AktuellRussischer Musterwald
Warum nachhaltiges Handeln rentabel istMit Musterwäldern will der WWF zeigen, dass es auch in Russland anders gehtVon Ivo Pertijs, Moskauer Deutsche Zeitung, 14.12.05 Um den russischen Unternehmen und der Regierung vor Augen zu führen, wie und warum eine nachhaltige Waldnutzung profitabel sein kann, initiierte der WWF Russland bei Pskow und in der Komi-Republik einen Musterwald. Aber nicht nur das gute Beispiel, sondern auch wirtschaftliche Zwänge halten Holzschlagfirmen immer mehr zu einer nachhaltigen Arbeitsweise an. Rund 40 Prozent der Pskower Oblast ist mit borealem Wald beziehungsweise Taiga bedeckt. Aufgrund des harten Klimas wachsen überwiegend Nadelhölzer – Kiefern und Fichten. Der Boden ist mit Rentiermoos überzogen, das in hellem Violett leuchtet. Bäre, Elche, Wölfe und Biber sind hier unter anderem zu Hause. Doch die Idylle trügt: Noch immer wird das Holz in Russland vor allem per Kahlschlag gewonnen, wobei diese Methode sogar gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Unternehmen, die eine staatliche Bewilligung für die kommerzielle Nutzung eines Waldstücks kaufen, sind verpflichtet, sämtliche Bäume auf dem Gebiet zu fällen, obwohl nur ein Bruchteil des geschlagenen Holzes für die Unternehmen von wirtschaftlichem Interesse sind. Mit seinem Musterwald 80 Kilometer nördlich der Gebietshauptstadt Pskow will der WWF Russland nun zeigen, dass es auch anders geht. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit einer Tochtergesellschaft eines internationalen Holz-, Verpackungs- und Papierunternehmens realisiert, das 46 000 Hektaren Wald vom russischen Staat pachtete. Der WWF und seine Partner erhielten von den regionalen Behörden die Ausnahmebewilligung, auf der Waldfläche nicht alle Bäume schlagen zu müssen. Im Sinne eines Vorzeigebeispiels soll der Musterwald zur Etablierung einer umweltfreundlichen, sozial verträglichen und wirtschaftlich attraktiven Waldnutzung beitragen. Die Kombination von Naturschutz und dem Eröffnen wirtschaftlicher Möglichkeiten entspricht der Philosophie von WWF Russland. Um ihre Ziele umzusetzen, hat die Umweltorganisation in Pskow drei Arbeitsgruppen: Eine Wirtschaftsabteilung, die mit den lokalen Behörden kooperiert und kleine Holzschlagfirmen in Marketingfragen berät. Eine Abteilung für Soziales, welche die Gesellschaft für die nachhaltige Waldnutzung sensibilisieren soll. Eine Umweltabteilung, welche die Auswirkungen verschiedener Holzschlagmethoden auf den Zustand des Waldes untersucht sowie Indikatoren für die Messung der Biodiversität erarbeitet. Das vom WWF in Pskow umgesetzte Modell einer nachhaltigen Waldnutzung umfasse verschiedene Komponenten, wobei die Abkehr von der derzeitigen Kahlschlag-Methode im Vordergrund stehe, erklärt Boris Romanjuk, wissenschaftlicher Leiter des Projekts. Kiefern und Fichten werden für die Holzschlagfirmen erst im Alter von 80 bis 100 Jahren wirtschaftlich interessant, Birken und Espen zwischen 60 und 80. Dabei ist das Alter allein aber noch keine Garantie für die Holzqualität. Aufgrund der derzeitigen ineffizienten sowie wenig selektiven Waldbewirtschaftung in der Pskower Oblast, bei der auch junge Bäume geschlagen werden, obwohl die Weiterverarbeitung ihres Holzes nicht rentiert, ist nur ein Fünftel des geschlagenen Rohmaterials von hoher Qualität. In Schweden liegt dieser Anteil hingegen bei etwa 60 Prozent. In Ländern wie Schweden wird das Holz sehr selektiv gewonnen: Nur Bäume im „reifen“ Alter oder kranke Bestände werden geschlagen, um damit dem Jungwuchs mehr Raum und Licht für ein besseres sowie schnelleres Wachstum zu gewähren. Diese Methode der „Ausdünnung“ braucht jedoch viel Geld und Investitionen, die sich erst in den nächsten Generationen ausbezahlen werden. Trotzdem werden es wirtschaftliche Zwänge sein, welche die Holzschlagfirmen zu einer nachhaltigen Waldnutzung drängen, ist Romanjuk überzeugt: „Viele Unternehmen haben bereits in teure Ausrüstung zur Holzverarbeitung investiert, die sie so lange wie möglich nutzen und betreiben wollen. Die Erschließung neuer Waldflächen für den Holzschlag ist sehr teuer. Die Infrastruktur muss gebaut werden und danach fallen zusätzliche Transportkosten an. Zudem gibt es nicht mehr viele Möglichkeiten zur Expansion und die meisten zugänglichen Flächen werden bereits genutzt. Die einzige Möglichkeit um die Holzversorgung sicher zu stellen, liegt also in der Suche nach neuen Methoden der Waldbewirtschaftung. Die ersten Gesellschaften, die das verstehen und ihre Arbeitsweise umstellen, werden viel bessere Überlebenschancen in diesem Geschäft haben. Wer zu kurzsichtig arbeitet, wird verlieren. Dieser Prozess hat bereits begonnen.“ » zurück |
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