AktuellKinofilm über bras. Indigene
Kampf der WeltenPreisverdächtig: Marco Bechis Drama "Birdwatchers" beim Filmfestival in VenedigVon Dominik Kamalzadeh, Der Standard, 3.9.08 Welchen Eventualitäten die Programmierung eines Festivals auch unterworfen ist - dieses Jahr kommt man nicht so recht dahinter, was Direktor Marco Müller zu seiner Auswahl bewogen hat. Im Katalog beschwört er mit dem Philosophen Gilles Deleuze die Kraft des Neuen, die dem Kino aus der Erkundung unbekannter Territorien erwächst. Und er weist auf Ungleichzeitigkeiten hin, die zwischen dem Westen und anderen Weltregionen herrschen: Wo die Moderne für die einen als überwunden gilt, ist sie bei anderen nie angekommen. Im Wettbewerb gab es bisher nur einen Film, der diese Differenzen zu seinem Gegenstand erklärte und zwei Welten aneinandergeraten ließ: Birdwatchers vom chilenisch-italienischen Regisseur Marco Bechis, dem man auch den Gewinn des Goldenen Löwen zutrauen würde. Schon der Beginn hebelt gewohnte Betrachtungsweisen von Kulturen auf geschickte Weise aus: Ein Boot treibt durch den brasilianischen Dschungel, weiße Touristen blicken gebannt aufs Ufer, von wo die eingeborenen Guarani-Kaiowá finster zurückstarren, sogar Warnpfeile abschießen. Doch die nächste Einstellung kehrt die Situation bereits um. Da sieht man nämlich, wie die Eingeborenen für ihre Rolle bezahlt werden. Marco Bechis geht es in Birdwatchers um mehr als eine dramatische Konfrontation zwischen Eroberern und Eroberten. Solche Oppositionen löst er eher auf, um sie auf einer abstrakteren Ebene wieder in Gang zu setzen. Weil sie in ihrem Reservat nicht mehr leben wollen - immer mehr der Guarani-Kaiowá suchen den Freitod -, beschließt eine Gruppe auf ihr früheres Land zurückzukehren, auf dem mittlerweile in großem Stil gewirtschaftet wird. Die Ankömmlinge sind also unerwünscht, halten aber an ihrem Vorhaben fest. Was den Film so beeindruckend macht, sind seine differenzierten Beobachtungen und Verschiebungen. Das kulturelle Nebeneinander wird im Bild manifest - im Blick auf den jeweils anderen -, aber auch zunehmend unreiner. Die Rückeroberung wird wie ein Schachspiel geführt, bei dem es Verhandlungsraum gibt. Die Eingeborenen erweisen sich als gewiefte Taktiker, gerade den Frauen kommt eine wichtige Rolle zu. Trotzdem erzählt Bechis von Unvereinbarkeiten, die irgendwann eskalieren. Auch in Nuit de Chien, dem ersten Film des deutschen Film- und Opernregisseurs Werner Schroeter seit sechs Jahren, geht es um das Aufbäumen gegen Fremdherrschaft, allerdings wählt er die Form einer apokalyptischen Ode (basierend auf einer Vorlage des Uruguayaners Juan Carlos Onetti). Ossario, ein älterer Soldat, kehrt auf der Suche nach seiner einstigen Geliebten in jene Stadt zurück, aus der gerade jeder erfolglos zu flüchten versucht. An Cholera Erkrankte torkeln durch die Gassen, eine Junta regiert mit eiserner Faust. Schroeter ist freilich ein Regisseur, der der Dekadenz durchaus etwas abgewinnen kann, weil sie Wertesysteme aufknackt. Im Chaos kann er nach den Leidenschaften forschen, die hier direkter, ungestümer an die Oberfläche drängen. Der Film bannt diese Kräfte jedoch zu sehr durch seine ostentative Künstlichkeit, die ein wenig anachronistisch wirkt: Thomas Plenerts Kamera bewegt sich mit Ossario durch bühnenhaft barocke Settings, die manchmal zu wundersamen Stillleben