powered by <wdss>
Aktuell

Umweltverbrechen auf Sachalin

Sachalin: Schwere Verstöße gegen die Umwelt

Das Öl- und Gasförderprojekt Sachalin-2 bereitet den Umweltexperten große Sorgen. Eine Inspektion der zuständigen Aufsichtsbehörde hat ergeben, dass die Öl- und Gasvorräte auf Sachalin rechtswidrig erschlossen wurden - der Natur auf der Pazifikinsel hat das ernsthaft geschadet.

Von Tatjana Sinizyna, RIA Novosti, 10.10.06

"Ich habe in verschiedenen Ländern viele Erdgas- und Erdölpipelines gesehen, aber noch nie solche Praktiken beim Bau erlebt, wie sie das Unternehmen ,Sakhalin Energy' in Russland anwendet." Das sagte der stellvertretende Leiter der Naturschutzaufsicht (Rosprirodnadsor), Oleg Mitwol, auf einer Pressekonferenz in Juschno-Sachalinsk.

"Es steht außer Zweifel, dass das Projekt gestoppt und die getötete Natur - unrechtmäßiger Waldraubbau, zugeschüttete Bäche und unsachgemäß befestigte Flussufer - rehabilitiert werden muss", betonte er.

Der Konflikt zwischen dem Unternehmen "Sakhalin Energy" (die Korporationen Shell, Mitsui und Mitsubishi), das das größte Erdgas- und Erdölprojekt Sachalin-2 betreibt, und den russischen Naturschutzorganisationen avancierte zum politischen Skandal. Das russische Ministerium für Naturnutzung hatte seine Order 600 vom 15.07.2004 über "Die Bestätigung des Gutachtens der Expertenkommission des staatlichen Umweltprüfungsamts zu den Materialien der technisch-ökonomischen Begründung für die komplexe Erschließung der Lizenz-Abschnitte ,Piltun-Astochsk' und ,Lunsk'" aufgehoben. Das bedeutet das Ende der Arbeit.

Selbstverständlich geht es dabei um enorme materielle Einbußen. Das Unternehmen verfolgt eine harte Linie der politischen Druckausübung. Zu diesem Zweck wurden diplomatischer Zwang angewendet, die Möglichkeiten von internationalen Repressionen sowie die Presse genutzt. Indes ist die Position Russlands durchaus klar: Es geht nicht darum, das Projekt zu schließen oder dem Unternehmen "Sakhalin Energy" die Lizenz zu entziehen, sondern darum, dass die Projekt-Betreiber die Naturschutzgesetze des Landes achten und den Umweltanforderungen nachkommen sollen.

Das Projekt von "Sakhalin Energy", das 1996 neben dem Projekt "Sachalin-1" gestartet wurde, ist das erste Experiment, wobei Russland Erfahrungen der Zusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen auf Grundlage eines Produktionsteilungabkommes sammelt. Das größte aller neun Sachalin-Projekte bildete den Auftakt zur umfassenden Erschließung der Erdöl- und Erdgasreichtümer der Insel. Innerhalb von drei Jahren haben die Unternehmen das Projekt zu 80 Prozent umgesetzt. Dadurch rückt Russland zweifellos in führende Rolle in der Energiewirtschaft und bahnt für russisches Erdöl den Weg auf die Märkte der Länder der Asiatisch-Pazifischen Region. Doch mit der Lizenzvergabe für den Abbau seiner Naturressourcen an ausländische Unternehmen hat Russland keineswegs den Raubbau der einzigartigen Natur auf der Sachalin-Insel gemeint.

Vom Hubschrauber aus besehen, wirkt die Trasse wie ein breiter Fluss, der vor dem Hintergrund der dunklen Sachalin-Taiga durch seine Sandfarbe auffällt. Die Gesamtlänge der Rohrleitungen beträgt etwa 800 Kilometer. Sie durchlaufen die Insel vom Norden nach Süden - von den ölhaltigen Schelfen bis zum Hafen Korsakow, wo sich Terminals befinden und ein Werk für die Gasverflüssigung nahezu fertig gestellt ist. Aus der Höhe betrachtet, fällt nichts Besonderes ins Auge, mit Ausnahme der breiten Rohrleitungen. Nach Projektstatuten darf sie höchstens 43 Meter breit sein - eine Ausnahme bilden schwierige Abschnitte der Trasse -, aber es war deutlich zu sehen, dass Planierraupen von den festgelegten Standards offenbar abgewichen waren.

