|
Aktuell
Amerikas Holzhäuser
Im Land der zugigen Sperrholzhäuser
Das Thema Energiesparen treibt Amerikas Wähler um. Das Beispiel eines Häuslebauers zeigt, wie schwer es ist, damit wirklich Ernst zu machen.
Von Andreas Geldner, Hannoversche Allgemeine, 17.7.08
Der Bauinspektor von Charles County in Maryland hat die Welt nicht mehr verstanden, als er das abgelegene Holzhaus mitten im Wald überprüfte. Sonst muss er in dünnwandigen Bungalows danach schauen, wo Balken schief stehen und wo es durch Ritzen zieht. „Wollen Sie hier einen Bunker bauen?“, hat er gefragt, nachdem er die dicke Betonwand im Keller ausgemessen hatte. „Ich habe einfach genommen, was vorgeschrieben ist – und dann mit zwei oder drei multipliziert“, hat Bauherr Kent Lamparter Hibben geantwortet. Und damit hat der 44-jährige Mitarbeiter des US-Energieministeriums, der als Spross einer Schwäbin und eines Schotten die Sparsamkeit im Blut hat, nur Kopfschütteln geerntet.
Selbst die Nachbarn, die hier in weit im Wald verstreuten Häusern wohnen und meist naturverbundene Individualisten sind, haben Hibben für verrückt gehalten. Wer verdoppelt denn so einfach seine Baukosten, nur damit die Heizwärme nicht durch die Wände davonzieht? Energie kostet doch nichts. Doch nun lacht bei einem Ölpreis von 135 Dollar je Barrel niemand mehr. „Wenn die mir jammernd ihre Heizungsrechnungen zeigen, streiche ich einfach eine Null weg – das ist dann das, was ich zahle.“ Auch das Energieministerium will endlich aufrüsten: 220.000 Ökohäuser bis 2012 sind das bescheidene Ziel für eine Nation mit 300 Millionen Menschen. In Zeiten, in denen die Fernsehsender den Benzinpreis täglich fast wie eine Katastrophenmeldung einblenden, ist die Energiepolitik zu einem der heißesten Wahlkampfthemen geworden.
Doch mehr als die dicken Autos sind dünnwandige Häuser die größten C02-Schleudern der USA. Hibben musste in seinem südlich von Washington am Fluss Potomac gelegenen Wohngebiet um jeden Zentimeter Wanddicke kämpfen. Schnell fertig und billig muss ein Haus in den USA sein: Man wirft einen Berg Holz vom Lastwagen und sägt ihn an Ort und Stelle zu. Tack-tack-tack rattert die Nagelmaschine – und fertig ist das Katalogprodukt. Die für Deutsche beängstigend schmalen Sperrholzwände der Neubauten sind in den vergangenen Jahren noch dünner geworden. „Ich habe einen Freund, der ist vor Kurzem in ein Haus gezogen, dessen Wände nur noch einen Zentimeter dick sind“, erzählt Hibben. „Wenn du da mal ein Fahrrad zu kräftig an die Wand lehnst, hast du ein Loch drin“, sagt er spöttisch.
Als Hibben dem ersten Bauunternehmer statt der üblichen Billigglaswolle sein umweltfreundliches Isoliermaterial aus recycelten Zeitungen unter die Nase hielt, winkte der ab. So etwas habe er noch nie gemacht. Und überhaupt: Was das solle? Erst nach langer Suche fand Hibben einen Handwerker, der sich auf seine Wünsche einließ. Doch am Ende musste er ihm kündigen, weil die Arbeiter die Standards nicht einhalten konnten. Nun werkelt Hibben selbst weiter.
„Hierzulande zählt Handwerkskunst nichts mehr. Die Baufirmen wollen mit der Masse Geld machen, nicht mit Qualität“, sagt er. So wurde in der Zeit des Immobilienbooms genagelt, was das Zeug hält. Auch die Kunden wollten große, billige Häuser, nicht kleine und teuer isolierte. „Erst hast du ein großes Haus, dann kaufst du Zeug, damit es nicht leer aussieht. Und dann musst du in ein größeres Haus ziehen, weil du so viel Krempel hast“, so beschreibt Hibben den Kreislauf, in dem viele US-Bürger gefangen seien.
