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Greenpeace Tagebuch Amazonien Teil 12
Amazonas-Reisetagebuch Teil 12
Greenpeace-Online, 25.11.03
Arctic Sunrise, Rio Xingu vor Porto de Moz, 23. November 2003: Am schlimmsten war der Moment, als die Holzfäller an unserer Reling hingen und versuchten, an Bord zu kommen. Einige waren angetrunken und aggressiv. Einer der Männer hatte sich am Schiff festgebunden. Ein anderer schrie: Wenn ihm was passiert, bring ich euch um.
6:30 Uhr: Verbündete aus Porto de Moz kommen auf unser Flussschiff. Sie haben Neuigkeiten. Wir liegen direkt neben der Arctic Sunrise und sind platt nach einer Wiedersehensfeier mit ausgiebigem Forro, dem brasilianischen Hüftschwungtanz. Doch keine Zeit zum Jammern. Holzfäller sind in Booten zu uns unterwegs. Sie wollen gegen uns protestieren.
Es passt ihnen nicht, dass wir in ihrer Region sind. Momentan ist Einschlagstopp. Es ist zu riskant, von der IBAMA, der brasilianischen Umweltbehörde, entdeckt zu werden. Die IBAMA räumt hier gerade richtig auf und Greenpeace hilft dabei, illegalen Holzeinschlag aufzudecken.
Was die Holzfäller außerdem stört, sind unsere Treffen mit den Dorfgemeinden. Sie werden stärker durch unsere Informationen und Vorschläge. Wenn sich die Dorfgemeinschaften für Schutzgebiete entscheiden, ist das ein echter Gewinn im Kampf gegen Urwaldzerstörung. Schutzgebiete machen außerdem der Holzmafia das Leben schwerer.
Wir beratschlagen, was wir tun sollen. Von 40 Booten ist die Rede. Nachdem letzte Woche 20 Mitarbeiter der IBAMA in einem Hotel festgesetzt wurden, sind wir um unsere Sicherheit besorgt. Alle sind in Alarmbereitschaft und versuchen die Boote der Holzfäller zu erspähen.
8:00 Uhr: Wir sollen das Flussschiff innerhalb von zwei Minuten räumen. Alles soll auf die Arctic Sunrise. Der Eisbrecher bietet mehr Schutz; dort sind wir am sichersten. Wir brauchen dann doch zehn Minuten, um unsere Sachen zu packen, die wir während der letzten Wochen auf dem ganzen Schiff verteilt haben. Wir bauen das Videophone ab, holen die Satellitenschüsseln vom Dach des Schiffes und sammeln unsere Wäsche von den Wäscheleinen. Hoffentlich haben wir nichts vergessen.
11.00 Uhr: Die ersten Holzfällerboote kommen in Sicht. 15 kleine Boote und eine Holzbarke - diesmal voll mit Menschen statt mit Holz. Sie halten Transparente "Schutz ja, aber kein Reservat voller Lügen". Es knallt. Sie feuern Kracher in die Luft. Sie schreien uns an. Ein paar kleinere Boote kommen nah heran. Einer der Männer hat ein weißes T-Shirt an einen Holzstock gebunden. Sie wollen eine Delegation zu uns an Bord schicken und verhandeln.
Wir lassen sieben Leute und zusätzliche Journalisten, die mit den Holzfällern gekommen sind, an Bord. Alle setzten sich im Kreis aufs Deck. Wir stehen daneben und versuchen herauszuhören, worum es geht. Die Diskussion ist hitzig. Sie wollen uns hier nicht, sagen sie - egal, welche Argumente wir haben, wir gehören hier nicht hin.
Die anderen Schiffe kommen näher. Eines der größeren Schiffe macht sich mit einem Tau an der Arctic fest. Ein Delegierter, pikanterweise der Tourismussekretär, bindet sich mit dem Rest des Strickes an unsere Reling. Dadurch bringt er sich und die anderen in Gefahr. Der Strick zieht das Boot mit etwa 30 Menschen und steht unter starker Spannung. Wenn er reißt, passiert ein Unglück.
Erst später können wir sie überreden, das Schiff mit einem zweiten Strick zu sichern. Wir hindern sie nicht an ihrem Protest, so lange alles friedlich bleibt. Das Problem ist nur, dass einige der Holzfäller angetrunken und unkoordiniert sind. Jeden Moment kann die Stimmung umkippen. Sie können ausflippen und gewalttätig werden. Greenpeace-Proteste sind grundsätzlich gewaltfrei und friedlich.
Inzwischen regnet es heftig. Die Bundespolizei ist eingetroffen, um uns zu schützen. Die Holzfäller fordern, dass wir "Gringos" uns aus Pará fernhalten. Einer gibt sogar zu, dass er illegal einschlägt. Auch in Zukunft wolle er das ungestört tun, gibt er uns zu verstehen.
Eine Bundespolizistin erkennt unter den Koordinatoren den Bruder des Bürgermeisters von Porto de Moz. Campos, so heißt der Bürgermeister der Holzfällerstadt, ist bereits mehrfach wegen Korruption und illegalem Holzeinschlag aufgefallen. Letztes Jahr, als Greenpeace mit 400 Menschen den Transport von illegal eingeschlagenem Holz über den Jaurucu-Fluss blockiert hat, hat er eine Holzbarke mitten in die kleinen Fischerboote fahren lassen. Dabei wären fast Menschen gestorben.
Schlechte Neuigkeiten aus Porto de Moz. Rund 20 Gemeindemitglieder, die für das Schutzgebiet sind, sind in Gefahr. Während eines Planungstreffens im Gemeinschaftshaus bekommen sie einen Anruf: Holzfäller drohen, das Gebäude niederzubrennen. Die Umweltschützer flüchten sich in die Kirche. Dort sitzen sie fest. Wir machen uns Sorgen um unsere Freunde.
Deshalb lassen wir uns schließlich auf einen Deal ein: Wir entfernen uns von Porto de Moz und sie tun unseren Verbündeten nichts. Wahrscheinlich ist es der heftige Regen, der uns hilft: Sie lösen den Strick und hauen ab. Sobald wir wissen, dass unsere Freunde in Porto de Moz in Sicherheit sind, werden wir zurückfahren. Wir geben nicht auf.
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