Nach der Landung in Nähe der Wohnsiedlung Sowjetski haben wir einen der Abschnitte der Trasse besichtigt. Die Bauarbeiter waren willkürlich zwei Kilometer von der vorgegebenen Linie abgewichen und so auf das staatlich geschützte Territorium des Naturschutzgebiets Makarowski vorgedrungen. Mit Planierraupen wurde die 200 Meter breite Trasse von Bäumen geräumt und die gefällten Bäume mit Erde zugeschüttet. Experten meinen, dass bereits jetzt alles von den ersten Regenfällen weggespült werde - Schlamm- und Erdrutsche würden eintreten.

"Wir werden Beweise sammeln und eine Klage vor Gericht einreichen. Die Schuldigen daran sind offensichtlich: die Auftragnehmer und Betreiber ,Sakhalin Energy'. Letzterer ist verpflichtet, den Verlauf der Arbeiten zu kontrollieren." So kommentierte Naturschützer Mitwol das von ihm Gesehene.

Das Waldsterben ist nicht der einzige Verlust, das der Pipelinebau der Natur auf Sachalin zufügt. Laichflüsse sind in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Trasse der Rohrleitung überquert mehr als 1000 verschiedene Wasserstellen, davon 110 Laichflüsschen. Ein Hügel wurde von Vorarbeitern einfach abgetragen, mit dessen Sand und Steinen ein Bach zugeschüttet wurde. Sein Wasser sickert trotzdem und löst Erdrutsche aus. Die zugeschütteten Flüsschen haben sich neue Wege gebahnt. Das bedeutet, dass sich auch der Organismus der Flüsse gewandelt hat. Es dauert lange Jahre, bis sich die Natur darauf angepasst hat.

Auch der kleinere Laichfluss Ai blieb nicht von Planiermaschinen verschont. Die mit Geotextil (Spezialgewebe) nachlässig befestigten Ufer stehen schon kurz vor dem Einsturz und verhindern zunehmend der Lauf des kleinen Flusses. Zu sehen sind Geotextilfetzen, die überall herum liegen, auch im Fluss selbst. Dieses Material verwest nicht, hat jedoch eine schädliche Auswirkung auf Fische. Der Fluss Ai ist voll von toten Stören.

Dr. sc. biol. Valeri Jefanow, Professor an der staatlichen Sachalin-Universität, und seine Studenten haben aus dem Fluss Ai und aus anderen Flüssen des Rayons Makarowski Grundproben entnommen. Der Wissenschaftler erklärte, welche negativen Folgen die Rohrverlegung haben kann: "Die meisten Proben deuten auf die 100-prozentige Verschlammung des Wasserstromes hin, dessen Gehalt an feindispersen Fraktionen bei 25 bis 30 Prozent liegt. Diese Angaben sprechen dafür, dass die Überlebenschance von Lachsen gleich Null ist. Es wird keinen Laich mehr geben, als Folge wird den anderen Arten ihre Futterbasis entzogen."

Die Gesamtfläche der Laichplätze im Fluss Ai beträgt 50 000 Quadratkilometer. Am Fluss liegt ein Fischzuchtbetrieb mit einer Kapazität von 22,6 Millionen Buckellachs-Setzlingen. Laut Jefanow wurde das Ai-Flussbett im vergangenen Jahr durch Erdrutsche so stark verengt, dass der Fischzuchtbetrieb unterspült wurde. Der Wissenschaftler behauptet, die negativen Auswirkungen seien nun schon drei Jahre zu spüren und können noch fünf bis sechs Jahre dauern. Für die vollständige Gesundung brauche der Fluss etliche Jahre.

