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Rinderzucht im Amazonas-Regenwald

Lieber Rinderzucht als Regenwald

Von Wolfgang Kunath, Frankfurter Rundschau, 12.9.08

Nanci Rodrigues da Silva verschwindet fast hinter den grünen Aktenbergen auf ihrem Schreibtisch. Rodrigues ist Direktorin der Naturschutzbehörde Ibama und damit auch zuständig für das 2500 Quadratkilometer große Waldschutzgebiet Bom Futuro. Der brasilianische Umweltminister hat jüngst als Beispiel für das Versagen staatlicher Naturschutzpolitik Bom Futuro erwähnt. Und, fahren die Ibama-Ranger eigentlich regelmäßig in das fragliche Gebiet? "Nein, nein, auf keinen Fall", wehrt die Direktorin hinter ihrem Papiergebirge ab. Die Motorsägen führen Krieg, und die Naturschützer gehen nicht mal hin?

Den Ibama-Leuten ist die Lust seit dem Jahr 2004 vergangen, erklärt Nanci Rodrigues. Da wollten sie Recht und Ordnung wiederherstellen in dem Wald, der heute zu etwa einem Drittel abgeholzt und in Farmland verwandelt ist. Aber sie stießen auf erbitterten Widerstand. Aufgebrachte Kleinbauern, die sich in ihrer Existenz bedroht sahen, umzingelten rund 80 Polizisten und 20 Ibama-Leute. Die Vertreter der Staatsmacht wurden festgesetzt, mit Knüppeln und Gewehren bedroht und aus dem Wald nach Buritis getrieben, in eine dieser Städte, die aus lauter Sägewerken bestehen.

Der Bundesstaat Rondônia an der Grenze zu Bolivien ist Brasiliens Wilder Westen. Richtig entwickelt hat sich die Gegend von der Größe der alten Bundesrepublik erst in den 70ern, als die aus dem Süden kommende Landstraße gebaut wurde. Da zogen Bauern vor allem aus dem dicht bevölkerten Süd-Brasilien in die damals noch kaum erschlossene Gegend. Rondônia wird im Fischgrät-Muster gerodet und besiedelt: Von der Straße werden Nebenwege parallel in den Busch geschlagen. Die Bundesstraße, die Rondônia von Südwesten nach Nordosten durchquert, ist für den Bundesstaat die Achse der Entwicklung wie auch die Achse der Zerstörung.

Überall Spuren der Zerstörung

Holz, Rinder und Kaffee sind die wirtschaftliche Basis in einem Landstrich, in dem die Menschen noch am eigenen Leib die Erfahrung gemacht haben, dass der Sieg über die Natur die Voraussetzung für Aufschwung und Entwicklung ist. Umweltschutz ist hier eine exotische, von außen aufgezwungene Idee. Ivo Cassol, Gouverneur Rondônias und Viehzüchter großen Stils, ist für den Satz bekannt, wenn er die Wahl habe zwischen Affen im Wald und Menschen im Wald, dann würde er sich für Menschen entscheiden.

"Sollen sie doch andere Wälder als den Bom Futuro erhalten", sagt auch Juvenil Sena, "es gibt doch noch so viele." Juvenil will bei den Wahlen im Herbst Stadtrat in Alto Paraíso werden, einer im Rauch der brennenden Sägewerke-Abfälle fast verschwindenden Kleinstadt östlich des Bom-Futuro-Waldes. "Juvenil - die Stimme des Volkes", steht an seinem Auto.

Im Rathaus von Alto Paraíso hatte er einer Zeitung ein Eselsohr abgeknickt, um zu zeigen, wie winzig der abgeholzte und wie riesig der intakte Teil des Staatswaldes sei. Nun hat er sein Auto auf der Holzbohlen-Brücke über den Rio Candeiras angehalten, ein träger, grüner Fluss eine Autostunde von Alto Paraíso entfernt: Hier beginnt der Staatswald. Und Juvenil wettert, wie ungerecht es wäre, die Leute hier hinauszutreiben: "Die sind ehrlich und arbeitsam, wenn die wegsollen, müssen sie doch kriminell werden!"

Der Rio Candeiras mag theoretisch die Grenze zwischen Agrarland und Naturland sein. Aber hüben und drüben sieht es gleich aus. Bis zum Horizont reichen die Spuren der Zerstörung: überflutete Flächen, Viehweiden mit den ausgebleichten Stämmen gefällter, wertloser Bäume, hastig hingehauene Häuser.

