AktuellNebelparder auf Borneo
Nebelpardern auf der SpurTiere erforschen, die man fast nie zu Gesicht bekommt? Der Biologe Andreas Wilting berichtet, wie das auf Borneo funktioniert – als Artendetektiv im RegenwaldWWF-Online, 10.9.08 Nur noch höchstens 2.500 Nebelparder leben in den Regenwäldern auf Borneo. Heute wissen wir: Die Inselkatzen sind eine eigene Art. Mit Unterstützung des WWF erforscht sie der Wissenschaftler Andreas Wilting vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im malaysischen Bundesstaat Sabah mit detektivischen Methoden. WWF: Nebelparder sind vor allem nachts unterwegs, sind sehr gut getarnt und darüber hinaus noch ausgesprochen selten. Ist es da nicht sehr schwierig, Nebelparder in der Wildnis zu erforschen? Wilting: Leider lassen sie sich im Regenwald nicht so einfach beobachten wie zum Beispiel Löwen in der afrikanischen Savanne. Ich selbst habe auch erst zweimal einen Nebelparder zu Gesicht bekommen, jeweils auf einer nächtlichen Forschungstour mit einem Suchscheinwerfer – was bei über 200 Nachtuntersuchungen natürlich nicht gerade häufig ist. WWF: Welche Methoden setzt Du ein? Wilting: Aufgrund der zurückgezogenen Lebensweise der Nebelparder und der Schwierigkeit, sie aufzuspüren, gehen wir hauptsächlich auf Spurensuche. Jeden Tag gehen zwei unserer Forschungsassistenten auf Straßen oder alten Holzfällerwegen entlang, um nach Abdrücken und Kot der Tiere zu suchen. Denn Nebelparder scheinen diese Wege einem dichten Regenwald vorzuziehen. Außerdem bleiben hier ihre Spuren eher erhalten, denn im Wald bedecken Blätter den Boden und Kot wird sofort von Käfern weggetragen. Die Spuren fotografieren wir mit einem speziell konzipierten Gerät, das uns erlaubt, die Konturen der Spuren durch Veränderung der Lichtverhältnisse zu betonen. Später werden wir mithilfe dieser Fotos versuchen, 3D-Modelle von jeder Spur zu erstellen. Unsere bisherigen Untersuchungen zeigen, dass es uns bald vielleicht sogar möglich sein wird, individuelle Nebelparder anhand ihrer Spuren zu identifizieren – am persönlichen Tatzenabdruck. Die gesammelten Kotproben werden für spätere genetische Untersuchungen verwendet. Mit denen werden wir wiederum versuchen, einzelne Nebelparder anhand ihres genetischen Fingerabdrucks zu unterscheiden. WWF: Welche Rolle spielen die Fotofallen? Wilting: Sowohl die Spuren als auch die genetischen Kotuntersuchungen erlauben uns die Anzahl an Nebelpardern im Untersuchungsgebiet nur ungefähr abzuschätzen, da sie sich auf die Straßen beschränken. Für eine genaue Abschätzung benötigen wir deshalb Fotofallen. Sie sind zurzeit wohl die einzige Methode, um einen Einblick in das Leben im Regenwald zu bekommen und somit unsere wichtigste Methode. Diese digitalen Kameras werden von einem Wärme- und Bewegungsmelder ausgelöst. Sobald sich also ein Tier der Kamera nähert, wird ein Foto gemacht. Anhand ihrer individuellen Fellzeichnung können wir verschiedene Nebelparder auf den Bildern unterscheiden und somit relativ genau deren Anzahl in unserem Untersuchungsgebiet abschätzen. Fotofallen bieten den weiteren Vorteil, dass auch viele andere, zum Teil stark gefährdete Arten, fotografiert werden. So konnten wir zum Beispiel eines der ersten Kamerafallenfotos einer Flachkopfkatze, einer weiteren stark gefährdeten Katzenart, machen. Daneben erhalten wir auch Fotos von potenziellen Beutetieren des Nebelparders. Und wir erhalten Informationen, zu welcher Tageszeit welche Arten aktiv sind. WWF: Wie kann man Fotofallen einsetzen, wenn Nebelparder sich hauptsächlich auf Bäumen fortbewegen? Wilting: Diese Annahme scheint nicht zu stimmen. Sie beruhte