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Aktuell

Kreuzfahrt in Amazonien

Kurs auf die grüne Hölle

Deutsches Schiff bringt Kreuzfahrt-Passagiere in die entlegenen Winkel des Regenwaldes am Amazonas.

Von Bernd Schiller, Hamburger Abendblatt, 20.11.04

Legende, Mythos, Abenteuer: Kein anderer Fluß ist wie dieser. Sein Einzugsgebiet ist fast so groß wie Europa, tausend Nebenflüsse gehören zum unglaublichen Stromsystem, zwanzig davon länger als der Rhein. Bei Iquitos in Peru, wo diese Reise beginnt, ist der Amazonas anderthalb Kilometer breit, an der Mündung in den Atlantik, 3700 Kilometer weiter westlich, dehnt sich das Delta des mächtigsten Stroms der Erde auf über 250 Kilometer.

Was für ein Morgen: Langsam, mit kaum halber Kraft, dringt das Zodiacboot in die Wildnis ein, gelenkt von Bordarzt Dr. Holger Dietz. Er ist Hobby-Ornithologe, sieht als erster und auch im Zwielicht den schönen Schlangenhalsvogel, die Kaziken, Aras und Papageien. Es ist kurz vor sechs, eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Die Wolkenfetzen, die zwischen den Bäumen zu sehen sind, wechseln von Violett zu Purpur, von gelblichem Rosa zu sanftem Rot. Brüllaffen springen zwei, drei Meter neben dem Boot aufgeregt von Ast zu Ast, reißen den Urwald aus dem Schlaf. Ein Morpho-Schmetterling, blauschimmernd im ersten Sonnenlicht, begleitet die Expeditions-Kreuzfahrer über mindestens drei Kilometer. Bis 9 Uhr dauert dieser Ausflug ins Paradies. Dann wird an der Gangway Eistee gereicht, und wer mag, kann sich mit gekühlten Tüchern den Schweiß aus dem Nacken reiben.

Zodiacs sind kräftige Schlauchboote mit Außenbordmotor. Sie erst ermöglichen die abenteuerlichen Anlandungen im überschwemmten Regenwald, Fahrten durch tiefgrüne Tunnel auf Nebenarmen des Amazonas, eine Angeljagd auf Welse und Piranhas, Besuche bei Indianern, die weitab von größeren Siedlungen leben. Der Arzt und der Bordfriseur, die Boutiquenchefin und auch Uwe Wolter, der junge Kapitän, sind begeisterte Zodiac-Piloten.

Mit schäumendem Kielwasser steuern sie dem Rio Ampyacu entgegen, eine Stunde lang gegen die Strömung. Ziel ist ein Dorf der Huitoto-Indios. Sie bauen dort, tief in der Wildnis, Maniok an, Bananen, Zuckerrohr, und sie jagen wie eh und je den Tapir und das Faultier - mit Blasrohr und Giftpfeil. Ein Vorauskommando der "Hanseatic" hat mit dem Dorfhäuptling das Willkommen ausgehandelt. Die Beatzung bringt Fässer voller Diesel mit, ein paar Lebensmittel, Medikamente. In der Maloka, dem palmblattgedeckten Gemeindezentrum, tanzen die Huitoto den Tanz der Flußdelphine. Zwischen den Hütten schaukeln Kinder in Hängematten, in den Gärten, die an den Urwald grenzen, erklären die mitgereisten Lektoren - Biologen, Fischwissenschaftler, langjährige Amazonaskenner - den Alltag der Indios, ihre Probleme, ihre Perspektiven.

Zurück an Bord: eine Dusche, heiß oder eiskalt, ein Drink an der "Observation Bar". Übers Brückendeck flattern grellbunte Schmetterlinge, und die Kreuzfahrer schauen ihnen gebannt nach. Die einen haben ein Fernglas, andere einen Champagnerkelch in der Hand. "Morgengymnastik mit Martina", der Vortrag eines Fischexperten in der Darwin Hall ("Blutsauger, Schuppenfresser, Früchteknacker"), Evergreens zur Cocktailstunde. Wer Muße braucht, muß Verzicht üben. Am Abend stehen "ausgelöster Hummer", Gänseleber und ein feiner Gewürztraminer auf der Karte: Galadiner in der grünen Hölle.

