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Mord am Baikalsee

Mit Schlagstöcken und Eisenstangen gegen die "Baikal-Welle"

Tödlicher Überfall auf Sommerlager von Umweltschützern am Baikal-See
Staatsanwaltschaft versucht zu verharmlosen


Von Erich Wiesner, Märkische Allgemeine, 25.7.07

MOSKAU Morgen will die Umweltorganisation "Baikal-Welle" ihr diesjähriges Sommerlager bei Angarsk in Ostsibirien eröffnen. Wo genau, wollte die Vorsitzende, Marina Richwanowa, nicht einmal Journalisten verraten, die offen mit der grünen Szene in Russland sympathisieren. Gegenwärtig stellt die Gruppe Selbstverteidigungstrupps auf, die das Lager rund um die Uhr vor Angriffen schützen sollen. Aus gutem Grund.

Am Samstag waren die "Hüter des Regenbogens" – Mitglieder einer Schwesterorganisation – in ihrem Zeltlager von etwa 20 Jugendlichen mit Schlagstöcken und Eisenstangen angegriffen worden. Einer der Umweltschützer kam dabei ums Leben, sieben weitere liegen mit schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Alexander Tischanin, der Gouverneur der ostsibirischen Region Irkutsk, und die Umweltschützer selbst machen Neonazis für den Angriff verantwortlich. Die Staatsanwaltschaft dagegen versucht, den Überfall als bloßes Rowdytum zu verharmlosen und beide Seiten als Radikale zu diffamieren. Der Grund: Umweltorganisationen aus Ostsibirien hatten sich schon im letzten Jahr an den Protesten am Rande des G-8-Gipfels in St. Petersburg beteiligt, wo Wladimir Putin sich für den Ausbau der Atomindustrie stark machte. Schon damals versuchte der Präsident, seine Amtskollegen für den Bau eines Internationalen Zentrums zur Urananreicherung in Russland zu gewinnen. Damit wollte der Kreml auch Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen mit Iran wegen dessen umstrittenem Kernforschungsprogramm bringen.

Das Zentrum soll auf der Basis eines 1954 gebauten Chemie- und Elektrolysekombinates in Angarsk am Ufer des Baikal-Sees entstehen, wo aus radioaktiven Abfällen und uranhaltigem Konzentrat das Isotop Uran-235 hergestellt wird, das in Kernkraftwerken zum Einsatz kommt. Dabei wird auch ausländischer Atommüll verarbeitet. Nach massiven Protesten wurde die Einfuhr 2006 zwar gestoppt. Die ostsibirischen Umweltschützer fürchten jedoch, dass neue strahlende "Schätze" auf den Deponien von Angarsk landen, sobald das geplante Zentrum fertig ist.

Die Umweltschützer haben inzwischen über 11 500 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt. Auch in anderen Regionen. Denn Angarsk liegt mehrere Tausend Kilometer entfernt von Uranbergwerken und Kernkraftwerken. Rohstoffe und Endprodukt müssen daher mit der Transsibirischen Eisenbahn durch halb Russland transportiert werden. Gegen das geplante Zentrum hatten die Umweltschützer daher schon letztes Jahr mit einem Sommerlager in der Lärchen-Taiga bei Angarsk protestiert. Diesmal, so Umweltaktivist Igor Koslow gegenüber Radio Liberty, werde man bis zum "siegreichen Ende" ausharren. Zumindest jedoch bis zum nächsten Überfall. Momentan sammeln er und seine Mitstreiter Geld für die Überführung der Leiche ihres getöteten Kameraden in dessen Heimatstadt: den Pazifikhafen Nachodka.



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