AktuellBewaffneter Regenwaldschutz in Honduras
Das Gesetz des DschungelsBewaffnete Siedler, ein untätiger Staat und ein empfindliches Ökosystem: Wie eine deutsch- honduranische Organisation versucht, den Regenwald zu rettenVon Gunnar Rechenburg, DIE WELT, 19. Juni 2008 Don Chicos Zimmer ist klein, eine Matratze, eine verstimmte Gitarre an der Wand, auf einem überquellenden Regal ein Funkgerät, das seit Wochen schweigt. Seitdem hat Don Chico keinen Kontakt mehr zur Außenwelt, seitdem liegt zwischen Matamoros und Tegucigalpa eine Ewigkeit. Matamoros - eine Siedlung von elf Familien mitten im Nationalpark Patuca im Osten Honduras, nahe der Grenze zu Nicaragua. Mehr als 3700 Hektar Regenwald. Von der Hauptstadt Tegucigalpa in das Dschungeldorf ist es eine Reise von zwei Tagen. Wenn man Glück hat. Erst Stunden mit dem Auto, dann weiter per Pferd und schließlich im Kanu den Rio Cuyamel hinunter in die Region des Rio Patuca. Seit fünf Jahren lebt Don Chico in Matamoros, den Wald hat der heute 61-Jährige seit seiner Geburt kaum verlassen. Er selbst bezeichnet sich als Indio, spricht die lokale Indianersprache Miskito und hat sich als Heiler einen sagenumwobenen Ruf in der Region erworben. Don Chico könne zahlreiche tödliche Krankheiten heilen, Opfern von Giftschlangen habe er das Leben gerettet, sagen die Leute am Patuca. Seit 1997 ist die Region entlang dem Fluss als Nationalpark vom honduranischen Staat ausgewiesen und dennoch seit Jahren von massiver Abholzung bedroht. Immer mehr Siedler drängen aus dem verarmten Süden des Landes in den Nationalpark, schlagen die Bäume und bauen Mais, Bohnen und Bananen an. "Der Wald", sagt Don Chico, "hat sich verändert. Schuld sind aber nicht die kleinen Bauern, sondern die Großgrundbesitzer." Das Prinzip ist so einfach wie zerstörerisch: Die Siedler, die sogenannten Campesinos, kommen in den Wald, roden das Land und beackern es lediglich für den Eigenbedarf. Geld verdienen sie erst nach Jahren, dann, wenn sie das Land an Viehzüchter aus den honduranischen Metropolen verkaufen. Die Siedler ziehen immer weiter, die Großgrundbesitzer rücken nach. Don Chico ist kein Siedler. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet er als Verwalter für die Asociación Patuca in Matamoros auf einer sogenannten Modellfinca. Die Asociación mit Sitz in Tegucigalpa wurde maßgeblich gegründet von Hauke Hoops, einem deutschen Biologen, der seit mehr als zehn Jahren in Honduras lebt und hauptberuflich für die englische Nichtregierungsorganisation Oxfam Katastrophenhilfe in Mittel- und Lateinamerika leistet. Hoops ist gleichzeitig Präsident der deutschen Sektion des Patuca-Vereins, der vor allem versucht, Gelder für die Arbeit in Honduras einzuwerben und Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Regenwaldschutz zu betreiben. In Deutschland nahezu unbekannt, genießt Patuca in Honduras großes Ansehen: Im vergangenen Jahr wurde der kleinen Organisation der staatliche Umweltpreis verliehen und bereits 2005 offiziell das Umweltmanagement für den Park übertragen - letztendlich mehr Bürde als Ehre. Begonnen hat Hoops mit der Arbeit im Park in Matamoros. Dort hat die Asociación zunächst Land erworben, um es vor dem Kahlschlag zu bewahren. In der Szene ist der Kauf von Land zu Umweltschutzzwecken umstritten, Patuca behält es sich dennoch als "letzte Lösung" vor. In Matamoros entstanden ein Wohnhaus, eine Schule und ein Mustergarten: Edelhölzer neben Bananen und Kakao. Die Finca soll zeigen, wie es gehen könnte mit der Wirtschaft und dem Umweltschutz. "Uns ist klar, dass wir hier nur erfolgreich Umweltschutz betreiben können, wenn wir alle Beteiligten überzeugen", betont