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Interview mit Indigenenforscher

Wir beneiden sie um ihre Freiheit

Interview von Ineke Holtwijk mit Sydney Possuelo, FAZ, 10.7.08

Als Sie die bei einem Überflug aufgenommenen Fotos von bemalten, unberührten Indianern an der Grenze zu Peru sahen, was haben Sie da gedacht?

Dass es ziemlich gute Fotos sind und dass die Leute großes Glück hatten. Indianer malen sich nicht jeden Tag an. Und diese haben sich gewiss nicht angemalt, weil sie mit der Rückkehr des Flugzeugs rechneten, das sie am Vormittag schon einmal gesehen hatten. Woher hätten sie das wissen sollen. Sich den Körper zu bemalen dauert viel zu lange, das macht man nicht aus einer Laune heraus. Ich muss allerdings sagen, dass ich nicht so tief geflogen wäre. Man erschreckt die Indianer leicht.

Hätten Sie die Fotos veröffentlicht?

Ja. Es ist gut, wenn alle wissen, dass dort Indianer leben. Für uns ist die Existenz dieses Stammes nichts Neues. Wir hatten diese Hütten schon lange lokalisiert. Leider gibt es noch immer Leute, die die Existenz dieser Indianer leugnen. Man wirft uns vor, abgelegene Landstriche als Wohngebiete der Indianer auszugeben, um das Land als Indianerreservat ausweisen zu können. Ein Vorwurf, den uns beispielsweise der Gouverneur des Bundesstaates Rondônia machte, nachdem wir isoliert lebende Stämme entdeckt hatten. Wir mussten die Indianer sogar filmen, um die Leute von deren Existenz zu überzeugen.

Haben Sie jemals selbst Indianer in der Gegend gesehen?

Nur einmal habe ich beim Überfliegen einen Indianer in der Nähe dieser Hütten gesehen. Einen Mann, der ein Kind auf dem Arm trug. Er ging in die Hütte und kam dann wieder heraus, ohne Kind, dafür mit Pfeil und Bogen, um auf das Flugzeug zu schießen. Das war vor etwa zehn Jahren. Die Fotos sind in „National Geographic“ erschienen.

Warum sieht man fast nie Indianer, wo doch in diesem Gebiet mindestens vier nicht-kontaktierte Stämme leben sollen?

Sie haben ein ausgezeichnetes Gehör, sie hören das Flugzeug schon von weitem und fliehen in die Wälder. Vermutlich waren diese Indianer gerade bei einem Ritual, als das Flugzeug auftauchte. Das würde auch die Körperbemalung erklären.

Glauben Sie, dass diese Indianer eine Chance haben, ihre Unberührtheit zu bewahren?

Schwer zu sagen. Wenn die Straße in Acre quer durch ihr Land zum Pazifik gebaut wird wie geplant, dürfte damit ziemlich schnell Schluss sein.

Wie kommt es, dass diese Fotos und überhaupt Indianer eine so große Faszination auf uns ausüben?

In erster Linie ist es Neugier, aber auch das Gefühl, dass wir uns auf diesen Bildern selbst sehen. So haben wir vor Tausenden von Jahren gelebt, dieses Leben gibt es heute noch im Dschungel. Das ist nichts Museales, sondern lebendige Vergangenheit. Vielleicht lösen diese Bilder auch eine gewisse Nostalgie aus. Diese Indianer brauchen nur den Wald. Korrupte Politiker, Geldsorgen, Stress und Hektik – all das kennen sie nicht. Sie sind außerordentlich frei. Und wir beneiden sie um diese Freiheit.

Wie ist es, den Indianern erstmals zu begegnen?

Die erste Begegnung ist immer ein sehr angespannter Moment. Man weiß, dass sie wahrscheinlich angreifen wollen. Indianer haben viel gelitten unter der Gewalt von Weißen. Man verkörpert die Erinnerung an all die toten Familienangehörigen, die sie rächen wollen. Man kann sich hinhocken und ein paar Indianer freundlich anschauen, und plötzlich wird man von einer anderen Gruppe angegriffen, die sich irgendwo versteckt hatte. Die Anspannung ist so groß, dass einige von uns, besonders die indianischen Führer, aus Panik abdrücken könnten. Deshalb habe ich vor der Kontaktaufnahme mit den Korubó-Indianern Pfefferspray und Feuerwerkskörper verteilt. Die sollten die Korubó bei einem eventuellen Angriff erschrecken. Nur fünf von fünfunddreißig Expeditionsteilnehmern waren bei der Kontaktaufnahme bewaffnet. Und es sollte auch nur in die Luft geschossen werden. Für uns gilt die Regel, dass wir eher den eigenen Tod in Kauf nehmen, als dass wir einen Indianer töten. Wenn der Kontakt hergestellt ist und niemand getötet wurde, ist man unglaublich erleichtert. Aber man muss ständig auf der Hut sein. Zehn Monate nach friedlicher Kontaktaufnahme griffen die Korubó an und töteten einen Mitarbeiter der Funai, also der brasilianischen Indianerbehörde.

