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Neue Amazonas-Ameisenart

Montag, 15. September, 23:05 Uhr

Deutsche finden fremdartige Raubameise

Washington/Karlsruhe (dpa) - Karlsruher Forscher haben im brasilianischen Regenwald die primitivste lebende Ameise gefunden. Das Tier erschien ihnen so fremd, als stamme es von einem anderen Planeten.

Daher wählten sie den Namen Martialis heureka - etwa: «Hurra, ich habe die gefunden, die vom Mars stammt». Nach einem Gentest - die DNA dafür stammte aus dem rechten Vorderbein - wurde die neue Art in eine eigene Unterfamilie geordnet. Das blasse und blinde Insekt lebt unterirdisch und schnappt mit langen, pinzettenartigen Zangen nach der Beute.

Die Insektenkundler Christian Rabeling und Manfred Verhaagh berichten in den «Proceedings» der US- Akademie der Wissenschaften («PNAS», online vorab veröffentlicht) über ihren Fund.


Die Alien-Ameise vom Amazonas

VonThilo Resenhoeft/DPA, 16.9.08

Das fahle Insekt mit langen Greifzangen wirkt so fremd, dass Biologen sie als "Ameise vom Mars" bezeichnen: Im Amazonas-Dschungel haben deutsche Forscher eine blinde Ameisenart gefunden. Die Entdeckung war ein Wissenschaftskrimi.

Christian Rabeling entdeckte das bisher einzige, nur drei Millimeter lange Exemplar einer neuen, räuberischen Ameisenart im Amazonasgebiet. Fünf Jahre zuvor hatte sein Kollege Manfred Verhaagh, Insektenkundler in Karlsruhe, schon einmal zwei Exemplare in einer Bodenprobe gefunden - aber diese wurden zerstört. Nun, zum glücklichen Ende der doppelten Entdeckungsgeschichte, beschreiben beide Forscher die neue Art "Martialis heureka" im Wissenschaftsmagazin "PNAS".

Imperium der Winzlinge

Der aus dem griechischen entlehnte Artname illustriert die Fremdartigkeit - martialis heißt "vom Mars kommend" oder "zum Mars gehörend". Heureka steht für "Ich hab's gefunden!", und das gilt im doppelten Wortsinn: Verhaagh hatte vor seinem Kollegen zwei Exemplare der Tiere im Amazonas-Tiefland entdeckt. Sie trockneten allerdings aus und klebten in ihrem Glasröhrchen fest. Beim Rettungsversuch im Labor eines Kollegen sollten die Tiere durch ein Ultraschallbad wieder freikommen. Leider zerlegten sie sich dabei in feine Ameisenbrösel. "Dass überhaupt ein weiteres Exemplar gefunden wurde, war wie ein Lotto-Treffer", sagt Verhaagh. Die drei Millimeter kleinen Insekten sind im Erdboden kaum zu finden.

Erbgut aus dem rechten Vorderbein

Das Tier, der sogenannte Holotyp, wird heute im Museum für Zoologie der Universität São Paulo verwahrt. Die genetische Analyse des augenlosen Weibchens - es gehört zur Kaste der sterilen Arbeiterinnen - erforderte Feingefühl: Das rechte Vorderbein wurde entfernt, um die DNA daraus zu extrahieren. Die daran befindlichen Muskeln versprachen noch am ehesten Erfolg, berichtet Verhaagh.

Aus der DNS ließ sich die Abfolge von drei Genabschnitten lesen, um sie mit jenen von anderen Ameisen zu vergleichen. Zusammen mit dem Körperbau ergaben sich daraus so viele Unterschiede, dass das neue Insekt nun - alleine - in die neue, 21. Unterfamilie der Ameisen einsortiert wurde. Es ist seit 85 Jahren die erste neue Unterfamilie, die für lebende Ameisen geschaffen werden musste.

Über Lebensweise und Verhalten der blinden Ameisen im lehmigen Untergrund ist wenig bekannt, aber sie krabbeln vermutlich unter dem Laub und in verrottendem Holz, etwa hohlen Wurzeln. Vielleicht kommen sie im Schutz der Dunkelheit auch zum Fressen ins Freie. Die langen, filigranen und pinzettenartigen Mundwerkzeuge - sie sind im Reich der Ameisen ebenfalls ohne Beispiel - könnten zum Herausziehen weicher Beute-Organismen wie Insektenlarven oder Würmern aus deren Behausungen dienen, spekulieren die Forscher.