einfrieren. Der Suchende kommt seinem Ziel dabei nicht wesentlich näher, sondern stößt nur immer tiefer ins Machtzentrum einer mysteriösen Welt vor, die Schroeter der richtigen wie die Glaskugel eines Hexers entgegenhält. Die Indios fahren per Jeep in eine ungewisse ZukunftArbeiten aus Italien, Deutschland und der Türkei sind die ersten FavoritenVon Rüdiger Suchsland, Mitteldeutsche Zeitung, 2.9.08 Venedig/MZ. Das Filmfestival von Venedig hat seinen ersten Favoriten auf einen Goldenen Löwen. "Bird Watchers" von Mario Bechis, einem 1955 in Chile geborenen, in Brasilien und Argentinien aufgewachsenen Regisseur mit argentinischem und italienischem Pass. Sein Film spielt im brasilianischen Dschungel: In der ersten Szene fährt ein mit Weißen besetztes Boot auf einem Fluss, es wird fotografiert - offenbar sind Ethnologen oder Touristen an Bord. Barocker Chorgesang Plötzlich sieht man auf der einen Flussseite eine Gruppe von Indios, auch Frauen und Kinder. Nur ein Lendenschurz bedeckt ihre Haut, die bunt und fremdartig bemalt ist. Die Begegnung zweier unvereinbarer Welten, so scheint es. Bedrohung liegt in der Luft. Dann gehen die Indios in das Urwalddickicht zurück, barocker Chorgesang setzt ein. Paradiesische Ursprünglichkeit, doch plötzlich zieht sich der erste Indio ein T-Shirt über, ein Jeep wartet hinter dem Gebüsch, und eine Indiofrau erhält ein paar Geldscheine in die Hand gedrückt. Ein listiger Anfang, weil er unsere Erwartungen konterkariert, mit Klischees vom edlen Wilden bricht. Schon das nächste Bild zeigt ein Indiomädchen, das zu Popmusik Tanzschritte übt. Die Indios von heute haben Plastikfolien über ihre Hütten gezogen, haben Mobiltelefone und Depressionen, weil ihnen das Leben im Reservat keinerlei Perspektive bildet. "Bird Watchers" erzählt von einer Indiogruppe, die das Dorf verlässt, und auf ihr ursprüngliches Land zurückkehrt. Das gehört längst einem Großgrundbesitzer, und so mischt der Film realistisches Politkino mit der Tradition der Landnahme-Western aus Hollywood. Auch hier gibt es Streit und Austausch zugleich: Ein Indiojunge verguckt sich in die Tochter des Grundbesitzers, allmählich eskaliert der Konflikt, Insektizide werden auf Indios gespritzt, es wird geschossen, und am Ende, natürlich, müssen die Indios weiterziehen. Ein beeindruckender Film. Der Deutsche Werner Schroeter, der 1990 mit "Malina" zuletzt fürs Kino gearbeitet hatte, legt jetzt "Nuit et chien" nach einer Novelle des Uruguayers Juan Carlos Onetti vor. Es ist ein unverwechselbarer Schroeter geworden: Stilisiert, melodramatisch und hochgradig artifiziell. Die Handlung dreht sich um ein faschistisches Regime, vermutlich in Lateinamerika. Der Film lässt sich am ehesten als Paranoia-Thriller mit Anspielungen auf Grimms Märchen begreifen. Künstler oder Bauer? Ein Löwen-Anwärter dürfte Semih Kaplanoglu sein. Der türkische Regisseur legte mit "Milk" den zweiten Teil einer Trilogie vor (der erste lief 2007 in Cannes): Ein junger Mann ist zerrissen zwischen dem Wunsch, als Künstler Erfolg zu haben, und dem, sich seinen Freunden und Verwandten nicht zu entfremden, die ein einfaches Bauernleben führen: Gerettet wird er von der Poesie und von der Liebe - ein ruhig erzählter Film, gelegentlich unterbrochen durch Slapstick-Momente und mythische Symbole. » zurück |
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