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Russland erwartet Benzol

Dienstag 6. Dezember 2005, 15:26 Uhr

Die Angst vor dem Gift

Sikatschi-Aljan/Russland (AP) «Ein ganzes Jahr keinen Fisch essen?» ruft die 47 Jahre alte Frau, der der graue Star die Augen getrübt hat. «Wovon sollen wir leben? Wir werden alle sterben.» Jewgenia Osadschaja vom Tungusen-Volk Nanai im äußersten Osten Russlands ist außer sich vor Angst. Sie fragt sich, wie ihre Familie überleben soll, wenn der Giftteppich, der nach einem Chemieunfall in China langsam Richtung Russland fließt, im Fluss Amur angekommen ist.

Für die Ureinwohner Sibiriens ist der Amur mit seinen Fischbeständen die Lebensgrundlage. Nun droht die Ankunft von 100 Tonnen Benzol, die bei einer Explosion in einer Chemiefabrik in China am 13. November freigesetzt wurden und in einen bis dahin unbedeutenden Nebenfluss des Amur, den Songhua, flossen.

Die russischen Behörden gehen davon aus, dass der Giftteppich am 10. oder 11. Dezember die Landesgrenze erreicht. Drei Tage später wird er in der Gebietshauptstadt Chabarowsk erwartet. Der Verzehr von Fisch aus dem Amur könnte für ein Jahr oder länger verboten werden. Die Giftstoffe werden sich nach Ansicht von Experten im Eis und im Flussbett festsetzen.

Die Nanai leben vom Fisch. «Aber der Fischhandel wird aller Wahrscheinlichkeit nach verboten werden», sagt Natalja Simina, Sprecherin der Gebietsregierung in Chabarowsk. Die Behörden bemühten sich darum, die Bevölkerung über die Gefahren aufzuklären: Den vergifteten Fisch zu essen sei noch schlimmer, als das Wasser selbst zu trinken.

Das Nanai-Volk, das eine eigene Sprache hat, zählt heute noch rund 11.000 Menschen. Nach der Volkszählung von 2002 ist es damit das größte der verschiedenen Eingeborenen-Völker, die in der Region Chabarowsk leben. Andere Minderheiten sind die etwa 4.500 Ewenken, 2.700 Ultschen und 2.500 Niwchen.

Viele Nanai sind Fischer. Aus der schuppigen Fischhaut machten ihre Vorfahren einst Kleider, heute werden immer noch Schuhe aus Fisch hergestellt. Im Dorfmuseum von Sikatschi-Aljan, etwa 60 Kilometer flussabwärts von Chabarowsk, werden Kleider und aus Fischhaut ausgestellt. Um das aus einem Raum bestehende Museum kümmert sich die Geschichtslehrerin Swetlana Oninka. Sie streicht die Bedeutung des Fisches für die traditionelle Küche der Nanai heraus, die Fisch auch roh essen. «Jetzt wird es keinen Fisch mehr geben, weder gekocht noch gebraten, und schon gar nicht roh», sagt Oninka.

Nina Druschinina leitet die Ortsverwaltung. Für sie ist das Industriegift nur ein Beispiel von vielen für das Eindringen der Zivilisation in die ursprünglichen Bräuche der Menschen. Fisch- und Jagdbeschränkungen greifen in das Leben der Ureinwohner ein. Auch haben die Nanai schon seit Jahren mit der Umweltverschmutzung zu kämpfen. So haftet den Fischen aus dem Amur im Winter ein starker chemischer Geruch von Phenol an, das in der industriellen Fertigung verwendet wird.

In Sikatschi-Aljan, wo 314 Nanaien leben, gibt es neben der Fischerei wenigstens noch eine weitere Einnahmequelle - den Tourismus. 14.000 Jahre alte, in Felswände gemeißelte Reliefs ziehen jedes Jahr mehrere Tausend Besucher an. Die Dorfbewohner basteln kleine, mit Fell besetzte Talismane oder Figürchen in traditioneller Kleidung, um sie für etwa 1,50 Euro das Stück an Touristen zu verkaufen. Trotzdem fürchtet Jewgenia Osadtschaja auch um dieses kleine Geschäft. «Wenn der Dreck hier ankommt, werden keine Besucher mehr kommen», sagt sie.


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