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Asyl für Nerze

Asyl in Estland für Europas Nerze

Alexandra Frank, Welt am Sonntag, 27.6.04

Tallinn - Viele denken bei seinem Namen nur an einen Mantel. Gegenwart und Zukunft des europäischen Nerzes sehen nicht gerade rosig aus. Während das schokoladenbraune Tier früher einmal von Ostspanien bis zum Ural und von Finnland bis an das Schwarze Meer verbreitet war, leben heute nur noch einige tausend Tiere. In Deutschland konnte 1925 das letzte Exemplar der Marderart nachgewiesen werden.

Auf Hiiumaa, der zweitgrößten Insel Estlands, ist nun jedoch eine Nische entstanden, in der der Nerz vielleicht Überlebenschancen hat. Durch ihre strategisch wichtige Lage als westlicher Vorposten war die Ostseeinsel über Jahrzehnte militärisches Sperrgebiet der Sowjetarmee - für die Natur eine glückliche Fügung. Zahlreiche seltene Pflanzen- und Tierarten konnten so geschützt und die unberührte Landschaft erhalten bleiben. 60 Prozent der 1023 Quadratkilometer großen Insel bestehen aus Wald. Riesige Moorflächen und unberührte Flusslandschaften im kaum bewohnten Inneren sind idealer Lebensraum für den Europäischen Nerz, den er andernorts durch die Trockenlegungen von Feuchtgebieten und massive Waldrodungen nicht mehr findet. Doch nicht nur die unberührte Natur macht das Überleben des etwa 40 Zentimeter großen Mustela lutreola, wie der wissenschaftliche Name des Europäischen Nerzes lautet, auf Hiiumaa möglich. Hinzu kommt das Fehlen seines natürlichen Feindes, des Amerikanischen Nerzes. Vor rund 80 Jahren wurde der so genannte "Farmnerz" zur Pelzgewinnung nach Europa geholt. Durch Flucht oder beabsichtigte Freilassung aus den Pelzfarmen konnte er im Laufe der Zeit in fast alle Teile Europas vordringen. Größer, stärker und aggressiver als sein europäischer Verwandter hat der diesen immer mehr aus seinen Jagdrevieren vertrieben. "Hiiumaa liegt 22 km vom Festland entfernt - weit genug als dass der Amerikanische Nerz dahin vordringen könnte", so Tiit Maran, Direktor der Foundation Lutreola, der Stiftung zum Schutz und der Zucht des Europäischen Nerzes.

Doch die künstliche Neuansiedlung des Tieres, die im Jahr 2000 gestartet wurde, gestaltet sich mehr als schwierig. "Je nach Jahr haben wir nur eine Überlebensrate von 10-15 Prozent", resümiert Maran. Zwar sei man bemüht, die zum größten Teil aus dem Tallinner Zoo stammenden Tiere auf ihre Freilassung vorzubereiten, doch dies sei nur bedingt möglich. Mittelfristig soll deshalb auch auf Saaremaa, der größten Insel Estland, ein paar Kilometer südlich von Hiiumaa, eine Nerzpopulation angesiedelt werden.


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