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Aktuell
Entwaldung für Agrosprit
Regenwald stirbt für Zuckerrohr
Ethanolproduzenten für illegale Regenwaldabholzung bestraft
Von Norbert Suchanek, Neues Deutschland, 14.7.08
Weil sie illegal Atlantischen Regenwald in Nordostbrasilien für Zuckerrohrplantagen abholzten, müssen 24 Zucker- und Ethanolfabriken nun insgesamt rund 50 Millionen Euro Strafe zahlen. Dies entschied Anfang Juli 2008 Brasiliens neuer Umweltminister Carlos Minc.
Der Atlantische Regenwald gilt als noch artenreicher als der Amazonaswald. Einst erstreckte er sich in Brasilien auf etwa 1,4 Millionen Quadratkilometern von Südbrasilien entlang der Küstengebirge bis zum nordostbrasilianischen Ceará. Doch nur noch etwa sieben Prozent davon, rund 100 000 Quadratkilometer, sind übrig. Der brasilianische Bundesstat mit der schlimmsten Vernichtungsrate dieses auch Mata Atlântica genannten Waldökosystems ist Pernambuco, wo die Überreste nur noch 2,7 Prozent der ursprünglichen Fläche ausmachen. Doch gerade dort holzten nun die Zucker- und Ethanolbarone weitere 400 000 Hektar für die Anlage von Zuckerrohrplantagen ab, wobei 85 000 ohne Genehmigung der Umweltbehörde Ibama eingeschlagen wurden.
Laut einer jüngst in den »Proceedings of the National Academy of Sciences« (Bd. 105, S. 9439) veröffentlichten Studie des US-amerikanischen Wissenschaftlers Matthew Hansen von der South Dakota State University (USA) ist Brasilien der mit Abstand größte Regenwaldvernichter weltweit. Zwischen 2000 und 2005 wurden hier jährlich 26 000 Quadratkilometer tropische Feuchtwälder abgeholzt. Brasilien sei damit verantwortlich für 47,8 Prozent der weltweiten Regenwaldzerstörung in diesem Zeitraum. Der auf Platz zwei liegende Staat Indonesien verzeichnete eine Abholzungsrate von 7000 Quadratkilometern pro Jahr. Er holzte damit rund vier mal weniger als Brasilen ab und ist »nur« für 12,8 Prozent der globalen Regenwaldvernichtung direkt verantwortlich.
Das brasilianische Umweltministerium allerdings zweifelt Hansens Abholzungdaten an. Nach Angaben des nationalem Weltraumforschungsinstitut INPE (Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais) habe die tatsächliche Regenwaldvernichtungsrate pro Jahr in diesem Zeitraum »nur« 21 450 Quadratkilometer betragen.
Doch auch unabhängig von diesem wissenschaftlichen Zahlenstreit um einige Prozentpunkte kann man Brasilien die Verantwortung für die Regenwaldabholzung nicht ganz allein in die Schuhe schieben. Denn die Tropenwälder weltweit werden in erster Linie zur Produktion von Exportprodukten wie Zellstoff, Palmöl, Tropenholz, Aluminium, Stahl, Rindfleisch, Soja, Ethanol und Biodiesel zerstört. Deshalb sind die importierenden Industriestaaten, vor allem die USA, Japan und Deutschland, letztlich die Hauptverantwortlichen dieser ökologischen und sozialen Katastrophe.
Waldverlust ungleich Spritgewinn
Für Biosprit-Plantagen muss häufig Regenwald weichen. Das ruiniert die CO2-Bilanz auf bis zu 1500 Jahre.
Von Sebastian Jutzi, FOCUS, 13.7.08
Treibstoff aus Agrarpflanzen bekommt einen immer schlechteren Ruf. Nach Studien, die zeigen, dass für Plantagen zur Gewinnung des Sprits Wälder gerodet werden, weist eine Studie der Umweltwissenschaftlerin Holly Gibbs von der University of Wisconsin darauf hin, dass er, wenn überhaupt, nur sehr langfristig zur CO2-Einsparung beiträgt. Gibbs bezog in ihre Berechnung die Freisetzung von C02 durch Waldrodung, die Art der späteren Bepflanzung, die Methoden zur Gewinnung von Biosprit und die Einsparungen an fossilem Treibstoff ein.