"Das Unternehmen muss den der Natur zugefügten Schaden ersetzen", sagte Mitwol. "Allein auf dem Territorium, das wir besichtigt haben, war nach vorläufigen Schätzungen auf 50 Hektar Fläche Wald gesetzwidrig abgeholzt worden. Der Sachschaden kann sich auf 15 Millionen Rubel (umgerechnet über 440 000 Euro) belaufen." Wie Mitwol versprach, werden für ein exaktes Schadengutachten ausführliche Luftaufnahmen gemacht. Eine Gruppe von Fachleuten aus Moskau ist bereits damit beschäftigt.

Das Schiff "John Michael Gee", auf dem ein Vertreter des Unternehmens "Sakhalin Energy" - ein Österreicher - verwaltete, wollte die Journalisten lange Zeit nicht an Bord lassen. Die Journalisten waren im Hafen Korsakow eingetroffen, um den ökologischen Zustand der Aniwa-Bucht unter die Lupe zu nehmen. Nach langwierigen Verhandlungen lief das Schiff auf Drängen des Hafenchefs doch noch in See aus. Es nahm Kurs auf das Gebiet, wo vor kurzem an einer zehn Kilometer langen Küstenlinie massenhaft Krabben, Seegurken, Weichtiere, Seeigel, Fische etc. entdeckt worden waren. Nach Version der Erdölförderer sei das Meergetier durch einen Sturm an Land gespült worden. Die Umweltexperten behaupten dagegen, die Meerbewohner seien mit chemischen Reagenzien vergiftet, die wegen der natürlichen Versauerung in die Bucht gelangt seien.

Wer dabei recht hat, werden Laboruntersuchungen zeigen. Als wir uns aber an Bord der "John Michael Gee" befanden, konnten wir miterleben, dass das Schiff völlig rücksichtslos flüssige Abfälle ins Meerwasser leitete. Mitwol zufolge handelte es sich um Dichlormethan, das in Kühleinrichtungen verwendet wird. Dies bestätigte auch ein Matrose des Schiffes. Die regenbogenfarbenen Ringe, die sich an der Wasseroberfläche bildeten, wurden von den Wellen hinaus aufs Meer getrieben. Allerdings soll ein Schiff entsprechend internationalen Regeln auf See alle toxischen Stoffe in speziellen Behältern aufbewahren, die im Hafen zur Entsorgung abgegeben werden.

An der Küste der Aniwa-Bucht im südlichen Teil der Insel liegt der Hafen Korsakow, von dem aus mit russischem Erdöl oder Erdgas beladene Tankschiffe in verschiedene Länder der Pazifik-Region auslaufen. Gerade dort werden Terminals und ein Gasverflüssigungswerk gebaut.

Dmitri Lissizyn, Umweltexperte vor Ort, erläuterte das Wesen der ökologischen Probleme der Aniwa-Bucht. Da der Wasserstand hier zu niedrig war, musste die Bucht für das Anlegen von Schiffen abgesenkt werden. Zu den technisch-ökonomischen Aufgaben gehörte zuerst eine 1400 Meter lange Anlegestelle, die man geplant hatte. In diesem Fall sollte eine verhältnismäßig geringfügige Menge an Meeresgrund - 140 000 Kubikmeter - ausgehoben werden. Doch das Unternehmen baute dann eine kürzere, 800 Meter lange Anlegestelle mit der Begründung, Rohre, aus denen die Anlage gebaut werde, seien zu teuer. Die neue Variante der Anlegestelle endete in einer seichten Zone, wo zum Absenken des Meeresbodens umfangreichere Arbeiten ausgeführt wurden.

Schließlich wurden rund 1,5 Millionen Kubikmeter Meeresgrund ausgehoben, die dann ins Wasserbecken in 60 Meter Tiefe abgeworfen wurden. All das wirkte sich negativ auf den Leben in der Bucht aus, die als Ort vieler Arten biologischer Organismen eine große Bedeutung hat. Aniwa ist eine Art Entbindungsheim für mehrere Krabbenarten, ein Ort für den Zuzug der Lachse, ein Laich- und Zuchtplatz für Schneekrabben (Chionoecetes), in diesem Gebiet sind auch Seeigel, Seegurken und Garnelen heimisch.

