AktuellNaturschutzprojekt auf Borneo
Hilfe für die UrwaldriesenVon Beate Kittl, F.A.Z., 2.9.0802. September 2008 , Borneo. Auf den ersten Blick wähnt man sich in einem intakten Regenwald. Lianen, Schlingpflanzen und Jungbäume mit großen, dunkelgrünen Blättern bilden ein unwegsames Dickicht. Der schlammige Boden ist dicht mit braunem Laub bestreut. Doch die Markenzeichen des Dschungels von Borneo - die alles überschattenden Urwaldriesen - sind rar geworden; zu Tausenden wurden sie aus dem Wald gezogen. Tiefe, schlammige Schleifspuren zeugen vom ihrem Abtransport. Wie vielerorts in Südostasien wurden auch in Sabah, dem malaysischen Teil Borneos, in den 1970er und 80er Jahren die Wälder schonungslos ausgeschlachtet. Hier im Kalabakan Forest Reserve vollendete 1983 eine Feuersbrunst die Zerstörung. Statt stolzer Urwaldriesen dominieren heute schnell wachsende Macaranga-Bäume und Würgepflanzen den Wald. "Die Region wurde wirklich leer geräumt", sagt der Forstwirt David Alloysius, der die Zerstörung von Sabahs Wäldern seit seiner Kindheit miterlebt. Hilfe für die Riesen Dieser botanischen Wüstenei will ein vom Möbelkonzern Ikea finanziertes Projekt neues Leben einhauchen: In Zusammenarbeit mit der Holzfirma Innoprise Corporation sollen die verlorenen Baumarten auf 140 Quadratkilometern wieder aufgestockt werden. "Es ist unser erklärtes Ziel, der Natur ihre Vielfalt zurückzugeben", sagt Alloysius, der das Projekt leitet. Es entstand, als der schwedische Forscher Jan Falck, der auf Borneo den nachhaltigen Holzschlag erkundete, auf den Ikea-Gründer Ingvar Kamprad traf. Jenen interessierten die Nöte der Urwaldriesen, auch wenn die Firma kein Holz aus der Region verwendet. Mit einem Startkapital von 750 000 Dollar, gestiftet von schwedischen Ikea-Kunden, begann 1998 die Wiederaufforstung. Ohne menschliche Hilfe haben die Urwaldriesen Borneos kaum eine Chance. Fast alle gehören zur Familie der Flügelnussgewächse (Dipterocarpaceae) und können einen Stammumfang von bis zu sechs Metern und eine Höhe von bis zu 80 Metern erreichen; sie bilden die oberste Kronenschicht des ursprünglichen Tieflandregenwaldes. Natürliche Flügelnussgewächswälder - die Heimat der Orang-Utans - sind die artenreichsten Landökosysteme Südostasiens, aber auch die am stärksten bedrohten: In Malaysia musste bereits mehr als die Hälfte dieser Wälder den Motorsägen weichen. Zwischen 1985 und 2000 wurde mehr Holz aus Borneo herausgezogen als aus Afrika und dem Amazonas zusammen. Warten im Schatten Die spezielle Biologie der Flügelnussgewächse erschwert ihre natürliche Regeneration. Sie blühen nur alle zwei bis zehn Jahre in einem sogenannten Mastjahr, wenn synchron Bäume diverser Arten gewaltige Mengen von Samen freisetzen. Statt als Samen im Boden zu überdauern, wie bei Bäumen unserer Breiten, keimen die Nüsse binnen weniger Tage aus und verharren als armlange Sprösslinge im Schatten. Je nach Art können sie da mehrere Jahrzehnte warten, bis eine Lücke im Blätterdach genügend Licht zum Wachsen bietet. Ihre harten, dunkelgrünen Blätter, randvoll mit Phenolen und anderen für Fressfeinde unverdaulichen Substanzen, sind perfekt an die Wartezeit im Dunkeln angepasst. Intensiver Holzschlag, wie er in Sabah betrieben wurde, fügt den Flügelnusswäldern verheerenden Schaden zu. Er entfernt nicht nur die fortpflanzungsfähigen Bäume, zudem zerstören Bulldozer und fallende Bäume auch die Setzlingsbanken, aus denen die Riesen nachwachsen sollten. "Der Holzschlag löscht die Flügelnussgewächse so gut wie