Spezialisiert auf ein Leben im Untergrund

Rabeling und Verhaagh gehen - zusammen mit ihrem Co-Autor Jeremy Brown von der University of Texas - davon aus, mit der "Marsianerin" einen besonders urtümlichen Nachfahren der ersten Ameisen aus dem Laub gezogen zu haben. Diese Gruppe gibt es vermutlich bereits seit mehr als 120 Millionen Jahren, entwickelt haben sie sich aus wespenartigen Vorfahren. Einige Ameisen spezialisierten sich aufs Leben im dunklen Untergrund, sparten sich fortan Pigmente und Augen - und überlebten bis heute.

Vermutlich, so erklärt Rabeling, hätten sie im Boden wenige Feinde, außerdem habe sich dort über lange Zeit ein stabiles Klima gehalten. Auf diese Weise konnte diese Reliktart viele besonders alte Eigenschaften bewahren. Diese neue deutet auf eine Vielzahl ähnlicher Arten im Untergrund der Regenwälder hin, folgern die Forscher, die mit weiteren Entdeckungen rechnen. Nächtliche Suchgänge im Laub und unterirdische Fallen könnten dabei helfen.


Marsianer aus dem Untergrund

Forscher haben im Urwald eine neue Ameisen-Spezies entdeckt: Das blinde Geschöpf ist vermutlich eines der ältesten sozialen Lebewesen unseres Planeten

ZEIT ONLINE, 16.9.2008 - 12:32 Uhr

Im Laub zu wühlen, kann ziemlich ergiebig sein, besonders, wenn es sich um das niedergeworfene Blattwerk tropischer Amazonas-Regenwälder handelt. Nirgendwo sonst auf der Welt warten noch so viele Arten darauf, entdeckt zu werden. Und gerade für Insektenkundler ist der modrig-feuchte Naturkompost eine wahre Fundgrube.

Was deutsche Ameisenforscher vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe nun aber im Boden des Amazonasgebietes in Brasilien aufgelesen haben, überraschte sogar die Wissenschaftler selbst: In der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) berichten Christian Rabeling und Kollegen der University of Texas von einem sonderbaren Krabbeltierchen, das den einstigen Urameisen vermutlich so nahe kommt, wie keine andere der bereits bekannten 14 000 Ameisenspezies. Und weil das Insekt auch noch so sonderbar aussieht, tauften die Forscher es auf den Namen Martialis heureka – Heureka, eine Ameise vom Mars!

Tatsächlich unterscheidet sich der Neuling recht drastisch von seinen vertrauten roten oder schwarzen Kollegen: Fast nackt sieht der Marsianer aus, blass und sehr zerbrechlich. Augen sucht man vergeblich an diesem sonderbaren Geschöpf, dafür besitzt es gewaltige Mundwerkzeuge, wie Schaufeln sitzen sie an seinem eierförmigen Kopf. Und zum Graben sind sie wohl auch bitter nötig, denn wie sonst sollte sich ein höchstens drei Millimeter großes Tier durch seinen unterirdischen Lebensraum buddeln - und auch noch Nahrung erbeuten?

Was zählt, sind indes nicht nur Äußerlichkeiten, es kommt ja auch auf die inneren Werte an: Martialis wurde also kurzerhand ein Beinchen ausgerupft und der DNA-Analyse zugeführt. Die Ergebnisse lassen weit in die Entstehungsgeschichte der sozial organisierten Ameisenwelt blicken, genetisch jedenfalls lässt sich die neue Art am ehesten sehr weit unten im Ameisenstammbaum platzieren. "Diese Entdeckung stützt die Annahme, dass blinde, unterirdisch lebende Raubameisen am Anfang der Ameisenevolution standen", erläutert Erstautor Rabeling.

Dabei gilt als gesichert, dass sich unsere heutigen Ameisen vor 120 Millionen Jahren aus den Vorfahren der heutigen Wespen entwickelt haben. Martialis heureka, so vermuten es die Forscher, geht auf eine frühe Form dieser Urameisen zurück und hat sich im mikrostabilen und konkurrenzschwachen Boden des brasilianischen Regenwaldes seither nur wenig verändert. "Sie könnte ein Relikt von einst sein, eine Art, die die Eigenschaften ihrer Vorfahren bewahrt hat", sagt Rabeling.

Die neue Art lässt sich denn auch keiner der heutigen bestehenden Ameisenunterfamilien zuordnen, sondern bildet im Stammbaum der Lebewesen eine eigene, neue Unterfamilie - die erste mit lebenden Vertretern, die seit 1923 entdeckt wurde. Ob die Ameise vom Mars noch weiteren Zuwachs erfährt, bleibt indes abzuwarten - Rabeling und sein Team hatten bislang nur einmal das Glück, die neue Art im Boden des Regenwaldes anzutreffen.







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