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Aktuell
Update Indigenenbilder
Die Geschichte hinter den Fotos
In Südamerika ist eine Kontroverse
über die isoliert lebenden Indianer im Amazonas-Gebiet entbrannt
Von Gerhard Dilger, epd, 27.6.08
Porto Alegre - Vor vier Wochen erregten Bilder von einem
isoliert lebenden Indianervolk im brasilianischen Amazonas-Regenwald
weltweites Aufsehen. Nun hat ein Artikel in der jüngsten Ausgabe der
britischen Sonntagszeitung "The Observer" eine Kontroverse über die
Folgen der Berichterstattung für die Ureinwohner ausgelöst.
Der "Observer" wirft José Carlos Meirelles von der brasilianischen
Indianerbehörde Funai vor, er habe bei der Veröffentlichung der Fotos
verschwiegen, dass es sich bei den Ureinwohnern gar nicht um einen
"unentdeckten Stamm" handelt. Mit den Bildern von den rotbemalten
Kriegern, die mit Pfeil und Bogen auf die Cessna der Indianerschützer
zielten, habe er die Betroffenen für sein politisches Anliegen
missbraucht: "Die Enthüllung, dass die Existenz des Stammes bereits
feststand, wird unangenehme Fragen aufwerfen." So sei das
Fotografieren ja auch eine Art des Kontaktes.
Dass vielfach berichtet wurde, Meirelles habe die Ureinwohner quasi
zufällig "entdeckt", ist weder die Schuld des 60-jährigen Waldläufers
noch der Hilfsorganisation Survival International, die die Fotos an
europäische und nordamerikanische Agenturen weiterleitete. Das
Missverständnis geht vielmehr auf die Medien zurück, die unter
anderem von der Entdeckung von "Steinzeit"-Indianern berichteten.
Meirelles hingegen erklärte von Anfang an, dass er seit gut 20 Jahren
im Auftrag der Funai versucht, die isoliert lebenden Ureinwohner im
Bundesstaat Acre zu schützen. "Wir begleiten sie regelmäßig,
allerdings aus der Entfernung", sagte er dem epd Anfang Juni. "Bei
unseren viel zu seltenen Flügen über ihre Gebiete haben wir seit
jeher Fotos gemacht." Die Existenz des Volkes auf den fraglichen
Fotos sei bereits seit 1910 bekannt.
Nach dem "Observer"-Bericht zogen andere Medien nach. "Eine schöne
Geschichte", lästerte die spanische Tageszeitung "El País" (Online)
am Dienstag, "aber ein Betrug". "Indio-Entdeckung war PR-Gag", hieß
es im Schweizer Fernsehen am Mittwoch. "Ein Märchen", urteilte Radio
Nederland und ließ den holländischen Anthropologen Peter Jorna zu
Wort kommen. Die Funai und Survival International hätten die Fotos
inszeniert, unterstellt er: "Anscheinend rechtfertigt der Zweck die
Mittel." Die Medien seien darauf hereingefallen, denn "die
Vorstellung des edlen Wilden ist weiterhin populär". Laut Jorna
verbreiteten die Indianerschützer bewusst diffuse Informationen.
Stephen Corry von Survival International lässt das nicht gelten: "Die
Veröffentlichung der Fotos hat die peruanische Regierung zu einer
Untersuchung gezwungen", erläutert er. "Das ist ein Riesenschritt."
Noch im vergangen Oktober hatte Perus Präsident Alan García die
Existenz unkontaktierter Völker bestritten und als Erfindung linker
Umweltschützer abgetan, die damit die Ölförderung in Amazonien
verhindern wollten.
Die fotografierten Indianer seien keine Peruaner, erklärte ein
Regierungsvertreter in Lima am 9. Juni. Auch dies hatte Meirelles nie
behauptet. Die selbstbewussten rotbemalten Krieger seien Brasilianer,
sagte er dem epd, auch die brasilianische Regierung stehe in der
Pflicht.
Andere Indianer, die etwa vor anderthalb Jahren von Peru aus über die
Grenze geflohen waren, seien beim Anflug in den Wald geflohen. "Die
haben in Peru schlechte Erfahrungen gemacht", vermutet Meirelles.
"Bestimmt sind sie schon von Flugzeugen aus beschossen worden." Um
seine These zu untermauern, hat er jetzt Fotos aus dem betreffenden
Gebiet in unmittelbarer Nähe der Grenze veröffentlicht. Auf einem
davon sind relativ neue Hütten an einer kleinen, frisch gerodeten
Lichtung zu sehen, auf anderen junge Bananenstauden.
