AktuellFinnlands Papierindustrie
Von Russland zum "Time"-MagazinPapier. Finnlands Papierindustrie verfolgt die Herkunft ihres Rohstoffs bis zu den Wurzeln.Von unserem Korrespondenten HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse) 04.10.2005 Lappeenranta. Unter dem Schnee von gestern liegt das Papier von morgen. Im Fabrikgelände von Kaukas im finnischen Lappeenranta, einer der größten Papiermühlen der Welt, die jährlich fünf Millionen Kubikmeter Holz verarbeitet, lagern die Baumstämme tiefgekühlt. Die Stämme sind mit der Bahn über die nahe russische Grenze gekommen, doch der finnische Forstkonzern UPM, der das Kaukas-Werk betreibt, weiß bei jedem Waggon, woher die Lieferung kommt. Das war in sowjetischen Zeiten anders, als die Finnen zwar auch schon Rohstoff beim Nachbarn kauften, aber nicht ahnten, woher er stammte. Über nachhaltigen Forstbetrieb oder Fällmethoden diskutierte damals schon überhaupt niemand. Jetzt setzt die Branche ihre Ehre dran, jeden Baumstamm zurückverfolgen zu können bis an die Wurzel, wie man den Ursprung von Steaks aufspüren kann bis zum Schlachtkalb und seiner Mutterkuh. Scharfe Kritik von Umweltgruppen und Verbraucherverbänden an Kahlschlägen oder am Abholzen von Ur- und Tropenwäldern hat die Kunden der Forstkonzerne hellhörig gemacht. Große Verlage wollen nicht riskieren, dass ihre Produkte als umweltschädlich abgestempelt werden. Die Antwort der finnischen Industrie heißt Transparenz. "Wir überwachen die Herkunft des Holzes vom Wald bis zur Mühle", garantiert Päivi Salpakivi-Salomaa, die Umweltbeauftragte von UPM, dem weltweit größten Hersteller von Zeitschriftenpapier. Zwar haben die Finnen ihre eigenen Kämpfe noch nicht ausgefochten: die Holzproduktion in den ökologisch empfindlichen Wäldern nördlich des Polarkreises, die von den Ertragsmengen her nebensächlich wäre, als lokale Arbeitsbeschaffung aber als unverzichtbar gilt, ist heftig umstritten. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf den Importen aus Russland, die etwa ein Sechstel des in Finnland verarbeiteten Holzes ausmachen. Gigantische Kahlschläge, illegale Ausfuhren, Korruption und haarsträubende Sicherheitsmängel prägten das Bild der russischen Holzbranche, das es nun zu ändern gilt. "Wir kamen unter starken Druck von Naturschützern, und das war gut so", sagt Terhi Koipijärvi, die Russland-Spezialistin der Forstgenossenschaft Metsäliitto. Bald verstanden auch die russischen Partner die Botschaft: "Wenn wir in den Westen verkaufen wollen, müssen wir unter westlichen Bedingungen arbeiten." Heute beschäftigen die finnischen Konzerne lokale Kontrolleure, die mit den Gegebenheiten vertraut sind, um Nachhaltigkeit, Sicherheit und Qualität zu prüfen. Europas größter Forstkonzern Stora Enso geht jetzt noch einen Schritt weiter. Mit seinem russischen Lieferanten Russki Les und Großkunden wie dem US-Mediengiganten Time Warner, dem britischen Random House und der deutschen Axel-Springer-Gruppe plant man ein Kontrollsystem, das Korruption und illegale Abholzmethoden verhindern und nachhaltigen Abbau und den Arbeitsschutz der Holzarbeiter sicherstellen soll. "Ungewöhnlich für Russland, aber wir müssen es tun, weil die Kunden es so verlangen", lautet der Kommentar von Russki Les-Direktor Vladimir Fast. "Unsere Magazine sind teils auf russische Fiber gedruckt, und da wollen wir wissen, wo und wie sie herkommt," sagt "Time"-Umweltdirektor David Refkin. Es ist Konfliktvorbeugung: "Die Kapitalmärkte verlangen soziale Unternehmerverantwortung, und unsere Glaubwürdigkeit hängt von der Erledigung unserer Hausaufgaben ab", ergänzt Florian Nehm, der bei Springer für Nachhaltigkeit verantwortlich ist. Die Korruptionsjäger von Transparency International sollen das Programm kritisch überwachen. "Als Absichtserklärung sehr gut, jetzt müssen wir sehen, was dabei herauskommt", heißt die Einschätzung des TI-Verantwortlichen Cobus de Swardt. Noch klafft ein Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ein Viertel des Holzes in Nordwestrussland werde illegal geerntet, schätzt die Umweltbewegung WWF; nach offiziellen Angaben sind es nur ein bis zwei Prozent. » zurück |
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