AktuellIndigene in Sibirien
Sibirische SchätzeVon Stefan Koch, Frankfurter Rundschau, 30.5.07Fast lautlos gleitet der kleine Tross durch die sibirische Nacht. 14 Rentiere, vier schwer beladene Holzschlitten, vier Männer. Das helle Mondlicht zeichnet die vereinzelt stehenden Kiefern und Sträucher scharf ab und wirft lange Schatten. Als hätte ein Riese die weite Ebene poliert, glitzert der Schnee. Juri Tarlin sitzt im ersten Schlitten. Die Fellmütze tief ins Gesicht gezogen, hält er den Zügel in der rechten Hand und in der linken einen fast drei Meter langen Holzstab, mit dem er die Tiere antreibt. Über seinem weiten Mantel trägt er einen breiten Ledergürtel, an dem zwei Messer und verzierte Knochen hängen, die von einem Bären stammen. Der 33-Jährige kennt den etwa 25 Kilometer langen Weg, der über einen zugefrorenen Fluss führt, dann in einen dichten Kiefern- und Birkenwald hinein, über eine kleine Anhöhe hinweg in die Ebene. Bis irgendwann das Camp kommt. Fast drei Stunden sind sie in der Kälte unterwegs, jede halbe Stunde eine kurze Rast, damit die Tiere ein bisschen Schnee fressen können, um sich vom Laufen abzukühlen. Die Männer sind eher schweigsam. Ein langer Tag liegt hinter ihnen. Chanten als Forschungsobjekte Sie kommen vom Rentierrennen, das alljährlich in Kasim ausgetragen wird, einer kleinen Siedlung am gleichnamigen Fluss. Fernab der Großstädte bestimmt das Rentier hier den Alltag. Es dient als Zugtier und als Fleischspender. Die Felle werden zum Polstern der Schlitten genutzt und zu hohen Stiefeln, weiten Mänteln und Skiern verarbeitet. In dieser Nacht machen sie eine Schlittenfahrt bei minus 30 Grad möglich. Juri gehört ebenso wie seine Begleiter Alexander und Nikolaj zum Volk der Chanten, der Ureinwohner im Nordwesten Sibiriens. Jeder von ihnen hat schon einmal einen Ausländer kennengelernt: Ethnologen aus Europa, den USA und Japan hatten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Chanten als Forschungsgegenstand entdeckt. Die Ausländer, die heute in die fast menschenleere Gegend im Verwaltungsbezirk Belojarski reisen, interessieren sich weniger für die Indianer des Ostens als für das schwarze Gold: Unter dem Schnee liegen Rohstoffschätze. Dass nach dem Glauben der Ureinwohner Götter die Seen, Flüsse und Sümpfe bewohnen und ein Regelwerk für das gesamte Leben in der Taiga aufgestellt haben, ist vielen Ölarbeitern entweder unbekannt oder es wird von ihnen als störend empfunden. Im besten Fall sind die Ureinwohner ein Fall für die Marketingabteilung der Konzerne, der möglichst leise mit dem Scheckbuch gelöst werden soll. Doch so einfach wie zu Sowjetzeiten ist der Umgang mit den Chanten heute nicht mehr. Die Freiheiten der neuen Zeit sind bis Sibirien vorgedrungen. Juri, Alexander und Nikolaj wissen genau, welche Rolle ihre Heimat in den fernen Büros der Rohstofffirmen spielt. Sie wissen um die komplizierten Beziehungen zwischen den Energieunternehmen, den Behörden und den Endverbrauchern, die nicht selten in Deutschland leben. Und sie wissen, dass in diesem Interessendreieck auch Chancen für ihren ganz persönlichen Traum liegen: Die Männer im Alter zwischen 28 und 35 Jahren wollen zu den Traditionen ihrer Urgroßväter zurückkehren - und im Zweifelsfall mit den Konzernen auf Augenhöhe über Entschädigungen verhandeln. Zurückdrängen lassen wollen sie sich nicht mehr. Ein Leben in der Taiga, mit Rentierzucht und Jagd, ist ihre Vorstellung von einem selbstbestimmten Dasein. "In einer Fabrik könnte ich nicht arbeiten, ich brauche die Natur", sagt Juri, der mit seinem kleinen, drahtigen Körper einem Sportler gleicht. Ihre Väter und Großväter wurden in Sowchosen gezwungen und gedrängt, ihren Glauben aufzugeben. Doch heute sucht die nächste Generation einen Neuanfang. Die staatlichen Rentierfarmen gibt es zwar weiterhin. Gleichzeitig wagen aber einige Chanten auf eigene Faust den Weg zurück in die Wildnis. Der Tross hat mittlerweile das Wintercamp erreicht. Auf einer Waldlichtung sind im Halbdunkel ein Blockhaus, ein Vorratshäuschen und ein Gatter für die Rentiere zu erkennen. Es herrscht Stille. Das kleine Anwesen ist erstarrt. Es ist furchtbar kalt. Es erfordert eine Menge Übung, sich hier auf die Schnelle häuslich einzurichten. Doch nach einer halben Stunde wird es in der Hütte gemütlich: Die Männer sitzen auf niedrigen Hockern um einen kleinen Tisch und erzählen bei einer Tasse Tee und dünnen Scheiben gefrorenen, rohen Rentierfleisches aus ihrem Alltag als Halbnomaden. Juri ist stolz darauf, dass er mit seinen Eltern die Hütte vor zehn Jahren gebaut hat, ohne einen einzigen Nagel zu verwenden. Das Baumaterial bestand vor allem aus Baumstämmen und Flechten. Nikolaj erzählt von den Mythen der Chanten und Alexander weiß zu berichten, dass es vor der Sowjetzeit viele Chanten gab, die sehr alt wurden, manche älter als 100 Jahre. Sie wollen das einfache Leben Doch das ist lange her. Heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für die Männer laut Statistik bei 42 Jahren und für die Frauen bei 52 Jahren. Die Ursachen sind vielfältig, aber für die drei Waldbewohner steht fest, dass der Alkoholmissbrauch den der Russen noch übertrifft. Juri, Alexander und Nikolaj haben sich offensichtlich für einen anderen Weg entschieden. Die drei lehnen Alkohol strikt ab und betrachten das Leben im Wald nicht als schweres Schicksal, sondern als selbst gewählten Weg. Das Wiedererwachen der Chanten-Kultur war zum Ende der UdSSR kaum zu erwarten. Neben der Verstaatlichung der Rentierherden wirkte sich besonders die Internatsausbildung der Chanten-Kinder fatal aus: Sie lernten zwar lesen und schreiben, entfremdeten sich aber der eigenen Herkunft. Die Sowjetisierung hinterließ unzählige gebrochene Ureinwohner, die heute weder in der neuen noch in der alten Kultur zu Hause sind. Einige leben nicht anders als die Russen in den Großstädten, viele sind in kleinen Siedlungen zu Hause. Auch zu früheren Zeiten hätten es die Chanten verstanden, sinnvolle Neuerungen in ihren Alltag zu integrieren, sagt Nikolaj. Das zeigt sich auch am nächsten Morgen im Waldlager. Juris Mobiltelefon klingt. Ein Bekannter aus Kasim bestellt ein Rentier. Er will für Freunde aus Moskau ein Fest geben. Sie sollen das wahre Sibirien erleben. » zurück |
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