AktuellWaldbrände in Russland
Massenwaldbrände in Russland machen nicht halt vor neuem GesetzMOSKAU, 21. Juni (Tatjana Sinizyna, RIA Novosti). Die Natur hat es in diesem Jahr auf Rekorde abgesehen: Die Zahl der Waldbrände in Russland ist dreimal so hoch wie in den vergangenen Jahren. Die brandgefährliche Jahreszeit begann schon im Januar, und bis Mitte des ersten Sommermonats hatte es das Feuer geschafft, Flächen von Millionen Hektar zu erfassen (die genaue Zahl ist strittig).Den Eindruck verstärkt das Zugeständnis von Experten aus dem Ministerium für Naturressourcen: Beim Vergleich der Angaben aus der Erdbeobachtung im Weltraum mit denen aus den Regionen seien sie mehrmals auf absichtlich gefälschte Meldungen über ausgebrochene Brände gestoßen. Wer das braucht und wozu, ist eine Frage für sich. Die meisten Brände entstehen gewöhnlich im asiatischen Teil des Landes (bis zu 75 Prozent), in der weiten Taiga Sibiriens und des russischen Fernen Ostens. Laut Angaben am 15. Juni tobten allein im Föderalbezirk Fernost 102 Brände, die sich auf eine Fläche von 38 000 Hektar ausbreiteten. Die Brandfläche im Gebiet Irkutsk ist in den letzten 24 Stunden auf das Zehnfache gestiegen, es brennen mehr als Zehntausende Hektar Wald. Nicht sehr trostreich sind auch Nachrichten aus dem europäischen Teil Russlands. „Die Praxis dieses Jahres zeigt, dass sich die Arbeit der Regionen bei der Abwendung und Löschung von Waldbränden leider verschlechtert. Die Brände werden nicht so effektiv gelöscht wie in den früheren Jahren“, gab der Minister für Naturressourcen, Juri Trutnew, in der Presse offen zu. Zugleich betonte er, dass die Regionen alle notwendigen Befugnisse, Finanzen sowie die erforderliche materielle und technische Basis haben, um die Brände effektiv zu löschen. Nicht anders wird die Situation von Jewgeni Atamankin, Verwaltungsleiter in der Föderalen Behörde für Forstwirtschaft, beurteilt: „Die Handlungen der Regierungsorgane, die zur Beseitigung der Waldbrände unternommen werden, sind unzureichend.“ Seiner Ansicht nach sollte eine selbständige Spezialorganisation zum Schutz der Wälder vor Bränden gegründet werden, der alle Mittel und Möglichkeiten zur Feuerlöschung zur Verfügung gestellt werden. Im Grunde ist das eine Aufforderung, das Abgeschaffte wieder herzustellen. Die Gesetzgebung beim Brandschutz des Waldes veränderte sich vor zweieinhalb Jahren: Ab dem 1. Januar 2005 wurde die Löschung von Waldbränden den Regionen mittels finanziellen Zuwendungen aus dem föderalen Kompensationsfonds auferlegt. Die Waldbrandabteilungen (Forstbetriebe und Luftstützpunkte) handeln heute nur auf vertraglicher Grundlage, im Rahmen von Abkommen mit den örtlichen Behörden. Doch ein positiver Erfolg ist ausgeblieben, und die Wälder brennen mehr denn je. Dabei wurden in diesem Jahr schon um 40 Prozent mehr Geld für die Brandlöschung bereitgestellt, als das im vorigen Jahr der Fall war. Woran hapert es also? „All das ist das Ergebnis von angenommenen irrtümlichen Beschlüssen, die noch dazu nicht sachkundig realisiert werden“, meint Georgi Korowin, Direktor des Zentrums für Waldökologie und -reproduktion. „Das alte gesamtföderale System ist zerfallen, und ein neues, regionales zu schaffen, ist in kurzer Zeit einfach nicht möglich. Im Ergebnis sind die Regionen auf die Waldbrandsaison absolut nicht vorbereitet.“ Indes wurde die Waldgesetzgebung verbessert. Gemäß dem neuen Gesetzbuch wurde seit Jahresanfang den Behörden in den Regionen alle erforderlichen Arbeiten zwecks Vorbereitung auf die brandgefährliche Jahreszeit sowie Abwendung und Löschung von Bränden auferlegt. Die Basen von Rosleschos (Föderale Behörde für Forstwirtschaft) und 22 regionale Luftstützpunkte wurden aufgelöst. Der Waldschutz aus der Luft ist arbeitsaufwendig und kostspielig, nicht jede Region kann sich den Luxus leisten, einen solchen Dienst zu unterhalten. Dort, wo er aufgebaut wurde, arbeitet er auf einem lokal streng begrenzten Gebiet. Inzwischen erkennt das Feuer, das in der Taiga ausbricht, keine verwaltungsmäßigen Konventionen an. Ein offensichtlich schwacher Punkt des neuen Systems der Waldverwaltung besteht eben darin, dass es nicht erlaubt, zwischen den Regionen die Geldmittel, die für die Beobachtung aus der Luft und die Brandlöschung vorgesehen sind, umzuverteilen. Wie jedes neue Dokument braucht das neue Waldgesetzbuch ernsthafte Korrekturen, die der Realität entsprechen und es zweckmäßiger machen würden. Wie Trutnew versichert, sind viele Änderungen am Waldgesetzbuch schon vorbereitet worden. Es ist durchaus möglich, dass sie die „schwachen Punkte“ beseitigen, der die Waldbrandbekämpfung betrifft. Wer aber setzt die russischen Wälder in Brand? Teils sind die so genannten „trockenen Gewitter“ daran schuld, deren Blitze die Wälder seit Jahrhunderten in Flammen aufgehen lassen. Wissenschaftler behaupten, dass von der Natur verursachten Brände in einem gewissen Sinn nützlich sind. Es besteht die Hypothese, dass gerade das Feuer, so paradox das auch klingen mag, zur Bildung des Riesenmassivs der sibirischen Taiga beitrug, denn unter seiner Einwirkung platzen die Zederzapfen und verstreuten die Samen über weite Räume. Doch sind die Gewitterblitze lediglich an einem geringen Teil der Brände schuld. Ihre überwiegende Zahl (über 90 Prozent) sind zwei unveränderliche Faktoren: der anthropogene (mit der Wirtschaftstätigkeit verbundene) und der eigentliche Faktor Mensch. Die Waldbrände in Russland können als Sozialproblem bezeichnet werden: Viel zu niedrig ist die ökologische Bildung der Bevölkerung, die Menschen sind es nicht gewohnt, die Wälder zu hüten, obwohl der Wald im nationalen Bewusstsein mit „Zuflucht“ assoziiert wird. Die elementaren Verhaltensregeln werden im Wald nicht eingehalten, Feuerlager direkt unter Bäumen angelegt. Dabei kann die Flamme nicht nur aus einem Funken schlagen, sondern auch von einer Scherbe Flaschenglas, die einen Sonnenstrahl fokussiert hat. Recht oft werden die Brände durch die fehlende Aufsicht bei Brandrodungen verursacht. Es gibt natürlich auch vorsätzliche, kriminelle Brandstiftungen. Alles in allem: Riesengroß ist der Waldreichtum Russlands. Und das, wovon man viel hat, wird nicht geschätzt. » zurück |
|
Aus der easy.wdss.de, gedruckt am: Di, 02.12.2008 © easy.wdss Besuchen Sie die www.weitblick.net unter www.weitblick.net Bildschirm-Version |
|