AktuellWaldschutz in Sierra Leone
Sierra Leone schützt seine WälderKlimapolitik im ärmsten Land der WeltWenn Deutschland Waldschutzgebiete ausruft, dürfte das überregional kaum eine Nachricht wert sein. Wenn ein Land wie Sierra Leone das macht, schon. Die Regierung hat sich den Schutz der Wälder auf die Fahnen geschrieben. Dem Staat bleibt keine Wahl. Und wenn sich die G8 auf Klimaschutzmaßnahmen einigen würde, könnte das Land mit dem Schutz seiner Wälder sogar Geld verdienen. Von Marc Dugge, ARD-Studio Westafrika, 5.7.08 "No. 2 River" - das Dorf mit dem seltsamen Namen liegt in der grünen Hügellandschaft von Sierra Leone, eine gute Autostunde von der Hauptstadt Freetown entfernt. Hier ist der Wald noch intakt, einer der wenigen Plätze in Sierra Leone. Vor 50 Jahren waren gut zwei Drittel des Landes mit Bäumen bedeckt. Heute sind es gerade noch fünf Prozent. Schutz des Waldes als neue Priorität Abu Bakar ist Mitte 20 und sitzt an einer Bushaltestelle von No 2 River: "Die Behörden haben uns den Job gegeben, auf den Wald aufzupassen. Wenn jemand kommt, um Holz zu schlagen, dann melden wir das der Polizei oder den Behörden." Die Regierung von Sierra Leone hat viele Menschen wie Abu Bakar als Waldwächter angeheuert. Denn der Schutz der Wälder hat neuerdings Priorität. Von Januar bis Mitte Juni hatte der Staat sogar ein komplettes Ausfuhrverbot für Holz verhängt. Und dass, obwohl das Land das Geld aus dem Holzverkauf dringend brauchen könnte. Edelhölzer gegen ein Trinkgeld Bartholomeo Kamara, Forstbeauftragter im Landwirtschaftsministerium von Sierra Leone, erklärt, warum das so ist: "Wir haben den Ausfuhrstopp beschlossen, weil der Markt sehr unorganisiert ist. Es gab viele illegale Abholzungen - von Unternehmen, die nur ganz bestimmte Baumarten suchten und so die ökologische Vielfalt bedroht haben. Wir mussten handeln, wenn wir nicht unseren Wald verlieren wollten." Die illegalen Holzfäller kommen aus China, Guinea oder der Elfenbeinküste. Sie haben sich in der Vergangenheit mit den örtlichen Dorfchefs verbündet und konnten so für ein besseres Trinkgeld nach Lust und Laune abholzen - Zustände, die der Staat nun schleunigst beenden will. Die Wälder werden überwacht, Exporteure müssen Transportgenehmigungen vorweisen. Die neuen Regeln funktionieren nicht überall So soll das Treiben im Wald wieder unter Kontrolle gebracht werden. Manche Experten sind aber skeptisch, zum Beispiel Daniel Siafa von der Naturschutz-Organisation "Conservation Society of Sierra Leone": "Als die neue Regierung das Ausfuhrverbot verkündete, waren wir zunächst sehr glücklich. Aber dann fragten wir uns, wie das durchgesetzt werden kann, bei diesen begrenzten Ressourcen der Regierung. Es gibt ein paar Gegenden, wo sich an das neue Gesetz gehalten wird - aber auch Regionen, wo das illegale Baumschlagen weitergeht." Naturparks nützen auch Anwohnern Immerhin: Der Staat hat zwei Naturparks gegründet. Etwa den Gola National Park, in dem auch Leoparden und Schimpansen leben. Zwölf Millionen US-Dollar von internationalen Gebern sollen nicht nur die laufenden Kosten des Parks decken, sondern auch die rund 100.000 Menschen in der Umgebung mit jährlichen Zahlungen entschädigen - dafür, dass sie nun kein Geld mehr mit dem Fällen von Bäumen verdienen können. Mit Klimaschutz Geld verdienen Sierra Leone könnte aber bald nicht nur mit dem geregelten Abholzen der Wälder Geld verdienen, sondern möglicherweise auch mit deren Schutz. Denn Bäume verarbeiten Kohlendioxid und wirken so dem Treibhauseffekt entgegen. Beim G8-Gipfel in Japan wollen die Teilnehmerstaaten auch darüber beraten, wie der Schutz der Wälder und die Wiederaufforstung belohnt werden kann - etwa mit dem Handel von Verschmutzungsrechten. Reiche Industriestaaten, die viel Kohlendioxid ausstoßen, könnten Geld an arme Länder bezahlen, die aufforsten und damit das Kohlendioxid verbrauchen. Der Wald schützt die Menschen Bis so ein Mechanismus in Kraft tritt, können aber noch viele Jahre ins Land gehen. Die Menschen in "No. 2 River" schützen ihren Wald aber schon jetzt, sagt Waldwächter Abu Bakar - aus eigenem Interesse: "Der Wald ist für uns wichtig. Wir haben oft Stürme hier - vor allem in der Regenzeit. Die Bäume bremsen den Wind. Und der Wald schützt uns auch vor Schlammlawinen und den Wassermassen, die dann von den Hügeln herunterkommen." Im vergangenen Jahr wurden Häuser durch die Naturgewalten zerstört. Der Wald konnte den Menschen keinen Schutz mehr bieten, eine Erfahrung, die viele Menschen alarmiert hat. Sie stellen nun keine Holzkohle mehr im Wald her, sondern kaufen sie in der Stadt, auch wenn sie dort teurer ist. » zurück |
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