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Palmöl in Brasilien

Tank oder intakte Natur

Um Palmöl-Plantagen zu gewinnen, holzen Großkonzerne bis zu 20 000 Quadratmeter des Tanoé-Walds ab. Das ist eine ökologische Katastrophe und treibt Anwohner schlimmstenfalls in sklavereiähnliche Verhältnisse.

Von Michael Odenwald, FOCUS, 1.9.08

„Tank oder Teller“ lautete bislang die Alternative, wenn es um den Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe ging. Jetzt kommt in der Debatte eine neue Dimension hinzu. Große Konzerne haben den Anbau von Energiepflanzen als neue Profitquelle entdeckt. Deshalb suchen sie stets neue Anbaugebiete, bevorzugt in Drittweltländern, in denen es noch große Naturflächen gibt. In Brasilien verdrängt großflächiger Zuckerrohranbau die Urwälder, in Südostasien verstärken nicht zuletzt Palmöl-Plantagen den Reismangel, auch in Afrika schießen solche Projekte wie Pilze aus dem Boden.

Die neue Konfrontationslinie lautet also „Tank oder intakte Natur“. Beispielhaft wird der Konflikt derzeit im Tanoé-Wald ausgetragen, dem letzten zusammenhängenden Waldgebiet im Südosten der Elfenbeinküste. Er soll jetzt fallen, um Platz für Palmöl-Plantagen zu schaffen, die das einheimische Unternehmen PALMCI dort anlegen will. Weil Palmöl aber nicht nur zur Biokraftstoff-Herstellung dient, sondern ein begehrter Grundstoff für die Produktion von Lebensmitteln, Waschmitteln und Kosmetika ist, sitzt bei PALMCI auch der Konzern Unilever als Anteilseigner im Boot. Die neuen Anbaugebiete seien notwendig geworden, rechtfertigt sich der britisch-niederländische Multi, weil die bisherigen Plantagen in Südostasien den wachsenden Palmöl-Bedarf nicht mehr decken könnten.

Letzter Rückzugsort

PALMCI also bekam von der Regierung des westafrikanischen Landes eine Konzession für 6000 Hektar Plantagenfläche. Dafür, sagen Naturschützer, müsse der gesamte Tanoé-Wald fallen. Im Februar dieses Jahres begannen die Rodungsarbeiten. Nach Angaben der Hamburger Organisation „Rettet den Regenwald“ machten PALMCI-Mitarbeiter mit schweren Planierraupen pro Tag 20 Hektar Urwald platt.

Dagegen liefen Naturschützer aus aller Welt Sturm, denn der Tanoé-Wald ist eines der letzten Rückzugsgebiete bedrohter Tierarten, die einst in weiten Teilen Westafrikas heimisch waren. Zu ihnen zählen Weißscheitelmangaben, der Geoffroy-Stummelaffe und eine Unterart des Roten Stummelaffen mit dem seltsamen Namen „Miss Waldrons Roter Stummelaffe“. Auch eine Meerkatzen-Unterart, die Roloway-Meerkatze, kommt möglicherweise nur noch dort vor. Im ihrem früheren Verbreitungsgebiet brachten Abholzung und rücksichtslose Jagd diese Primaten während der vergangenen 30 Jahre an den Rand der Ausrottung.

Von den Toten wiederauferstanden

„Der Tanoé-Wald ist sicher eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Waldgebiet für den Schutz bedrohter Primatenarten in ganz Afrika. Nirgendwo sonst im kontinentalen Afrika gibt es so hohe Bestände hoch bedrohter Arten auf so kleinem Raum“, konstatiert der Heidelberger Zoodirektor Klaus Wünnemann, der sich in der Initiative „West African Primate Conservation Action“ (WAPCA) für den Schutz der Affen engagiert. „Es ist größtenteils ein Sumpfwald, was dazu beitrug, den Menschen fernzuhalten und so die Tiere zu schützen.“ Obwohl er schon lange als ökologisch sehr wertvoll bekannt ist, steht der Wald noch nicht unter Schutz.

Besonders ironisch verläuft dabei das Schicksal von Piliocolobus badius waldronae, wie der wissenschaftliche Name von Miss Waldrons Rotem Stummelaffen lautet. Seit dem Jahr 2000 galt er als ausgestorben und war damit der erste Affe, der im 21. Jahrhundert von der Liste der lebenden Arten verschwand. Doch im März 2008 berichtete der Biologe Inza Kone von der Universität in Cocody, er habe unzweifelhaft Rufe des vermissten Primaten vernommen. Fällt der Tanoé-Wald tatsächlich, ist es um die Art wohl endgültig geschehen. „Von den Toten wiederauferstanden, nur um kurz danach für Margarine sein Leben erneut zu verlieren“, schrieb dazu das „Hamburger Abendblatt“. Dies wiegt umso schwerer, weil die Internationale Primatologische Gesellschaft kürzlich erklärte, dass knapp die Hälfte der 634 auf der Erde lebenden Primatenarten vom Aussterben bedroht sei.

Märchenstunde des Riesen Unilever?