Manchen Experten zufolge sind die Indianer, die sich im Urwald verstecken, außerordentlich gewalttätig. Sie vertreiben andere Stämme, stimmt das?

Indianer haben sich immer wieder bekämpft. Manchmal hält sich diese Feindschaft über Generationen. Die Korubó werden von anderen Indianern im Javari-Tal gefürchtet, weil sie ihre Gegner mit Keulen töten. Mit Pfeil und Bogen kann man in zehn, zwanzig Meter Entfernung bleiben, seinen Feind mit einer Keule anzugreifen verlangt Mut: Das ist ein Kampf Mann gegen Mann. Als ich versuchte, Kontakt mit den Korubó aufzunehmen, hatte ich zum Glück Matis-Indianer dabei, die mir als Führer und Dolmetscher halfen. Die Matis haben vor fünfzig Jahren Frieden mit den Korubó geschlossen.

Hatten Sie nie Angst, getötet zu werden?

Nein. Normalerweise bin ich unruhig und nervös, aber auf solchen Expeditionen bin ich ganz ruhig und klar. Wenn man Angst hat, kann man Risiken nicht mehr einschätzen. Indianer haben Kollegen von mir umgebracht, sie haben mich als Geisel genommen, sie haben meine Hütte angezündet, aber ich trage ihnen das nicht nach. Mein Herz schlägt für die Indianer. Vor Weißen fürchte ich mich mehr als vor Indianern. In Roraima konnte ich mich nur mit einem Bodyguard bewegen, weil mich die Leute dort umbringen wollten. Einmal wurde ich von sechzig bewaffneten Landbesitzern umringt, die mir mit einem Revolver die Zähne ausschlugen. Diese Aggressivität rührt daher, dass man in ihren Augen ein Verräter ist, wenn man sich für die Indianer einsetzt.

Ende der achtziger Jahre hatten Sie noch gefordert, dass der Staat Kontakt zu den isoliert im Dschungel lebenden Indianern sucht. Wie ist es zu dem Sinneswandel gekommen?

Hätte ich damals schon gewusst, was ich heute weiß, wäre das natürlich viel besser gewesen. Aber so war es leider nicht. Anfangs ahnte niemand, dass selbst gutgemeinter Kontakt schlecht ist. Diese Erkenntnis ist langsam in mir gewachsen. Es war schmerzhaft, das Drama zu beobachten, das sich jedes Mal nach einer Kontaktaufnahme entwickelte, trotz bester Absichten. Aber weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe, war ich so überzeugt und hatte das enorme Bedürfnis, mich für eine andere Politik einzusetzen. In den vergangenen fünfhundert Jahren wurden unzählige Stämme kontaktiert, und keiner von ihnen lebt in Harmonie mit der brasilianischen Gesellschaft. Wir haben die romantische Vorstellung, dass sich die Indianer in unsere Zivilisation einfügen, wenn man ihnen ein paar Dinge erklärt. Aber genau das passiert nicht.

Wenn ich jetzt mal den advocatus diaboli spielen darf: Früher oder später wird es in jedem Fall zu einem Kontakt kommen. Was ist daran so schlimm, dass es irgendwann keine unberührten Indianer mehr im Regenwald gibt?

Das ist in erster Linie eine ethische Frage. Die Entscheidung über die Zukunft der Indianer sollte allein bei ihnen liegen, nicht bei uns. Aber wir haben die Macht. Wir fliegen über sie hinweg und fotografieren sie, weil wir unbedingt diese Fotos haben wollen. Sie zielen mit Pfeil und Bogen auf uns, weil wir verschwinden sollen. Sie leben tief im Urwald, weil sie keinen Kontakt zur Außenwelt wollen. Aber wir planen eine Straße. Wir entscheiden alles.

Brasiliens Indianerpolitik gilt trotzdem als fortschrittlich. Wie sieht es in den Nachbarländern aus?

Isoliert lebende Indianerstämme gibt es noch in sechs anderen Ländern. Ihre Lage ist dort aber viel schlechter. Brasilien gilt seit einigen Jahren als beispielhaft, aber angesichts der rasch voranschreitenden Umweltzerstörung haben wir unseren moralischen Führungsanspruch verloren.

Das Gespräch führte Ineke Holtwijk. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.







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