AktuellSibirien taut
Kaum Chancen auf viel KälteDie globale Erwärmung weicht Böden auf, die früher tief gefroren waren. Deutsche Geologen untersuchen in Sibirien die dramatischen FolgenVon Volker Macke, Rheinischer Merkur, 6.10.05 Wenn jemand in Deutsch land ein Loch graben will, braucht er dazu nichts weiter als einen Spaten. In Sibirien ist Sprengstoff nötig – in weiten Teilen des riesigen Landes ist der Boden die meiste Zeit des Jahres steinhart und festgefroren. Doch die Dauerfrostregionen, die dort weit über den Polarkreis nach Süden reichen, schmelzen. Der Klimawandel bedroht den Kühlschrank der Erde. Ein Viertel der globalen Festlandoberfläche ist von Dauerfrost betroffen – seit vielen Jahrzehntausenden. „Aber in nur 75 Jahren wird diese Fläche um 25 Prozent geschrumpft sein“, sagt Lutz Schirrmeister von der Außenstelle des Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung in Potsdam. „Mit dann vermutlich katastrophalen Folgen für Ökonomie und Ökologie.“ Deutsche Klimaforscher haben in der vergangenen Woche Deutliches zur Zukunft gesagt: „Es kann sein, dass das Meereis der Nordpolregion im Sommer vollständig schmilzt; die globale Temperatur könnte bis zum Ende unseres Jahrhunderts um bis zu vier Grad Celsius ansteigen“, so ein Fazit, das Erich Roeckner und Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg ziehen. Gemeinsam mit einer internationalen Forschergruppe untersucht Lutz Schirrmeister aus der Sicht des Geologen derzeit, was zu solch einem Befund schon heute für ein einzelnes Beispiel zu sagen ist: für die Permafrostböden am Unterlauf der Lena, des großen sibirischen Stroms. Meist ist der Sommer in Sibirien kurz. Dann taut der Boden oberflächlich einige Dezimeter an, südlicher auch schon mal einen Meter tief. Darunter bleibt es eisig. Bis zu 1500 Meter tief kann der Dauerfrost reichen. Weder Erdwärme noch Sonnenstrahlen konnten das bisher ändern, wohl aber der Klimawandel. „In den vergangenen 50 Jahren ist die mittlere Lufttemperatur hier bereits um drei Grad Celsius gestiegen“, weiß Lutz Schirrmeister. Das setzt die Natur unter Druck. Im angetauten Boden werden Mikroben aktiv; sie zersetzen die wenigen Moose und Pflanzenreste der Tundra. Dabei entsteht Methangas. Ein üblicher Vorgang, der überall passiert, wo es feucht ist, auch im einfachen Tümpel hierzulande. „In der Tundra aber entsteht aufgrund der Klimaveränderung viel mehr Methan als sonst, weil die Auftautiefe und -dauer des Bodens größer wird“, sagt Schirrmeister. Einer schwedischen Studie zufolge entweicht in der sumpfigen Tundra Nordschwedens im Sommer bis zu 60 Prozent mehr Methan als vor 30 Jahren. „Wenn man bedenkt, dass es sich beim Permafrost um riesige Regionen handelt, wird klar, dass die zusätzliche Methanproduktion den globalen Klimawandel unterstützt“, meint der Geologe. Schäden auch durch Methan Der Grund: Methan gilt als Treibhausgas Nummer eins; es ist 23-mal klimawirksamer als Kohlendioxid. Die bisherige Erwärmung führt also zu vermehrter Methanproduktion, was den Treibhauseffekt verstärkt. „Falls es auf der Erde in den nächsten 100 Jahren – wie prognostiziert – noch ein paar Celsiusgrade wärmer wird, bekommen wir Verhältnisse wie kurz nach der Eiszeit vor etwa 7000 Jahren“, warnt Schirrmeisters Kollege Hans-Wolfgang Hubberten. Da war der Dauerfrostboden schon einmal großflächig aufgetaut. Erste Probleme gibt es bereits heute. Weil der Boden im sibirischen Sommer immer tiefer auftaut, sind die riesigen Pipelines bedroht. Sie stehen, wie alle Bauten im Dauerfrostgebiet, auf Stelzen, die weit in die Erde gebohrt wurden. Taut es tiefer, wird der Baugrund instabil. Wenn das Dauereis im Boden auftaut, gibt es in ebenen Gebieten mehrere zehn Meter tiefe Senken. Ganze Leitungen und Straßen brechen dann auf oder wellen sich. Die Preise steigen weiter Auch manche Trassen der berühmten Transsibirischen Eisenbahn sind bedroht. „Erdöltrassen wie die Trans-Alaska-Pipeline werden heute schon mit viel Energie künstlich nachgekühlt“, weiß Schirrmeister. Die Ausbeutung der Erdöl- und Erdgasfelder wird noch schwieriger – und die Preise für die Produkte steigen weiter. Was ökologische Folgen angeht, so sind sie bisher weniger sichtbar. Doch sie werden dauerhafter sein. Sicher kann dort, wo sich Sümpfe bilden, kein Wald gedeihen. Die waldreiche Taiga, heute noch von Permafrost unterlagert, wird schwinden. Die hoch spezialisierte Pflanzen- und Tierwelt, angepasst an große Schwankungen von 60 bis 80 Grad, wird den Klimawandel nicht schadlos überstehen. Vor 7000 Jahren starben ganze Tiergruppen aus. „Wie genau sich die Veränderung der Landschaft auf das Leben auswirkt, muss noch erforscht werden“, sagt Schirrmeister. „Sicher ist aber der Einfluss auf die globalen Zirkulationen der Atmosphäre, die man dann auch in Deutschland spürt.“ » zurück |
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