Energieplantagen auf Rodungsflächen
Werden auf ehemaligem Waldland Mais oder Soja angepflanzt, so dauert es zwischen 300 und 1500 Jahre, bis das durch die Rodung freigesetzte CO2 wieder eingespart wird. Etwas besser schneidet Palmöl ab. Wachsen Plantagen auf Land, das vorher nicht von Torfregenwäldern bedeckt war, kann es 30 bis 120 Jahre dauern, bis die Bilanz positiv ausfällt. Müssen dagegen die Torfregenwälder in Südostasien weichen, verlängert sich diese Frist auf mehr als 900 Jahre.
Wird tropisches Grasland zu Äckern umgewandelt, dauert es im Schnitt weniger als 100 Jahre, bis sich die Klimabilanz in den positiven Bereich bewegt. Eine Steigerung der Erträge, beispielsweise durch mehr Düngung oder ertragreichere Pflanzen, senkt die durchschnittliche Frist bis zu einer positiven CO2-Bilanz um 30 bis 50 Prozent. Selbst bei dieser Annahme dauert es im Schnitt aber immer noch 30 bis 300 Jahre, bis sich das Roden von Regenwäldern und die Anlage von Plantagen auszahlen.
Revitalisierung alter Plantagen als Ausweg
Gibbs und ihre Kollegen weisen darauf hin, dass es durchaus lohnend sein kann, bestehendes Ackerland oder existierende Plantagen zur Biosprit-Produktion heranzuziehen. So könne man beispielsweise ehemalige Kakaoplantagen in Westafrika nutzen. Das habe einen unmittelbaren positiven Effekt auf die CO2-Bilanz. Die Forscher verweisen aber auch auf negative Beispiele. So sei in Brasilien der Soja-Anbau stark expandiert, um die weltweit große Nachfrage nach Viehfutter zu bedienen. Dadurch würden Bauern, die Nahrungsmittel produzierten, immer weiter in die Regenwaldgebiete verdrängt. Würde das auch durch Biosprit-Plantagen passieren, hätte das einen negativen Effekt auf die CO2-Bilanz.
10. Juli, 2008
Brot für die Welt kritisiert Anbau von Agrosprit
Berlin (AP) - Das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt hat vor verheerenden Folgen des Klimawandels und der Lebensmittelknappheit für die Ärmsten der Welt gewarnt. Die steigende Produktion von Agrartreibstoffen treibe die Zahl der Hungernden weltweit in die Höhe, kritisierte Direktorin Cornelia Füllkrug-Weitzel am Donnerstag in Berlin. Dies sei für arme Menschen im Süden lebensbedrohlich.
Auch die Vertreibung von Kleinbauern in Brasilien zugunsten des Anbaus von Biosprit-Pflanzen sei ein Skandal, ebenso der Einsatz von Sklavenarbeitern auf Farmen im großen Stil. «Wir appellieren an die Bundesregierung und die EU, sich entschieden gegen diese ungerechten und skandalösen Verhältnisse einzusetzen», betonte Füllkrug-Weitzel.
Klimaschutz und Ernährungssicherung bezeichnete sie gleichzeitig als Schwerpunkte der Arbeit ihrer Organisation im vergangenen Jahr. Brot für die Welt hatte dabei nach ihren Worten einen Anstieg der Einnahmen um rund zehn Prozent oder fast sechs Millionen Euro. Allein das Spendenaufkommen erreichte 52,8 Millionen Euro, 1,3 Millionen Euro oder 2,4 Prozent mehr als 2006. Damit förderte die Organisation in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa 1.171 Projekte, 100 mehr als im Vorjahr.
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