aus", erklärt Glen Reynolds, der die benachbarte Danum-Valley-Feldstation leitet. Es könne Jahrhunderte dauern, bis solch ein Wald nachwächst. Lernen von den lokalen Förstern Das Aufforstungsprojekt leistet Schützenhilfe, indem es die verlorenen Schösslinge ersetzt. "Die Idee ist es, die natürliche Erholung des Regenwalds zu beschleunigen", sagt Jan Falck, Dozent an der schwedischen Landwirtschaftsuniversität, der das Projekt wissenschaftlich begleitet. Diese Methode heißt Anreicherungsanpflanzung ("Enrichment Planting") und ist von den Förstern der Region abgeschaut, die damit seit langem ihre Produktionswälder für einen späteren Holzschlag aufstocken. Nachwuchs wird in großen Baumschulen gezüchtet: Nach einem Massenblühen in einer Region, wo die Flügelnussgewächse noch vorkommen, sammeln die Arbeiter Tausende von Samen und Keimlinge ein und ziehen sie in Töpfen auf. Unter schwarzen Schattennetzen, die das Dunkel des Waldes simulieren und so das Wachstum hemmen, warten in der Kinderstube des Projekts derzeit 100 000 meterhohe Setzlinge auf ihre Verpflanzung ins Freie. In Linien und Lücken Auf den alten, schlammigen Holzfällerwegen rumpeln die Schösslinge dann im Pickup-Wagen in ihre neue Heimat. Diese liegt in der Holzkonzession der staatlichen Sabah Foundation, ein Gebiet halb so groß wie das Bundesland Rheinland-Pfalz. "Es soll eine Waldinsel in einer holzwirtschaftlich genutzten Region werden", sagt der Dschungelveteran Alloysius, der seit 19 Jahren für die Sabah Foundation arbeitet. Von Hand schleppen die Forsthelfer die Jungbäume in den Dschungel und pflanzen sie - zu experimentellen Zwecken - in zwei Methoden an: Bei Linienpflanzung befreien sie zwei Meter breite Schneisen vom Unterholz und setzen alle drei Meter einen Schössling. Die Linien sind leicht zu warten, haben aber den Nachteil, dass Elefanten sie gern als Wildwechsel nutzen. Für die etwas naturnähere Lückenpflanzung werden in unregelmäßigen Abständen vier Meter große Lücken gelichtet, in die je drei Bäume kommen. Neben Flügelnussgewächsen sind dies auch Fruchtbäume wie wilde Mangos, die Vögel und andere samenverbreitende Tiere anlocken sollen. Etwa 60 bis 80 Prozent der Setzlinge überleben, wobei die Linien-Pflanzmethode etwas besser abschneidet. Bisher wurden 8200 Hektar aufgestockt, das entspricht etwa der Fläche des Chiemsees. Das klingt nach wenig, doch der Aufwand ist enorm: Zehn Jahre lang hegen 130 Forsthelfer die Jungbäume im unwegsamen Dschungel, wo der Regen Pfade in Schlammbahnen verwandelt, wo Hitze, Blutegel und Krankheiten übertragende Moskitos herrschen. Einer der Männer, Jecklis, kappt mit der Machete eine Liane. Sein T-Shirt ist schweißdurchtränkt, seine langen Socken, die er gegen Blutegel trägt, mit Schlamm besudelt. "Man muss Lianen an zwei Stellen abschneiden", erklärt er, "sonst wachsen sie wieder zusammen." Auch die Macaranga-Bäume stören seine Baumschützlinge, also schält er kurzerhand einen Streifen Rinde rund um den Stamm weg, die Bäume sterben dann langsam ab. Stolz zeigt Jecklis hingegen die ersten seiner liebevoll umsorgten Meranti-Bäume, die nach zehn Jahren bereits rund 15 Meter hoch gewachsen sind. Wissenschaftliche Begleitung Langfristige ökologische Rehabilitationsprojekte in großem Stil sind noch immer selten. Die bisher zugesicherten Gelder von jährlich rund 750 000 Dollar garantieren die Zukunft des Projekts bis mindestens 2023. Ungewöhnlich ist auch, dass ein Naturschutzprojekt eines Weltkonzerns und einer Holzschlagfirma wissenschaftlich