publiziert wurde. Der Experte wertete Satellitenaufnahmen aus den Jahren 1982 bis 2003 hinsichtlich der fotosynthetischen Aktivität der Landschaft - ein Maß für das Pflanzenwachstum - aus.
Das Ergebnis: Während in der kargen Tundra Alaskas ein deutliches "Ergrünen" messbar war, zeichnete sich für die Wälder im Inland ein negativer Trend ab. An der regenreichen Küste ließen sich keine signifikanten Veränderungen feststellen.
Schleichender Schwund
David Verbyla macht vor allem die Trockenheit für den schleichenden Waldschwund verantwortlich. Sie begünstige nicht nur Brände und Schädlingsbefall, sondern beeinflusse auch das Baumwachstum. "Sie scheinen weniger Nadel- und Blattmasse und dafür mehr Wurzeln auszubilden", erklärt er gegenüber dem Standard. Ob dies jedoch langfristig ihr Überleben sichert, sei fraglich. Teilen Zentral-Alaskas, so Verbyla, könnte sogar die Entwaldung drohen.
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