Im vergangenen Juni zeigten die Proteste – über 11 000 Menschen aus aller Welt hatten ein Manifest zum Schutz des Gebiets unterschrieben – überraschenden Erfolg: PALMCI verkündete, die Rodungen zu stoppen und eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) einzuleiten. Die ist auch bitter nötig. Neben den Affenpopulationen bedroht das Ölpalm-Projekt zahlreiche Pflanzenarten, und es trägt zur globalen Erwärmung bei. Denn die Trockenlegung des Sumpfwalds setzt große Mengen an Treibhausgasen wie Kohlendioxid frei.

Von der UVP wollen PALMCI und Unilever nun abhängig machen, ob sie die Konzessionsrechte in Anspruch nehmen. „Wir haben der WAPCA und den lokalen Organisationen versichert, dass wir alles tun werden, um sicherzustellen, dass die Biodiversität des Waldes nicht geschädigt wird und bedrohte Tierarten geschützt werden“, beteuert Henning Rehder, Chef der deutschen Unilever-Tochter in Hamburg, in einem artigen Schreiben an die Protestierenden. Weiter verlautbarte der Konzern, er verpflichte sich, den gesamten Bedarf an Palmöl ab 2015 von Lieferanten zu beziehen, die für nachhaltigen Anbau zertifiziert sind.

Misstrauen unter den Naturschützern

Die Naturschützer indes trauen der Zusicherung Unilevers nicht. „Die Mär von einer nachhaltigen Palmölproduktion ist nichts als Etikettenschwindel“, kommentiert der „Rettet den Regenwald“-Vorsitzende Reinhard Behrend. Industrielle Ölpalm-Plantagen seien nicht nachhaltig, eine Zertifizierung ist deshalb nicht möglich. Unilever werde also weiterhin von der Ausweitung der umweltschädlichen und unsozialen Ölpalm-Monokulturen profitieren. Überdies befürchte die Uno die völlige Vernichtung der Wälder auf Sumatra und Borneo bereits für 2012. Die Zweifel an einer umweltverträglichen Lösung wachsen auch, weil der Konzern jüngst ankündigte, seine PALMCI-Beteiligung zu verkaufen. In den Verkaufsbedingungen werde festgelegt, dass „optimale Verfahren im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeitsprüfungen sicherzustellen seien“, so Unilever.

Abermals fehlt den Umweltverbänden der Glaube. Nach ihren Informationen sollen die Firmen Wilmar International sowie Olam International die Unilver-Anteile übernehmen. Diese Unternehmen aber, so ermittelten Greenpeace und die niederländische Milieudefensie, seien bei ihren bisherigen Aktivitäten in illegalen Einschlag und Handel von Holz sowie Korruption verwickelt gewesen, zudem seien sie für die Missachtung nationaler Forstgesetze sowie der Rechte indigener Völker bekannt. Gleichwohl will Unilever „Endabnehmer des Palmöls von PALMCI-Plantagen“ bleiben. „Statt die zerstörerische Abholzung endlich zu stoppen, versucht sich der Konzern jetzt lediglich aus der Verantwortung zu stehlen“, urteilt Reinhard Behrend.

Neue Form der Sklaverei?

Neben der Tierwelt bedroht das Ölpalmprojekt auch Tausende von Menschen rund um den Tanoé-Wald in ihrer Existenz. Sie leben von Fischfang, Jagd und dem Sammeln von Waldprodukten. Sie beteiligen sich laut „Rettet den Regenwald“ ebenfalls am Widerstand gegen die Plantagen.

Wird ihnen diese Lebensgrundlage genommen, können sie sich allenfalls als Plantagenarbeiter verdingen. Dann aber, fürchten die Naturschützer, ergehe es ihnen wie den Arbeitern in den Kaffee- und Kakaoplantagen der Elfenbeinküste, deren Früchte unter sklavereiähnlichen Verhältnissen geerntet werden. Inzwischen hoffen alle Beteiligten auf die UVP. „Wenn sie durchgeführt wird und die Firmen die Ergebnisse ernst nehmen“, so der Heidelberger Zoodirektor Wünnemann, „bleibt ihnen nichts, als das Projekt zu stoppen.“

Vertreibung? Oder neue Arbeitsplätze?

Der Tanoé-Wald ist nicht das einzige ökologische Kleinod, das durch Energiepflanzen gefährdet ist. In Kenia beschloss die Regierung, dass im Delta des Tana-Flusses auf einer Fläche von 22 000 Hektar Zuckerrohrplantagen angelegt werden dürfen zur Produktion von Bioalkohol und Zucker. Einer der vorgesehenen Absatzmärkte ist die EU, deren Bedarf an Biosprit durch die Beimischungsverpflichtung zu Mineralöl-Kraftstoffen steigt.

Geködert wurde die lokale Bevölkerung mit dem Versprechen, durch das Projekt entstünden 25 000 Arbeitsplätze. Die Gegenrechnung machten die Ökologen vom „Kenya Wetlands Forum“ auf: Nach ihren Erhebungen müssten bis zu 30 000 Menschen den Plantagen weichen, zudem würde das einzigartige Biotop des Deltas zerstört. Auch reiche dessen Wasser gar nicht aus, um die Anpflanzungen zu versorgen und noch genug für Fischer und andere Nutzer übrig zu lassen. Inzwischen aber stoppte ein kenianisches Gericht das Projekt, weil es gleich fünf Gesetze und die Verfassung des Landes verletzt.







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