hauptsächlich auf Beobachtungen von Nebelpardern in Zoos. Es gibt auch immer wieder Hinweise oder Beobachtungen, dass sie auf Bäumen Affen jagen. Aber dennoch scheinen sich Nebelparder wie alle anderen Großkatzen meist am Boden fortzubewegen. Vermutlich aber bevorzugen sie Bäume zum Ausruhen. Deshalb übrigens trägt der Nebelparder in Malaysia und Indonesien auch den Namen „harimau dahan“, was soviel heißt wie „Ast-Tiger“. WWF: Der Nebelparder Neofelis diardi auf Borneo und Sumatra wurde erst 2006 als eigene Art erkannt. Worin genau unterscheidet er sich vom festländischen Neofelis nebulosa? Wilting: Der Sunda- oder Sundaland-Nebelparder, wie die neue Art genannt wird, unterscheidet sich äußerlich hauptsächlich in der Färbung und der Größe der wolkenartigen Strukturen auf dem Fell. Sundaland-Nebelparder sind etwas dunkler gefärbt und die „Wolken“ sind meist kleiner und beinhalten mehr schwarze Punkte als die „Wolken“ ihrer festländischen Verwandten. Der Grund zur Aufspaltung in zwei Arten liegt allerdings eher in den sehr eindeutigen genetischen Unterschieden. So konnten wir mit unseren Untersuchungen zeigen, dass sich die beiden Nebelparderarten im gleichen Maße genetisch unterscheiden wie zum Beispiel Jaguar und Tiger. WWF: Welche weiteren neuen Erkenntnisse hast Du gewonnen? Wilting: Während unserer letzten Untersuchungen konnten wir anhand der Spurenanalyse herausfinden, das dort etwa neun Nebelparder auf 100 Quadratkilometer leben. Da diese Abschätzung jedoch noch relativ ungenau ist, erhoffen wir uns mithilfe der jetzt eingesetzten Fotofallen präzisere Abschätzungen der Populationsdichte. Außerdem konnten wir zeigen, dass im malaysischen Bundesstaat Sabah ein Großteil des Verbreitungsgebietes von Nebelpardern in weiträumigen, kommerziell genutzten Waldgebieten liegt. Die Schutzgebiete in Sabah sind leider schon zu klein und fragmentiert für einen langfristigen Schutz von Nebelpardern. Deshalb haben wir in unseren jetztigen Untersuchungen einen Schwerpunkt auf diese kommerziell genutzten Waldgebiete gelegt. Nur wenn es uns gelingt, sie naturnah zu bewirtschaften, können Nebelparder auch langfristig geschützt werden. WWF: Und wie kann man Nebelparder gezielt schützen, was tut der WWF? Wilting: Der Schutz großer Waldflächen im Herzen Borneos, der auf WWF-Initiative zustande kam, kommt auch der dortigen Population an Nebelpardern zugute. Denn sie benötigen wie alle Großkatzen großflächige Gebiete. Daneben engagiert sich der WWF seit diesem Jahr auch aktiv in der Erforschung des Nebelparders, um mehr über die Lebensweise und die Ansprüche des scheuen Tieres in Erfahrung zu bringen. Wegweisend daran: Unsere Forschungsergebnisse können direkt in Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Darüber hinaus muss natürlich auch dafür gesorgt werden, dass die Wälder nachhaltig nach den Kriterien des FSC genutzt werden. Die WWF-Kollegen auf Borneo arbeiten gezielt an diesem Thema. WWF: Wie wird man Nebelparderforscher? Wilting: Nach wochelangen Untersuchungen im Regenwald ohne eine Spur vom Nebelparder habe ich mir diese Frage auch immer wieder gestellt. Wieso Nebelparder und nicht irgendeine Art, die man auch einmal zu Gesicht bekommt? Ich glaube der Grund lag in der Herausforderung, sich einer Art zu widmen, über die noch fast nichts bekannt ist. Außerdem sind Nebelparder eine der charismatischsten Katzenarten. Allein ihre Kletterfähigkeiten sowie ihre extrem langen Eckzähne, die schon fast an Säbelzahnkatzen erinnern, sind für mich beeindruckend. Die Fragen stellte Donné Norbert Beyer » zurück |
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