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Ökotourismus-Projekt

Piranhas gegrillt oder als Suppe

Wildlife-Touren bei Nacht sind in den Weiten des Amazonas-Tieflandes ein Renner Andreas Drouve, 13.12.2003

Nacht im Dschungel. Zuckende Scheinwerfer. Insekten umschwirren die Lampen, Lichtkegel tanzen über Blätter und Halme. Endlich: rote Reflexe, ein Paar Augen, ein Kaiman! Langsam hält das Kanu aufs Ufergras zu, die verräterischen Augen im Leuchtvisier. Beto, drahtig und jung, steht mit entblößtem Oberkörper am Bug. Angespannt, konzentriert. Noch drei Sekunden, zwei, eine. Er stürzt ins tiefschwarze Wasser. Es platscht und spritzt. Einen kurzen Augenblick lang verschwindet er, geht unter, taucht auf und prustet. "Hier ist er", schnauft Beto und spuckt Wasser. Stolz hält er das Exemplar nach oben, Schwanz und Nacken fest umklammert. Vorsichtig zieht Guide Alan den Kaiman ins Boot, rückt ihn ins rechte Licht. "Ein Jungtier, Länge 40 Zentimeter", schätzt er. Das Grüppchen an Bord betrachtet Zähne und Augen und Schuppen, wir fahren mit der Hand über das glatte Leder des Unterbauchs. "Das essen die Einheimischen zwar auch", klärt Alan auf, "aber sie lieben das Schwanzstück, das ist für sie das Filet." Der Kaiman hat Glück, die nächtliche WildlifeTour ist nicht als Nahrungssuche gedacht. Alan schenkt ihm die Freiheit zurück, der Bootsmann nimmt Kurs zurück zur Lodge.

In den Weiten des Amazonastieflands wimmelt es vor Panzerechsen, "Kaiman-Safaris by night" zählen vielerorts zu den Abenteuerpaketen. So wie in den Ariaú Amazon Towers, Amazoniens schönster und packendster Lodge, die in einschlägigen Traveller-Magazinen schon als eines der Weltwunder gepriesen wurde. Die Struktur der Anlage verschlägt Besuchern den Atem: Holztürme und Baumhäuser, erbaut über den Feuchtgebieten am Rio Negro und untereinander verbunden über hölzerne Stege. Das kilometerlange Stegenetz erreicht Höhen von mehr als zehn Metern und führt mitten durch den Dschungel zu Aussichts-Terrassen und Kuriositäten wie dem "Ufo-Landeplatz" und der eiskalten "Meditationspyramide". Nicht zu vergessen die "Quelle der Jugend" und den "Weltfriedensturm". Von vielen Stegplattformen hat man das geheimnisvolle Band des Rio Negro im Blick, des "schwarzen Flusses", der größte linke Nebenstrom des Amazonas.

Unterwegs ist Amazoniens Wildlife zum Greifen nah: Faultiere und Leguane, Papageien und Affen, Tukane und Fledermäuse. Abends und nachts lauscht man den nimmermüden Gesängen des Urwalds, am Ende des Lodge-Aufenthalts gibt es ein persönliches "Dschungel-Zertifikat".

Geboren wurden die Ariaú Amazon Towers in den 80er Jahren, inspiriert durch Visionen des großen alten Forschers Jacques Cousteau (1910-1997). Als Cousteau im Rahmen seiner Amazonas-Expedition 13 Monate lang in Manaus Stadthotel Mônaco Quartier bezog, kam er öfters mit Hotelbesitzer Francisco Ritta Bernardino zusammen und sagte: "Heute ist die Welt besorgt wegen eines Atomkrieges, doch diese Bedrohung wird verschwinden. Der Krieg der Zukunft wird zwischen denen ausgetragen werden, die die Natur zerstören, und jenen, die sie verteidigen wollen. Amazonien wird im Auge des Hurrikans liegen. Wissenschaftler, Politiker und Künstler werden hier landen, um zu sehen, was mit dem Regenwald geschieht."

Cousteaus Visionen im Hinterkopf, entschloss sich Bernardino zum Bau einer kleinen Lodge in unverfälschtem Umfeld und avancierte zu einem Vorreiter des brasilianischen Ökotourismus. Längst ist die Lodge expandiert und zu einem Besucher-Magneten Amazoniens erwachsen, beschäftigt heute 150 Angestellte. Im Rezeptions-Rund erinnern Holztafeln an illustre Gäste. Ex-US-Präsident Jimmy Carter und Deutschlands Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl waren ebenso hier wie Spaniens Königspaar Juan und Sofía, die Schauspielstars Charlton Heston und Kevin Costner, Sänger John Denver und Schriftstellerin Isabel Allende. Sie alle haben sich ihr eigenes Bild machen können von dieser Ariaú-Friedensinsel im Regenwald, von der aus weitere Touren so richtig auf den Dschungel-Geschmack bringen: über verschlungene Nebenflüsse im motorisierten Kanu zu freundlichen Eingeborenendörfern und durch bizarre Überflutungswälder (igapós), an den "Großen Strand" Praia Grande mit dem Friedhof der Fischer, zum Wasserlilien-See, auf Urwald- und Vogelpirsch, zu den abendlichen Ritualtänzen der Tariano-Indios in ihrem palmstroh-gedeckten Versammlungshaus. Und natürlich zum Piranha-Fischen mit Ködern aus altem Rinderherz. Der Erfolg ist garantiert, in Riesenschwärmen sind die mit messerscharfen Zähnen ausstaffierten Fische unterwegs. Wer mag, lässt sich abends im Ariaú-Restaurant den Fang des Tages servieren. Gegrillt. Oder als Piranhasuppe.


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