Edgar Castro. Der 26-Jährige ist studierter Forstwissenschaftler und sogenannter Techniker der Asociación Patuca. Er stammt aus Catacamas, einer Cowboystadt am Rande des Regenwaldes. Dort gibt es mehr Pferde als Autos, Revolver werden gerne sichtbar getragen. Edgar Castro ist fast jeden Monat für ein paar Tage im Park. Mit dem Einbaumkanu, zu Fuß und per Pferd von Gemeinde zu Gemeinde. So versucht die Organisation, zumindest Kontakt zu den Menschen zu halten. Die Touren sind aufwendig und mühsam. Es regnet viel, die Wege sind schlammig und manchmal nicht einmal mehr für Pferde passierbar, in der Trockenzeit führt der Fluss so wenig Wasser, dass das Kanu oft durch den Strom geschoben werden muss. Übernachtet wird bei ihr gewogenen Siedlern, nach wenigen Tagen ist das gesamte Gepäck feucht. Im Regenwald trocknet kaum etwas. Sauberes Wasser ist rar, die Ernährung einseitig: Maisfladen, Bohnenmus, manchmal frittierte Bananen, kaum Fleisch, Gemüse nie. Frische Jaguarspuren und Begegnungen mit Schlangen faszinieren den Umweltschützer mehr, als dass sie ihn beunruhigen. Seine Organisation muss Umwege beschreiten, um zum Ziel zu gelangen: Man bietet ein Mal im Jahr medizinische Versorgung, um den Kontakt zu den Siedlern zu halten, man baut Schulen und bildet Lehrer aus für gezielten Biologie- und Naturschutzunterricht, man verteilt Filteranlagen, um die Menschen zu gewinnen. Der Einsatz für den Regenwald kann tödlich sein, spätestens dann, wenn die Siedler sich bedrängt fühlen. "Es ist kein ungefährlicher Job", bestätigt Edgar Castro. Der Bundesstaat Olancho ist der größte Verwaltungsdistrikt des Landes und der am dünnsten besiedelte. Weder Polizei noch Militär können das Gebiet kontrollieren. Demgegenüber besitzt nahezu jeder im Park eine Waffe - und im Zweifelsfall benutzt er sie auch. "Man muss sich immer wieder klarmachen, dass Honduras ein armes Land ist, in dem derjenige mit der größten Waffe die meiste Macht hat", so Castro, und Don Chico bestätigt. "Es gab hier Zeiten, da ist immer mal wieder jemand verschwunden." Er selbst sei nie bedroht worden, andere Mitarbeiter der Umweltschutzorganisation schon. Siedler und Großgrundbesitzer haben die Asociación lange verdächtigt, Rodungen und Landverkäufe zu denunzieren, "unterdessen akzeptieren uns die Leute", so Don Chico. Viele der Siedler sind erst in den vergangenen zehn Jahren in die Region gelangt. Die wenigsten können lesen und schreiben, deshalb hat die Asociación zunächst auf den Bau von Schulen gesetzt. Ziel ist es letztlich, die Siedler möglichst an einem Ort zu halten. Das allerdings widerspricht den Interessen der Viehzüchter, die auf die Vorarbeit der Siedler angewiesen sind und ihnen dafür regelmäßig viel Geld bieten. Alleine mit den Siedlern ließen sich Wege finden, den Wald zu bewirtschaften und ökologisch zu schützen, so Castro. Die Folgen der Rodungen sind gravierend: Der Grundwasserspiegel sinkt, Frischwasserquellen versiegen, bei starken saisonalen Regenfällen im Winter rutschen immer wieder ganze Hänge ab. Zurück bleibt baumloses Ödland. "Die Böden sind für immer zerstört", betont Castro. Irgendwann seien die Rodung und die Austrocknung der Fläche zu weit fortschritten, als dass sich der Wald von selbst regenerieren könnte. Die Region entlang dem Rio Patuca ist nur eine von drei großen Regenwaldschutzzonen in Honduras, die wiederum im Verbund mit Zonen in Nicaragua und Guatemala den mesoamerikanischen Biokorridor bilden. Herzstück dessen ist das Biosphärenreservat Rio Platano - ebenfalls in Honduras Nordosten. Während der Patuca-Park nur nationalen Schutz genießt, steht das benachbarte Rio-Platano-Reservat unter internationaler Beobachtung. Dort wird der honduranische Staat in die Pflicht genommen - Gelder für das aufwendige Protektorat kommen vor allem aus Deutschland. