AktuellBorkenkäfer in West-Kanada
Borkenkäferplage an Kanadas WestküsteWaldsterben setzt den Kieferbeständen stark zuSeit Jahren plagt ein Borkenkäfer, der in Kanada als Mountain Pine Beetle bekannt ist, weite Landstriche in Britisch-Kolumbien. Die Bäume werden fast über Nacht rot, verlieren ihre Nadeln und sind bald darauf grau und tot. Fdr. Vancouver, Neue Zürcher Zeitung, 11.9.07 Das Phänomen der Klimaerwärmung und die Frage, ob das Land seinen Verpflichtungen im Rahmen des Kyoto-Protokolls nachkommen kann, gehören in Kanada zurzeit zu den heiss diskutierten Themen. Besonders im Schussfeld steht dabei die Energieprovinz von Alberta, die wegen der Erdölproduktion aus Teersand bei der Entstehung von Treibhausgasen ganz vorne stehen dürfte. Die Klimaerwärmung hat indessen im Westen Kanadas noch andere Folgen: In Britisch-Kolumbien und in zunehmendem Masse auch im benachbarten Alberta findet nämlich schon seit einigen Jahren ein Waldsterben statt, das sich heute über Tausende von Quadratkilometern erstreckt. Nach neuesten Schätzungen ist das betroffene Gebiet fast so gross wie Schweden und wächst stetig. Von der Landstrasse aus, besser aber noch vom Helikopter sieht man endlose Hügelzüge mit rötlich gefärbten Bäumen, die langsam absterben und grau werden. Der Grund dafür ist der Bergkiefernkäfer, eine Borkenkäferart, deren lateinischer Name Dendroctonus ponderosae lautet und die in Kanada als Mountain Pine Beetle bekannt ist. Längere Kälteperioden wären hilfreich Das Käferweibchen bohrt im Sommer Löcher in die Borke vorwiegend von Lodgepole Pines, den Küstenkiefern, die im kanadischen Westen stark verbreitet sind, und deponiert dort seine Eier. Diese entwickeln sie über den Winter hinweg zu Larven, die ihre Nahrung aus dem Baum beziehen und im Frühling zu neuen Käfern werden. Die sechsbeinigen Tierchen sind ungefähr so gross wie ein Reiskorn und hinterlassen in jedem befallenen Baum zusätzlich einen Pilz, der das Holz blau bis grau färbt. Die neue Käfergeneration attackiert daraufhin weitere Bäume. Der Käfer ist nicht etwa eine erst in letzter Zeit aufgekommene Plage; periodisch hat er dem Wald oft schon früher zugesetzt, aber seit Menschengedenken nicht im Ausmass der letzten Jahre. Der Grund, weshalb der Mountain Pine Beetle dieser Tage in der Lage ist, riesige Landstriche ohne wirksame Gegenwehr in graue Baumwüsten zu verwandeln, liegt bei den höheren Temperaturen auch in nördlicheren Gegenden Kanadas. Wissenschafter vertreten die Meinung, ausradiert werden könne der Borkenkäfer jeweils nur durch mehrtägige oder gar längere Kälteperioden von minus 35 bis minus 40 Grad Celsius. Derartiges hat aber in den letzten Jahren in den betroffenen Waldgebieten nicht mehr stattgefunden. Laut neuesten Meldungen ist es dem Käfer nunmehr auch gelungen, die Rocky Mountains zu überqueren, und in der Tat sah man kürzlich auf einer Autofahrt von Vancouver nach Calgary und zurück mehr und mehr rötlich gefärbte Bäume mit dem charakteristischen Häufchen Sägemehl am Baumfuss. Die Provinz versucht nun, mittels kahlgeschlagener breiter Schneisen eine Weiterreise des Käfers zu unterbinden. Ob das Erfolg bringt, ist fraglich, da ganze Schwärme von Käfern vom Wind in andere Landesteile getrieben werden. Zusätzliche Unsicherheit ist auch dadurch entstanden, dass die Käferplage in einzelnen Fällen nicht nur Küstenkiefern, sondern auch andere Kieferarten sowie Bäume in höheren Lagen befallen hat. Einzelne Beobachter vertreten die Meinung, mit der Zeit könne die Plage auf alle kanadischen Waldreviere übergreifen, sofern nicht periodische Kälteeinbrüche auftreten. Retten, was zu retten ist In Britisch-Kolumbien konzentriert man sich auf das, was noch zu retten ist, und das wird weniger und weniger. Die Regierung in Victoria schätzt, dass bis 2013 rund 80 Prozent der Küstenkiefern in der Provinz zerstört sein werden. Seit Ende der neunziger Jahre sind im zentralen und nördlichen Teil von Britisch-Kolumbien bis zu 13 Millionen Hektaren der Plage zum Opfer gefallen. Laut Quellen der Forstwirtschaftsindustrie ist Holz im Gegenwert von rund 43 Milliarden kanadischer Dollar gefährdet; das entspricht rund dem Sechsfachen der letztjährigen Bauholzexporte in die USA oder einem Betrag von rund 10 Milliarden Dollar, die der Provinz in Form von Schlaggebühren zustehen. Derweil fällen viele Forstwirtschaftsunternehmen möglichst viele der bereits abgestorbenen Bäume, um sie in teilweise extra dafür geschaffenen Sägereien zu verarbeiten, bevor das Holz vollkommen unbrauchbar geworden ist. Die neuen Sägereien sind mit Hilfe neuester Technologie in der Lage, tote Bäume auf die optimale Ausbeute hin zu durchleuchten. Die finanziellen Konsequenzen sind je nach Forstwirtschaftsunternehmen unterschiedlich. Im Allgemeinen leidet die kanadische Holzwirtschaft ohnehin schon unter den tiefen Holzpreisen, was teilweise eine Folge der Krise im amerikanischen Hausbau ist. Für eine Reihe von kleineren Städten wie Williams Lake, Quesnel und Prince George im Inneren der Provinz besteht nun das Risiko, dass sie dereinst ohne die bisher tragende Forstwirtschaftsindustrie auskommen müssen, was tiefschürfende Konsequenzen haben dürfte. Zwar hat der Bergbau in Britisch-Kolumbien wieder vermehrt Fuss gefasst, und grosse Hoffnungen werden auch in die Verwendung von Holzchips als Energiequelle gesetzt. Sowohl die Provinz wie auch Ottawa haben sodann Geldmittel von bis zu einer Milliarde kanadischer Dollar versprochen, um den betroffenen Orten zu helfen. Dennoch scheinen die Aussichten für die betroffenen Gebiete und für die dort lebenden Kanadier zurzeit eher trübe zu sein. » zurück |
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