Wilde Kontroverse
Das angeblich noch völlig unbekannte Indianervolk am Amazonas ist schon seit 1910 aktenkundig. Doch wem nutzt die mediale Inszenierung wirklich?
Von Gerhard Dilger, taz, 28.6.08
Vor vier Wochen erregten Fotos von einem bislang von der Zivilisation "nicht kontaktierten" Indianervolk in Amazonien weltweit Aufsehen. Nun hat ein Artikel im Observer eine Kontroverse ausgelöst, die vor allem eines zeigt: Immer mehr Medien verzichten auf eigene Recherche, andere manipulieren bewusst.
Das Blatt wirft José Carlos Meirelles von der brasilianischen Indianerbehörde Funai vor, er habe bei der Veröffentlichung der Fotos verschwiegen, dass es sich gar nicht um einen "unentdeckten Stamm" handelte. Mit den Bildern von den Kriegern, die mit Pfeil und Bogen nach oben zielten, habe er die Betroffenen für sein politisches Anliegen missbraucht, schreibt die britische Sonntagszeitung. "Die Enthüllung, dass die Existenz des Stammes bereits bekannt war, wird unangenehme Fragen aufwerfen: warum beschlossen wurde, sie zu fotografieren - was ja auch eine Art des Kontaktes ist."
Ende April war Meirelles an vier Tagen mit einem Fotografen über ein Gebiet an der Grenze zu Peru geflogen. Dass vielfach berichtet wurde, Meirelles habe die Ureinwohner "entdeckt", ist weder ihm noch der NGO Survival International anzukreiden, die die Fotos weitergeleitet hatte. Schuld sind die Medien selbst. So verbreitete die dpa am 30. Mai eine Meldung mit dem Titel "Unbekannte Steinzeit-Indios in Brasilien entdeckt". Da schmückten die Fotos bereits die Titelseiten brasilianischer Zeitungen.
Die allerdings waren erst spät aufgewacht. Dabei hatte der Journalist Altino Machado schon längst in seinem Blog und im Onlineportal "Terra Magazine" über Meirelles' Flüge berichtet. Auch die spektakulären Fotos standen sechs Tage lang weithin unbeachtet im Internet. Es folgte der Pressewirbel. In vielen Interviews sagte Meirelles: "Bereits seit 1910 ist die Existenz dieses Volkes bekannt."
Der Observer, der nun seinerseits seine Informationen aus einem Al-Daschsira-Interview abkupferte, blieb nicht allein. "Ein Betrug", schrieb El País in Spanien, "Indio-Entdeckung war PR-Gag", hieß es im Schweizer Fernsehen. Und die chinesische Agentur Xinhua meldet: "Der Fotograf, der mit den Fotos von einem verlorenen Amazonasstamm auf der ganzen Welt hausieren ging, hat zugegeben, dass sie Teil einer Fälschung waren."
"Ein Märchen", urteilte auch Radio Nederland und ließ den Anthropologen Peter Jorna zu Wort kommen. Die Indianerfreunde hätten die Fotos inszeniert und die Medien seien darauf hereingefallen, denn: "Die Vorstellung des edlen Wilden ist weiterhin populär." Stephen Corry von Survival International wies das zurück: "Wir haben die peruanische Regierung zu einer Untersuchung gezwungen, das ist ein Riesenschritt."
Die rot bemalten Krieger seien "keine Peruaner", erklärte ein Regierungsverteter in Lima am 9. Juni. Auch das hatte Meirelles nie behauptet. Jene Indígenas, die "etwa vor anderthalb Jahren" von Peru aus über die Grenze geflohen waren, versteckten sich grundsätzlich vor Flugzeugen, sagte er der taz, "bestimmt sind die schon von oben beschossen worden". In Peru kam er damit bislang nicht zu Wort. Stattdessen verbreiteten große Tageszeitungen und die staatliche Agentur Andina jetzt die "Enthüllungen" des Observer.
Um seine These von der Flucht vor peruanischen Holzfällern zu untermauern, ließ Meirelles vorgestern neue Fotos vom Gebiet am Xinane-Bach verbreiten. Dort, in unmittelbarer Grenznähe, hatte er Anfang Mai die verängstigten Menschen in den Wald rennen sehen. Auf einem der Fotos sind relativ neue Hütten an einer frisch gerodeten Lichtung zu erkennen.
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