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wurden seit 1996 rund 20 Millionen Euro Fördermittel bereitgestellt, in den kommenden Jahren sollen 6,7 Millionen folgen. Die Strukturen der internationalen Gebergemeinschaft einschließlich der Vereinten Nationen sind gewaltig. Selbst im Reservat hat die Umsetzungsorganisation des Bundesministeriums, die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), ein aufwendiges Bürogebäude gebaut, wie es im gesamten Biosphärenkorridor seinesgleichen sucht. Im benachbarten Patuca-Park kann man über die internationalen Bemühungen nur staunen. Zwar erhält die Asociación den Großteil ihrer Gelder auch aus Deutschland, von den Zuwendungen, die am Rio Platano umgesetzt werden, träumt man aber am Rio Patuca nur. Eines jedenfalls hat die internationale Beharrlichkeit jedoch für Gesamthonduras bewirkt: Im September vergangenen Jahres hat die Regierung nach zähem Ringen ein neues Forstgesetz verabschiedet. Jetzt, im März, ist es in Kraft getreten. Ob der Versuch der Politik Früchte tragen wird, das illegale Holz- und Siedelgeschäft einzudämmen, bleibt indes abzuwarten. Bislang wird rund 200 Prozent mehr Geld mit illegalem als mit legalem Holz verdient, Hauptabnehmer sind unter anderem die USA, Spanien und Großbritannien. Zeitgleich mit Einführung des neuen Gesetzes wird auch die nationale Forstbehörde Cohdefor umstrukturiert. Die neuen Bestimmungen sollen bereits von einem Nationalen-Forstschutz-Komitee umgesetzt werden. An dessen Spitze könnte möglicherweise bald Ramón Álvarez Lazaroni stehen. Er war schon der Leiter der alten Forstbehörde. Das Brisante daran: Álvarez wird Korruption und Amtsmissbrauch in mehreren Fällen vorgeworfen - ein Verdacht unter dem, hinter vorgehaltener Hand, nahezu die gesamten Regierung in Tegucigalpa steht. Auch in der internationalen Hilfsszene macht sich diesbezüglich Unmut breit: Die staatliche schwedische Entwicklungszusammenarbeit hat sich in diesem Jahr nahezu komplett aus Honduras verabschiedet. Die Politik sei zu korrupt, eine sinnvolle und nachhaltige Umsetzung der Entwicklungshilfegelder könne nicht länger gewährleistet werden, hieß es dazu aus Stockholm. Das BMZ will bleiben, Honduras ist nach wie vor eines der Schwerpunktländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Don Chico ist überzeugt von der deutschen Hilfe. Der Job auf der Modellfinca sei gut bezahlt, aber es gehe um mehr, der Wald sei schließlich seine Heimat. Und er sagt, er kenne und schätze die Deutschen: Am Rio Patuca hat er für eine deutsche Firma Gold gewaschen. Was es heißt, Land zu roden, weiß Don Chico allerdings auch. Jahrelang hat er als Holzfäller gearbeitet - für eine Firma des heutigen honduranischen Präsidenten Manuel "Mel" Zelaya. Wer am Holzhandel und Viehzucht tatsächlich verdient, wird öffentlich nicht gesagt. Für Edgar Castro ist aber klar: Auch wenn seine Organisation vom Staat den Managementauftrag für den Park bekommen hat, ist tatsächlicher Umweltschutz nur mit staatlicher Hilfe möglich. Das neue Gesetz verspricht zwar eine härtere Gangart gegenüber Umweltsündern, "aber wer soll das kontrollieren?", fragt Castro. Bislang fehlt es an geeigneten Konzepten - vor allem von staatlicher Seite aus. Aber im Dschungel spielt der Staat nach wie vor keine Rolle. Tegucigalpa ist eine Ewigkeit entfernt. "Hier im Park gilt nur ein Recht", so Castro. "Das Recht des Stärkeren." Law and Order - im Zweifel gegen die Natur. » zurück |
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