Anders als in anders definierten Naturschutzgebieten ist im Staatsforst, der floresta nacional, "nachhaltige Nutzung" erlaubt. Man dürfte also aufgrund eines Wirtschaftsplans bestimmte Bäume entnehmen, und die traditionell dort wohnende Bevölkerung könnte zum Beispiel Honig sammeln oder jagen. Aber im Bom Futuro ist seit der Ausweisung 1988 nie ein Wirtschaftsplan aufgestellt worden.

Stattdessen begann, "orchestriert von Bodenspekulanten, Landräubern, Holzfällern und Lokalpolitikern im Jahr 2000 die unverfrorene Invasion des Staatswaldes Bom Futuro", heißt es in einem Bericht amazonischer Umweltschützer. Satellitenfotos zeigten 1995 einen intakten Baumbestand. 2007 waren 788 der 2490 Quadratkilometer verschwunden - also mehr als nur ein Eselsohr.

Tausende Menschen leben im Bom Futuro, zum Beispiel in Rio Pardo im Westen des Waldes, einer Kleinstadt mit Schulen, Kirchen, Läden und Tankstelle. Oder in Hunderten von weit verstreuten Gehöften. "Ich bin glücklich und zufrieden hier", sagt der 42-jährige Gilson, der vor elf Jahren gekommen ist. Das Haus, in dem er mit seiner Familie wohnt, ist funkelnagelneu und von unten bis oben hellgrün gefliest und gestrichen. In der Schrankwand stehen Fernseher und DVD neben einem Bild von Schloss Neuschwanstein, und "wenn Gott will, installiere ich nächstes Jahr eine Klimaanlage". Der Preis für Milch ist hoch und für Kaffee bekommt er heute sogar sechsmal so viel wie vor zwei, drei Jahren. 150 Hektar hat Gilson - in Brasilien gilt das als Kleinbetrieb - und einen Großteil davon selber gerodet.

Der politische Wille fehlt

Das alles aufgeben zu müssen, bloß weil "mein Land" illegal ist - unvorstellbar für ihn. "Ich geh' hier nicht mehr weg - Mann, wir haben früher in der Favela gelebt!", sagt er erbost. Dass er mitten im Staatswald gesiedelt hat, das will er erst vier Jahre später erfahren haben. Und so äußern sich auch seine Nachbarn: Gutes Land sei es, düngen sei überflüssig, findet etwa Nilton, 51, der für seine 282 Hektar umgerechnet etwa 26 000 Euro bezahlt hat, ohne Besitztitel und Grundbucheintrag. "Ein Makler sagt ja nie die Wahrheit", meint er - dass alles illegal war, hat er erst erfahren, als er schon bezahlt hatte.

Juvenil Sena, der angehende Stadtrat, will weismachen, dass es im Bom Futuro keine Großgrundbesitzer gebe; so kann er die Forderung, den Staatswald einfach in normales Land umzuwidmen, als soziale Maßnahme verkaufen. "Die Großen verstecken sich hinter den Kleinen", sagt Ibama-Beamtin Nanci Rodrigues, und Siedler wie Nilton und Gilson wissen zu erzählen von den riesigen, zwei-, dreitausend Hektar großen Farmen, auf denen ein paar Angestellte die Rinderzucht reicher Leute aus der Stadt verwalten. Bundes-, Landes-, Kommunalparlamentarier, Staatsbeamte, selbst höhere Polizeibeamte besitzen Fazendas im Bom Futuro, sagt Rogério Vargas vom Umweltschutzverein Mapinguari, der früher bei Ibama gearbeitet hat.

Es fehle der politische Wille, Bom Futuro zu schützen, heißt es immer wieder - kein Wunder, wenn in Rondônia der Bock zum Gärtner gemacht wird. Der Bundesstaat hat eine in Brasilien einzigartige Tradition, ausgewiesene Naturschutzgebiete durch Parlamentsbeschluss und ohne das vorgeschriebene Umweltgutachten drastisch zu verkleinern. So wurden in nur acht Jahren über 21 000 Quadratkilometer Naturschutz-Zonen in normales Land umgewidmet.

Höheren Ortes scheint der politische Wille auch nicht sehr ausgeprägt zu sein. In Brasilien erregt man sich gern über die Kritik des Auslands an der Waldvernichtung. Doch was passiert? Gerade wurde ein über 200 Milliarden Euro schweres Infrastrukturprogramm aufgelegt - doch an Geld für den Schutz des Waldes fehlt es weiterhin. Umweltminister Carlos Minc hat kürzlich kleinlaut eingeräumt, dass über die Hälfte der 299 Naturschutzzonen des Landes nicht überwacht und drei Viertel nicht angemessen verwaltet werden.







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