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Aktuell

Umweltschutz in China

Gegen die Erde zu kämpfen ist unendliche Freude!

In China rennen eine Milliarde Menschen um die Wette - leider trampeln sie dabei die ohnehin strapazierte Umwelt restlos kaputt

Von Angela Köckritz, Süddeutsche Zeitung, 1.8.06

Im Zug von Shanghai in Richtung Süden. Beton soweit das Auge reicht. Vorbei an endlosen Städten. Haus an Haus, Fabrikschlot an Fabrikschlot, ab und an ein Baum, und zwischendrin ein Karaokelokal mit leuchtendrotem Hummer auf dem Dach. Der Tee schmeckt nach gechlortem Wasser, die Zeitung berichtet von einem Umweltskandal. Alltag. Eine alte Chinesin im blauen Polyesterkleid erzählt ihrer Mitreisenden, wie schön es hier früher gewesen sei. Als die Wiesen noch so grün, und der Himmel so weit waren. Alles weg, alles verloren, eingelöst gegen ästhetisches Niemandsland.

Die immergleiche Geschichte, erzählt von Menschen aus allen Teilen des Landes. "Fast alle unsere Mitglieder haben das gleiche erlebt", sagt Li Junhui, Pressesprecherin der Umweltorganisation Friends of Nature. "Als sie klein waren, waren ihre Dörfer wunderschön, es gab Flüsse, Bäume, Blumen, Tiere. Heute ist der Fluss ausgetrocknet, man sieht keine Tiere mehr, aus dem Dorf wurde ein Fabrik und Abwasser und Abfall werden in die Natur geleitet." Verlust als Kollektiverlebnis. Dazu kommt der Stress. Einer von 1,3 Milliarden Menschen zu sein, das heißt: einer zu viel zu sein für zu wenig Wasser, Boden, Energie. Immerzu kämpfen, immerzu rennen zu müssen.

Neu ist es nicht, das Gefühl des Verlustes. Schon zu Beginn der Kaiserzeit beklagten die Taoisten die Vertreibung aus einem natürlichen Paradies: "Als das Zeitalter des Niedergangs begann, schnitten die Menschen Steine aus den Bergen und hackten Metalle und Jade heraus ... sie schlitzten die Bäuche der Tiere auf. Die Himmel vertrockneten, die Erde zerbarst", so steht es im "Prinzen von Huainan" aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus.

Unbehagen an einer Kultur, die den Kampf gegen die Natur aufgenommen hatte, um Zivilisation zu schaffen. Zuweilen mit großer Begeisterung. Die Zhou-Dynastie, die im zweiten Jahrtausend vor Christus die Macht im chinesischen Kernland übernahm, feierte in ihren Hymnen die Rodung der Wälder. Eine erzählt von Danfu, einem Vorfahren des Staates Zhou: "Umfassend sein Hass - unerschöpflich, genauso wie sein Ruhm - unvergänglich! Riss das Regendach und die immergrünen Eichen heraus, so dass die Straßen zur Fahrt offen lagen. Die Gunyi-Barbaren flohen!"

Vom Fluss zum Gelben Fluss

Es sollten nicht die letzten Nichtchinesen sein, die die Zhou unterwarfen. Sie siegten, weil sie gelernt hatten, sich Mensch und Natur untertan zu machen. Und mit den Zhou setzte sich auch ihre Strategie durch. "Nachhaltigere Verhaltensmuster zählen wenig angesichts kurzfristiger Macht, so wie beim Schach brillanteie beste Langzeitstrategie durchkreuzen kann", schreibt Mark Elvin in "The Retreat of the Elephants". Wie wenig andere Völker formten die Chinesen ihr Land um. Rodeten Wälder, dämmten Flüsse, bauten Städte. Mit den Eingriffen in die Natur kamen die Probleme. Menschengemachte Naturkatastrophen sind in China keine Sache der Neuzeit. Der Gelbe Fluss hieß bis vor zweitausend Jahren nur der Fluss - bis ihn Abholzung und Erosion zu einer schlammigen gelben Masse anschwellen ließ. Immer häufiger trat er über seine Ufer, riss Dämme und Dörfer nieder. Bei einer solchen Katastrophe sollen im Jahr 1117 eine Million Menschen den Tod gefunden haben.

