AktuellKampf am Rio Xingu
Kampf am Rio XinguStrom für Exportwirtschaft: Brasiliens Regierung treibt Staudammprojekt Belo Monte voran. Betroffene wehren sich weiterVon Norbert Suchanek, Junge Welt, 11.8.08 Das geplante Wasserkraftprojekt Belo Monte im Norden Brasiliens wird Tausende Menschen um ihren Lebensraum bringen, Fischressourcen vernichten und mindestens 440 Quadratkilometer Regen- und Uferwaldgebiete unter Wasser setzen. Und das alles, um Strom zu erzeugen. Strom, der insbesondere für die Produktion von Aluminium bestimmt ist, das wiederum zumeist in die westlichen Industriestaaten exportiert werden soll. Um ihre Lebensader, den Rio Xingu, vor dem Staudammprojekt zu retten, wehren sich insbesondere die indigenen Einwohner gegen das Mammutprojekt. Im Mai hatten Betroffene gemeinsam mit einheimischen Umweltschutzgruppen und Bürgerinitiation dagegen protestiert. Inzwischen haben auch internationale Umweltschutzorganisationen wie »International Rivers« und »Rettet den Regenwald« zum Widerstand gegen das von der brasilianischen Bundesregierung vorangetriebene Energieprojekt aufgerufen. Bereits Ende der 1980er Jahre wollten die damaligen Verantwortlichen den Rio Xingu, einen Nebenfluß des Amazonas, aufstauen lassen. Doch schon damals wehrten sich die lebenden Ureinwohner im Einzugsgebiet des Flusses. Vor allem dank des Einsatzes des Ethnologen Darrell Addison Posey sowie von Paulo Paiakan und Kuben-I, Sprecher des Indianerstammes der Kayapó, wurde die Welt rechtzeitig über die geplante Regenwald- und Umweltvernichtung alarmiert. Das darauffolgende Treffen von Altamira ging in die Geschichte ein. In der Amazonasstadt hatten sich Vertreter der Indianervölker im Februar 1989 versammelt und vor der geplanten Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen gewarnt. Das führte auch weltweit zu massiven Protesten – und letztlich zu einem Stopp des Staudammprojekts. Nun hat die Regierung von Präsident Luiz Inacio »Lula« da Silva dasselbe Projekt wieder aus dem Giftschrank hervorgeholt. Denn die exportorientierte Bergbau-, Aluminium- und Stahlindustrie im Amazonasstaat Pará schreit nach mehr Energie. Auch heute wollen die betrofffenen Indianervölker nicht klein beigenben. Die Stämme der Asurini, Araweté, Parakanã, Juruna, Xipaya, Kuruaya, Xikrin, Kararaô, aber auch die Arara und Kayapó stellen sich gemeinsam mit den Flußanwohnern (Ribeirinhos) und Kleinbauern schützend vor den Rio Xingu. Am 23. Mai hatten sich deren Abgesandte – so wie 1989 – in Altamira getroffen und zusammen mit brasilianischen Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen ein Protestschreiben an die Regierung und die Verantwortlichen der Staudammprojekte in Brasilien unterzeichnet. »Wir wissen, daß die Aufstauung des Xingu große Überschwemmungen oberhalb des Kraftwerks verursachen und Tausende von Ribeirinho-Familien und Bewohner von Altamira verdrängen wird, die Landwirtschaft schädigen, die nachhaltige Nutzung der Biodiversität beeinträchtigen und unsere Strände verschwinden lassen wird«, heißt es darin. Die Unterzeichner »werden den Bau von Staudämmen am Xingu und seinen Zuflüsssen nicht erlauben, egal ob große oder kleine«. Für sie ist Belo Monte mehr als nur ein Staudammprojekt, sondern Kernstück »eines sozial ungerechten und ökologisch zerstörerischen Entwicklungsmodells«. Entgegen der seit Jahren gebetsmühlenhaft von der Regierung Lula verbreiteten Behauptung, Wasserkraftwerke seien eine saubere Energiequelle, die nicht zum Treibhauseffekt beitrage, trifft das Gegenteil zu. Schon 2005 hatte dies der Amazonasforscher Philip Fearnside des brasilianischen Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia (INPA) deutlich gemacht. Denn durch Faulprozesse der unter Wasser gesetzten Biomasse produzierten Stauseen vor allem in den Tropen große Mengen an Treibhausgasen wie Kohlendioxid und das noch erheblich schädlichere Kohlenwasserstoffgas Methan. Eine Untersuchung des Curuá-Uma-Staudamms in Pará habe ergeben, so der INPA-Forscher, daß die Treibhausgasemissionen des Wasserkraftwerkes dreieinhalb mal so hoch sind wie die eines Dieselkraftwerks bei gleicher Menge erzeugter elektrischer Energie. »Die Emissionen variieren von Stausee zu Stausee«, hatte Fearnside gegenüber dem New Scientist erklärt. »Doch es sind genug, um sich ernsthafte Sorgen zu machen.« Das ficht die Regierung nicht an. Lula und sein Kabinett halten weiter an ihren gigantischen Wasserkraftplänen fest. Belo Monte ist nur einer von über einem Dutzend geplanter oder in Bau befindlicher – und umstrittener – Staudämme in Brasilien. Allein in Amazonien will der Sonderminister und Koordinator des »Plano Amazônia Sustentável«, Mangabeira Unger, bis 2011 sieben große Wasserkraftprojekte mit insgesamt 27000 Megawatt Leistung durchsetzen. »Falls alle in der Amazonasregion vorgesehenen Staudammprojekte verwirklicht werden, hätte das einen signifikanten Emissionsanstieg der Treibhausgase Kohlendioxid (CO2) und Methan (CH4) zur Folge, wobei der Ausstoß in den ersten zehn Jahren etwa drei Viertel der jährlich bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen, Holz und Holzkohle in Brasilien entstehenden Emissionen entsprechen würde«, hieß es bereits vor drei Jahren in einer Studie der Universität Köln dazu. » zurück |
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