Wer, wie in den USA üblich, bald wieder auszieht, dem waren langfristige Kosten-Nutzen-Rechnungen bisher fremd. Und auch die Hausbank, die sich um den Wiederverkaufswert sorgte, fragte nicht nach der Fensterisolierung und der im Keller installierten Wärmepumpe. „Ich musste eine Plastikregenrinne ans Haus nageln und einen Rasen anlegen“, sagt Hibben. „Das wollen die Käufer sehen.“
Beim Thema Durchlauferhitzer kapitulierte allerdings auch der tapfere Ökopionier. Ein solches Gerät war in den USA lange Zeit überhaupt nicht zu bekommen. Die in Deutschland seit Jahrzehnten selbstverständliche Technik hätte ein Drittel bis zur Hälfte der Energie gespart, die ein normaler US-Haushalt für warmes Wasser braucht. „Ich habe mir überlegt, das aus Übersee zu importieren. Aber das wäre wahnsinnig teuer gewesen“, sagt Hibben. Auch Heizkörper waren nicht bezahlbar. In den USA ist der Standard das billig zu installierende, aber energieaufwendige Heizen mit heißer Luft. Laut OECD-Statistik verbraucht ein amerikanischer Haushalt auch deshalb rund 11.200 Kilowattstunden Strom, ein europäischer knapp 4700.
In den meisten amerikanischen Häusern hält man das Wasser in einem Vorratstank Tag und Nacht am Brodeln, ob man es gerade braucht oder nicht. Das ist beim Einbau zwar spottbillig, aber nicht einmal komfortabel. Weil das Wasser zentral im Keller aufgeheizt wird, kommt erst einmal ein Schwall kaltes Wasser aus den langen Rohren. Die Lösung für viele Bewohner: den Hahn schon mal aufdrehen, gemütlich frühstücken – und dann duschen, wenn schon jede Menge (heißes) Wasser durch den Abfluss gerauscht ist.
Doch der Wind dreht sich. Die von Verbrauchsspitzen gebeutelten Stromkonzerne haben dank Zuschüssen dafür gesorgt, dass es seit Neuestem Angebote für Durchlauferhitzer sogar im Werbefernsehen gibt. Auch der Ölmann George W. Bush lächelt inzwischen von bunten Sparbroschüren. Seit kurzer Zeit gibt es dank eines Energiespargesetzes zum Beispiel bis zu 500 Dollar Zuschuss für eine bessere Isolierung von Wänden. Manches wirkt für einen deutschen Leser rührend – oder erschreckend. „Schauen Sie nach Löchern und Rissen in Ihren Wänden, Decken, Fenstern und Türen“, lautet ein Rat. So viel zur Bauqualität. Beim Thema Fenster lautet der hemdsärmelige Tipp: „Kleben Sie doch breite Tesastreifen an die Innenseite Ihrer Fensterrahmen.“ Doch sowohl John McCain als auch Barack Obama versprechen, zumindest mit dem bisherigen politischen Flickwerk Schluss zu machen.
Kent Lamparter Hibben hat seine Mission als Energiesparer zum Beruf gemacht. Vom Börsenhandel wechselte er ins Energieministerium. Auch wenn er als Bundesbeamter sich politisch nicht äußern will, ist er dennoch optimistisch, dass sein Land in Bewegung gekommen ist. „Energiesparen muss bequem sein, nur dann ziehen die Amerikaner mit“, sagt er. Als Verbündete hat er die Ratte aus dem Disney-Trickfilm „Ratatouille“. Auf den neuesten Plakaten des Ministeriums streckt sie fröhlich eine Energiesparlampe empor – als sei sie die Freiheitsstatue. „Wechsle eine Glühbirne – verändere die Welt“, heißt der Slogan.
Die Weltenretter sind noch bescheiden: Jeder Amerikaner soll in diesem Jahr eine Energiesparlampe installieren. „Sie brauchen keine Angst zu haben, dass die Leute in Ihrem Golfklub Sie für einen Ökofreak halten werden, wenn Sie Energiesparlampen in Ihrem Haus einschrauben“, sagt Hibben bei einem Vortrag vor Unternehmern im Washingtoner Ministerium augenzwinkernd. „Moderne Sparbirnen erkennt man nicht.“
Nach dem Vortrag kommen einige Zuhörer nach vorn. Sie bestaunen die seltsamen Birnchen. „Wo bekommt man das?“, fragt einer. Hibben nennt den Namen einer europäischen Kette für Billigmöbel. „Aber bald bekommen Sie das überall, da bin ich sicher.“
» zurück
|