begleitet wird. "An der unabhängigen Überprüfung der Resultate mangelt es oft bei solchen Projekten", sagt die Aufforstungsexpertin Robin Chazdon von der Universität Connecticut. "Kaum jemand untersucht Vögel, Insekten oder Säugetiere, um zu sehen, ob das Projekt einen Unterschied macht." Doch lässt sich ein Meisterwerk wie ein tropischer Regenwald, einmal zerstört, von Menschenhand wirklich wieder aufbauen? Das hängt stark vom Zustand des Waldes ab - und davon, welche Ziele verfolgt werden. "Wenn der Bestand zu sehr zerstört wurde, wächst auch in tausend Jahren kein echter Regenwald mehr nach", sagt Andreas Schulte vom Wald-Zentrum der Universität Münster. "Dann machen Rehabilitationsmaßnahmen Sinn." Waldrettung kann funktionieren Viele Wege führen zum funktionstüchtigen, wenn auch nurmehr zweitklassigen Waldökosystem. Dazu können sogar die verteufelten Monokulturen - richtig eingesetzt - beitragen. In Vietnam ließ die Regierung die Berge, die durch Agent Orange und illegale Holzfäller entwaldet und von Gras überwuchert waren, mit importierten Akazien aufforsten. In ihrem Schatten siedelte sich eine Vielzahl heimischer Urwaldbäume an; der Verkauf des Akazienholzes deckte die Kosten. Auch Nichtstun kann eine Strategie sein: In Puerto Rico eroberte der Dschungel innerhalb von 40 Jahren stillgelegte Kaffeeplantagen und Rinderweiden zurück - mit einer Biomasse, Baumdichte und Artenvielfalt, die sich kaum von denen der ursprünglichen Wälder unterscheiden. Die Waldrettung kann also funktionieren, aber immer nur in Grenzen: "Die von Menschen gepflanzten Wälder sind nur ein Abklatsch der ursprünglichen Wälder", sagt Robin Chazdon. Auf keinen Fall könne die Aufforstung den Schutz der letzten unberührten Dschungelgebiete ersetzen. "Doch gewisse Funktionen des Waldes können durchaus wiederhergestellt werden." So können gepflanzte Bäume Futter für bedrohte Tierarten liefern, die oberste Kronenschicht als Heim für Orchideen oder Vögel wiederherstellen oder Klimagase absorbieren. Ölpalmplantagen verstärken den Druck Im Kalabakan Forest Reserve haben die Bäumepflanzer Glück, dass nur 50 Kilometer entfernt das Maliau-Basin-Schutzgebiet liegt, das auch "Sabah's Lost World" genannt wird: unberührte Regenwälder auf einer bodenseegroßen Fläche. Dicht an dicht stehen hier Jungbäume Hunderter Arten und warten darauf, dass ein fallender Baum den Weg zum Licht öffnet. Dazwischen stehen in großen Abständen die majestätischen Urwaldriesen, die den Wald in tiefe Düsternis tauchen; aus einer einzigen ihrer Brettwurzeln könnte man eine ganze Hauswand sägen. Das Maliau Basin ist mit dem Wiederaufforstungsprojekt durch einen ein Kilometer breiten Korridor verbunden. Büffel, Sambar-Hirsche, Elefanten und sogar die seltenen Nebelparder würden ihn rege benützen, so Projektleiter Alloysius. Die größte Katastrophe für Borneos Gibbons und Co. ist aber nicht nur der Holzeinschlag, sondern vor allem der um sich greifende Kahlschlag, den die Nachfrage nach Biodiesel mit sich bringt. Auch in der Sabah Foundation nimmt der Druck zu, die bereits ausgeschlachteten Wälder nicht zu renaturieren, sondern in Ölpalmplantagen umzuwandeln. "Zumindest unser Gebiet ist für die nächsten 50 Jahre vor den Motorsägen geschützt", sagt Alloysius. "Wir können in dieser Zeit einen guten Wald produzieren." Im besten Fall einen so guten Wald, dass er zur Zuflucht für Nashörner und Nebelparder wird, und vielleicht sogar für einige Orang-Utans. » zurück |
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