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Rene und Wölfe in Finnland

Wen schützen: bösen Wolf oder liebes Rentier?

Von Hannes Gamillscheg, Die Presse, 29.4.07

Helsinki/Kopenhagen. Wildhüter in der nordostfinnischen Provinz Kainuu haben einen beunruhigenden Trend festgestellt: Die Rentierherden werden immer lichter, die Kälber immer seltener. Und der Schuldige ist rasch gefunden: „Kein Zweifel, dass die Zunahme an Wölfen der wichtigste Grund für den schrumpfenden Rentierbestand ist“, sagte Ilpo Kojala vom finnischen Wildforschungsinstitut der Zeitung „Helsingin Sanomat“.

Bei den Renen in Kainuu handelt es sich nicht um die halbzahmen Tiere, die zu Hunderttausenden grasend durch Nordskandinavien ziehen. In der Provinz an der russischen Grenze lebt die letzte Population des wilden Wald-Rens, das in Schweden völlig ausgestorben ist. Durch einen Wildzaun sind die seltenen Tiere vom Weideland der Haus-Rene getrennt, um ihre Gene zu erhalten.

1700 Wald-Rene hatte die Wildverwaltung vor fünf Jahren noch gezählt, bei einer neuen Bestandsaufnahme waren es jetzt nur noch 960 Tiere. „Vor zehn Jahren streifte noch jedes zweite Muttertier mit einem Kalb durch die Wälder“, sagt Kojala, „jetzt ist es nur noch eine von vier. Und das, obwohl fast jede Ren-Kuh jährlich ein Junges zur Welt bringt.“

Doch die Kälber sind leichte Beute für die wachsenden Wolfsrudel. Etwa 60 Wölfe haben Kainuu als Jagdrevier. Dies bringt Tierschützer in ein Dilemma: Wer verdient ihren Schutz? „Laut Naturschutzdirektive der EU ist der Wolf geschützt, das wilde Rentier nicht“, sagt Christian Krogell, Vizegeneraldirektor im Agrarministerium. „Meiner Ansicht nach ist jedoch das Wald-Ren biologisch gefährdeter als der Wolf“.

Wolf ist bequemer Sündenbock

Die EU-Kommission hat Finnland mehrmals wegen allzu großzügiger Vergabe von Abschusslizenzen für Wölfe kritisiert. Doch der Wolfbestand nimmt zu. „Er hat sich auch in anderen Landesteilen ausgebreitet“, sagt Krogell. In ganz Finnland dürfte es heute rund 250 Wölfe geben, und von der Lokalbevölkerung wird die Vermehrung der Tiere argwöhnisch betrachtet.

So ist der Wolf ein bequemer Sündenbock für den Überlebenskampf der Wild-Rene, nicht aber dessen eigentliche Ursache. „Warum kann das Wald-Ren plötzlich nicht mehr Seite an Seite mit den Wölfen gedeihen, wie es dies Jahrtausende getan hat?“, fragt Kojola. Dank der langen Beine ist es ein guter Läufer, das einem Wolfsrudel schon entkommen kann – wenn es Platz für die Flucht hat.

Doch die großflächigen Einschläge in die Wälder verändern die Lebensbedingungen: Wo früher dichter Wald war, sind jetzt Lichtungen. Die Fluchtwege werden auch durch Straßen, Eisenbahnen und Strommasten eingeschränkt, was den Wölfen die Jagd auf ihre Beute erleichtert.

Normalerweise würde das Ren tiefes Gehölz vorziehen und Gegenden meiden, in denen Elche weiden. „Heute ist das schwer“, sagt Kojola, „überall stehen Jungwald und Schösslinge, wie sie die Elche vorziehen.“ Und wenn dann die Wolfsrudel auf Elchjagd gehen, „kommen immer öfter auch Rene auf ihre Speisekarte.“



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