Und doch, Gegenbewegungen gab es. Philosophen, die das Betrachten der Natur zum Heilsweg erklärten. Künstler, die in ihren Naturmalereien Erleuchtung suchten. Dichter, die die Schönheit der heiligen Berge besangen. Im achten Jahrhundert schreibt der Dichter Du Fu: "Was ist dies - Natur der größten Berge? Weit unten Grün soweit das Auge reicht, hier oben wohnen die überirdische Schönheiten, versammelt von dem großen Umformer, wo die zwei Kräfte - Dunkel und Licht - Sonne und Schatten teilen." Bisweilen gab es sogar vereinzelte Umweltschutzinitiativen. Im Jahr 1851 etwa errichten die Einwohner von Baoshan in der heutigen Provinz Hunan eine Stele, auf der sie erklären, dass "alle Bäume dieses Waldes geschützt sind."

Ausreichend war das nicht. Zu Ende des Kaiserreiches spürten die Menschen den Druck, den die Kombination aus Überbevölkerung und gestresster Umwelt erzeugte. Der Dichter Wei Yuan schreibt schon damals: "Wenn das Volk überviel, das Land übervoll ist, dann können diese beiden Ursachen zu einer Katstrophe führen." Es sollten noch viel mehr Menschen werden, doch sahen die Machthabenden der kommenden Jahrzehnte darin nicht das geringste Problem. Ihnen ging es um anderes als den Schutz der Natur. Mao Zedong schrieb: "Der Mensch muss den Himmel erobern. Gegen den Himmel zu kämpfen ist unendliche Freude, gegen die Erde zu kämpfen ist unendliche Freude, für das Volk zu kämpfen ist unendliche Freude." Umweltprobleme, so die Staatsdoktrin, waren ein Dilemma kapitalistischer Länder, kommen aber in einer mit einer weise gelenkten Planwirtschaft nicht vor. Wissenschaftler wie der Professor Ma Yunchu, der sich für Geburtenkontrolle einsetzte, wurden heftig kritisiert.

Verändern sollte sich dies erst 1972, in dem Jahr, in dem vergiftete Fische vor den Küsten Chinas trieben. Glaubt man Bao Maohong, Geschichtsprofessor an der Peking Universität, hatte das mit einem Gespräch zu tun, das Premier Zhou Enlai mit einem Umweltjournalisten führte. Im gleichen Jahr nahm China erstmals an einer internationalen Umweltkonferenz in Stockholm teil, 1973 richtete Peking seine erste nationale Konferenz aus. Zhou Enlai gab sich optimistisch: China habe die besten Chancen, seine ökologischen Probleme zu lösen, weil "wir nicht dem Weg der kapitalistischen Industrialisierung folgen werden."

Erstmal einfach verschmutzen

Nur wenige Jahre später folgte Deng Xiaoping dem Weg der kapitalistischen Industrialisierung. In seiner Regierung wurde heftig debattiert. Einige waren der Ansicht, man solle bei der Entwicklung der Wirtschaft die Folgen für die Umwelt berücksichtigen. Andere wiederum befürworteten das Prinzip: "Erst verschmutzen, dann sauber machen."

Man entschied sich für beides: Theoretisch für das eine und praktisch für das andere. 1979 implementierte China erstmals versuchsweise ein Umweltgesetz und installierte eine Umweltbehörde. Anfang der Achtziger wurde die "harmonische Entwicklung" (xietiao fazhan) zur offiziellen Politik erklärt. Ein Konzept, das der Idee der "nachhaltigen Entwicklung" ähnelt. Fortan gab es keinen, der am Staatsziel öffentlich gerüttelt hätte. China implementierte den Umweltschutz - von oben nach unten.

Es klang phantastisch: regionale Umweltbüros allerorten, Umweltunterricht für Schüler und Kindergartenkinder, strenge Umweltgesetze. Mit Pan Yue steht der staatlichen Umweltbehörde SEPA ein äußerst engagierter stellvertretender Leiter vor. Dieser fordert den Aufbau einer "Ökozivilisation", die aus der traditionellen chinesischen Kultur die Idee eines weltweiten Umweltschutz" erneuere. Und auch Premier Wen Jiabao plädiert für eine Politik, die Umweltschutz und Wirtschaftswachstum gleichermaßen betont.

