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Amur: Benzolteppich und Lokalbevölkerung

Dienstag 27. Dezember 2005, 15:05 Uhr

«Es gibt hier nichts außer Fisch»

Dschari/Russland (AP) Nach einer alten Schamanenlegende wird das Volk der Nanai im Fernen Osten Russlands von der Erde verschwinden, wenn die Fische im Amur verschwinden. Diese Prophezeiung macht den Menschen im Dorf Dschari nun Angst, während sie auf das Eintreffen des giftigen Benzols warten, das im November aus einer chinesischen Chemieanlage in den Fluss austrat.

Die russischen Behörden haben den Anwohnern des Flusses versichert, dass der Benzolgehalt in Amur die Grenzwerte nicht übersteige. Doch die in Fischen gemessenen Werte sind schon 20 Mal so hoch. Und außerdem liegt der Wert nach Angaben des Instituts für Wasserprobleme der russischen Akademie für Wissenschaften dutzendfach über dem, was als sicher gilt.

«Die Fische sind für die Leute noch gefährlicher als giftiges Wasser», erklärt ein Forscher des Instituts, Ljubow Kondratjewa. «Wir müssen den Menschen die Wahrheit sagen», sagt Wladimir Popow, der erste stellvertretende Vorsitzende der Regionalregierung von Chabarowsk, der das Krisenkomitee leitet. «Nitrobenzol sammelt sich in Fisch an und verlässt den Organismus nicht mehr.»

Die regionalen Behörden haben für mindestens zwei Jahre ein Fischfangverbot über den Amur verhängt. Dies ruft Ängste bei den Anwohnern hervor. «Wir sterben, wenn wir keinen Fisch mehr essen», protestiert der 56-jährige Boris Geiker. Er isst Fisch zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend. Nur wenige Schritte von seinem Holzhaus entfernt, an dessen Rahmen der Fang der vergangenen Tage befestigt ist, hängt ein Schild: «Fischfang strikt verboten». «Fisch bedeutet uns noch mehr als den Russen Brot», sagt Geiker, während er bei minus 30 Grad sein Angelgerät vor seinem Haus richtet.

Die rund 11.000 Nanai nennen den Amur «unseren Ernährer». Mehr als die Hälfte der mehrere zehntausend Ureinwohner im Fernen Osten Russlands lebt entlang des Flusses, und bei allen nimmt der Fisch eine zentrale Rolle in ihrer Kultur ein. Larissa Beldi, eine 51-jährige Nanai, zeigt ein Paar Stiefel, gefertigt aus Fischhaut. Ihr Gewand ist mit traditionellen Nanai-Stickereien verziert. «Die Zivilisation hat die Nanai-Sprache praktisch zerstört, und der Giftteppich könnte die Kultur und Gesundheit meines Volks zerstören», sagt sie, während sie ihren sieben Monate alten Enkel Grischa in den Armen wiegt.

Die Umweltverschmutzung hat bereits tiefe Spuren hinterlassen. Nur sieben Prozent der Mädchen und neun Prozent der Jungen von Familien der Ureinwohner gelten laut offizieller Statistik als gesund. Luft und Boden enthalten zu wenig Fluor und Jod, dafür aber zu viel Mangan, Eisen, Schwermetalle und sogar Radionukleide, die chronische Krankheiten auslösen können. Das Immunsystem der Ureinwohner sei im Vergleich mit der Durchschnittsbevölkerung schwach, sagt der Biologe Nikolai Rjabinin, Leiter der Ökologischen Stiftung Amur. Die kleinen Völker degenerierten schnell, erklärt der Biologe.

In Dschari, 200 Kilometer nördlich von Chabarowsk, gibt es keine Arbeitsplätze. Der einzige Laden des Dorfes ist leer. Die 700 Einwohner leben in Großfamilien, die sich gegenseitig unterstützen. «Wir kommen kaum über die Runden», sagt der 67-jährige Nikolai Beldi, der mit einer Axt gefrorenen Fisch für seine Tochter und seinen Enkel klein hackt. «Und was sollen wir essen? Es gibt hier nichts außer Fisch.»

Zur Zeit wagt er es nicht zu fischen, weil er befürchtet, Aufsehern der Regierung zu begegnen. Doch die Giftwelle werde ihn nicht vom Fischen abhalten, sagt er. Der Regionalgouverneur von Chabarowsk, Viktor Ischajew, hat versprochen, dass die Behörden für die Ureinwohner Fisch aus unbelasteten Gegenden Russlands importieren würden. Doch in Dschari ist davon bislang nichts zu sehen. Die offenkundig einzige Vorkehrung für die Ankunft der Giftwelle sind große Fässer mit gelblichem Wasser, die in jedes Haus geliefert werden. Dieses Wasser ist nach Behördenangaben sauber.

Stanislaw Beldi, der Verwaltungschef des Dorfs, bereitet sich auf das Schlimmste vor. «Es ist also wirklich wahr, dass wir verschwinden werden?» fragt er. «Das Gift ist schon im Amur, und wir haben noch nichts von dem importierten Fisch gesehen.»


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