Biologen haben bereits Mutierungen einiger Tierarten registriert, die durch die Verschmutzung hervorgerufen wurden. "Es gibt internationale Normen und Regeln für den Schutz der Küstengewässer vor Verschmutzung, die das Abwerfen schädlicher Abfälle verbieten. In Aniwa werden diese Verbote nicht eingehalten", sagte Dmitri Lissizyn. "'Sakahlin Energy' beruft sich darauf, dass die Bucht nicht genau kategorisiert sei und dort deshalb Abfälle abgeworfen werden dürften." Der Umweltexperte bestätigte, die russische Regierung habe bisher tatsächlich keine Entscheidung über eine Einstufung der Aniwa-Bucht getroffen, obwohl das Gewässer für die Fischerei in der höchsten Kategorie einzustufen sei. Wie Mitwol informierte, wird Rosprirodnadsor im kommenden Jahr eine generelle Beobachtung der Aniwa-Bucht durchführen, um den Schaden genau zu ermitteln. "Wie hoch die Kosten für die Rehabilitation der Bucht sein sollen, ist kaum vorstellbar. Arbeiten auf dem Meeresgrund sind besonders kostspielig. Wenn wir den gesamten Schaden - in Bezug auf den Wald, die Bucht und die Flüsse - ermitteln wollen, so können die Kosten bis zu 50 Milliarden Rubel (fast 1,5 Milliarden Euro) betragen", sagte Oleg Mitwol.

Als sich das Schiff auf dem Rückweg zum Hafen Korsakow befand, kam es fast wie bestellt zu einem weiteren himmelschreienden Vorfall. Vor unseren Augen wurde eine Kuppe gesprengt, und eine gewaltige Rauchwolke stieg in den Himmel. Wie sich herausstellte, wurde mit Hilfe solcher technischen Explosionen Felsgestein für die Bauarbeiten gewonnen. Laut dem Vertreter von Rosprirodnadsor auf Sachalin, Dmitri Belonowitsch, "wird all das ohne Lizenz, ganz ohne Genehmigung gemacht".

Selbstverständlich möchte man von den Vertretern von "Sakhalin Energy" auch Antworten auf alle "Rätsel" in der ökologischen Situation um das Sachalin-2-Projekt haben, aber zur Pressekonferenz mit Journalisten und Umweltexperten, die in Juschno-Sachalinsk angekündigt war, kamen sie leider nicht.




» zurück
 

Druckversion













































26.12.08 15:30 - 16:00
mdr-Bärennacht

24.12.08 22:30 - 23:15
phoenix: Planet Erde (9/11) - Waldwelten

31.12.08 21:50 - 22:35
SWR: Naturerbe Afrika

23.12.08 20:15 - 21:00
rbb: Winter in Ostpreußens Zauberwald

09.01.09 18:30 - 19:00
phoenix: Global: Nachrichten vom blauen Planeten.

24.12.08 09:30 - 10:15
phoenix: Heinrich Harrer berichtet. Auf den Spuren von Stanley und Livingstone

02.01.09 12:40 - 13:00
3sat: Affenalltag am Amazonas

07.01.09 01:30 - 02:10
phoenix: Wilder Amazonas

25.12.08 00:00 - 15:10
phoenix: Wildes Russland

02.01.09 21:00 - 21:45
rbb: Wilde Heimat - Der Winter

24.12.08 17:20 - 17:50
ARD: Finnland - Bären, Elche, Riesenmarder

07.01.09 02:10 - 02:55
phoenix: Im Dschungel Indonesiens

30.12.08 10:30 - 01:00
phoenix Thementag Lateinamerika

24.12.08 14:15 - 15:10
phoenix: Bernhard Grzimek - Ein Leben für Tiere