Aber während die Schulkinder brav ihren Abfall in den Mülleimer werfen, leiten Fabriken Tonnen von Gift in Flüsse und Seen, verseuchen Chemieunternehmen ganze Landstriche, erkranken ganze Dörfer an Krebs und anderen Krankheiten.

Der Fehler liegt im System. Es "mangeln Überwachungsmechanismen", sagt Bao Maohong. Die staatlichen lokalen Umweltbüros sind finanziell und personell abhängig von den lokalen Parteibehörden - den Behörden, die sie überwachen sollen. Gleiches gilt für die lokalen Gerichte - auch sie bekommen ihr Geld von den lokalen Kadern. Die Kader aber werden bislang nur dann befördert, wenn sie es verstehen, Profit zu machen. Umweltsünder kommen somit oft ungeschoren davon, gedeckt von ihren Geschäftsfreunden, den Kadern. Zwar hat die Führung nun angekündigt, dies ändern zu wollen, doch bleiben Umweltschützer skeptisch.

Für die Partei ist die Armut des Landes der Hauptgrund der Umweltverschmutzung. China beruft sich auf seinen Status als Entwicklungsland - als solches sei es nicht in der Lage, im großen Stil teuere Umwelttechnik zu kaufen. Die sollen die entwickelten Länder liefern, ohnehin seien sie verantwortlich für den größten Teil der weltweiten Verschmutzung. Chinas Führung steht vor einem Dilemma. Zumindest einige Kader haben erkannt, dass die derzeitige Strategie einer Brachialentwicklung nicht wieder gutzumachende Folgen für die Umwelt hat. Doch legitimiert sich die Partei in erster Linie über das Wirtschaftswachstum. Schon allein aus Eigeninteresse muss sie den eingeschlagenen Weg weiter verfolgen - mit einer oftmals kosmetisch angewandten Umweltpolitik.

Die grünsten Medien der Welt

Seit mehr als zehn Jahren ist der Einsatz für ökologische Belange nicht mehr nur Sache der Partei. 1994 enstanden die ersten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich für den Schutz der Umwelt einsetzten - anfänglich misstrauisch beäugt von der Partei, die sie umstürzlerischer Tätigkeiten verdächtigte. Bald aber erkannte die Regierung, dass ihr die NGOs bei der Umsetzung ihres Staatsziels nützlich sein könnten. Sie sind daher erlaubt, wenn sie auch durch Gesetze streng kontrolliert werden. Mittlerweile versuchen einige Hundert Umwelt-NGOs die Bevölkerung für Mülltrennung, Tierschutz und Aufforstung zu begeistern - darüber hinaus gibt es noch ein paar Tausend regierungsnaher Gruppen.

Längst nicht genug, meint Dai Qing, Journalistin und eine der berühmtesten Umweltschützerinnen des Landes: "Heutzutage ist es der Traum jedes korrupten Beamten und normalen Bürgers, in ein Land auszuwandern, in dem die Natur noch intakt und schön ist. Doch es gibt nur sehr wenige Menschen mit Selbstrespekt, die dafür in ihrem eigenen Land kämpfen." Für Ökologie bleibt in einer Gesellschaft der totalen Beschleunigung wenig Muse. Doktorandin Li Hongye meint: "Ich renne, wir rennen, alle rennen. Warum und wohin weiß mittlerweile kein Mensch mehr. Aber jeder hat Angst, den Anschluss zu verpassen." Für Dai Qing hat das entstehende Umweltbewusstsein weniger mit den klassischen Philosophen und der "von ihnen proklamierten Einheit von Mensch und Natur" zu tun als vielmehr "mit dem wachsenden Einfluss der Auslandes."

Mittlerweile berichten Chinas Medien intensiv über Umweltverschmutzung. Liang Congjie, Direktor der Friends of Nature, nennt sie gar "die grünsten Medien der Welt." Stellen doch Umweltvergehen eines der wenigen Themen dar, über die Journalisten vergleichsweise kritisch berichten können - schließlich gilt der Umweltschutz als Staatsziel. Frei ist die Berichterstattung deswegen noch lange nicht: Als eine Chemiefabrik im November einen Fluss in Harbin verseuchte, durften Medien erst neun Tage später darüber berichten. Chinas Umweltschützer sind wenig optimistisch. Li Junhui sagt: "Ich hoffe einfach, dass wir eines Tages unsere Entwicklungsstrategie ändern können und den Schaden für unsere Umwelt so klein wie möglich halten."


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