Und doch rahmt dieser Luxus eine authentische Reise an die letzte Grenze ein, für viele Passagiere die Erfüllung eines Jugendtraums. Die "Hanseatic" und auch die "Bremen", die im März den Strom in beiden Richtungen auf ganzer Länge befährt, sind von angenehmer Größe (höchstens 180 beziehungsweise 160 Gäste), die Atmosphäre auf beiden Schiffen ungezwungen. Das Programm ist, wie bei allen Kreuzfahrten mit Expeditionscharakter, weniger auf Unterhaltung, viel mehr auf die Naturwunder an Backbord und Steuerbord eingestellt.

Halb zwölf, fünf Stunden nach Sonnenuntergang. Die letzten Zodiacs sind wieder an Deck vertäut. Sie waren bei Belo Horizonte unterwegs auf Nachtexpedition, tief im überschwemmten Regenwald. Jetzt schauen die Passagiere fasziniert zum Kreuz des Südens hoch, suchen den Großen Wagen, erzählen von Kaimanen und springenden Delphinen, vom Aracari, dem Kleinen Tukan, und von Mulatobäumen, deren Rinde sich von alleine schält. Das alles haben sie im Dschungel, im Lichte der Scheinwerfer gesehen. Die "Hanseatic" pendelt abgedunkelt an der Ankerkette. Tropische Schwärze rund ums Schiff, und doch finden Moskitos und Käfer den Weg aus dem grünen Dickicht an Deck. Nach Mitternacht treffen sich die letzten Abenteurer in der "Observation Lounge". Es gibt Bier vom Faß und Currywurst. Irgendwann fangen die Maschinen wieder an zu vibrieren, der Kurs liegt auf 3 o 47' S, 62 o 12' W.

Das grüne Universum Amazonien, ein Naturerbe der Menschheit, ist hochgradig gefährdet. In ihren Vorträgen gehen die Lektoren ungeschönt auch darauf ein. Zum Beispiel Dr. Thomas Henningsen, ein Delphin-Spezialist. Er liebt den Amazonas, hat hier ein Jahr lang mit Frau und Kind auf einem selbstgebauten Hausboot gelebt. Spannend und mit schönen Bildern erzählt er, wie er dem Boto nachgespürt hat, dem großen, rosafarbenen Flußdelphin, und dem kleineren Bruder, dem Tucuxi. Aber weil er den Fluß liebt, muß er auch über die Zerstörung des Urwaldes reden, über die Gefahren, die das Amazonasbecken und seine eingeborenen Völker bedrohen. Henningsen ist Greenpeace-Aktivist. Er verteilt Broschüren an Bord und stößt auch abends an der Bar und frühmorgens im Schlauchboot auf großes Interesse, manchmal sogar auf Entsetzen: In den letzten dreißig Jahren wurde hier ein Gebiet abgeholzt, größer als Frankreich, illegal zumeist. Auch von skrupellosen Tierschmugglern erzählt der Kieler Kampagnen-Direktor, von der Holzmafia, von Rinderbaronen, die den Wald abfackeln, jeden Tag mindestens die Fläche zweier Fußballfelder.

Wer an Deck frühstückt, sieht am achten Reisetag ganz deutlich das Aufeinandertreffen zweier Gewässer, ein Naturschauspiel: Hier das Weiß des Solimoes, dort das Schwarz des Rio Negro, das dem größten Nebenfluß den Namen gegeben hat. Dann fällt der Anker vor Manaus, der legendären Stadt im Urwald, heute Metropole Amazoniens, zwei Millionen Einwohner. Verfallene Villen der Kautschukkönige von einst, Elendsviertel den Fluß entlang, daneben Apartmenthäuser mit Doormen und Fitnessclub. Und ein Fischmarkt, wie ihn auch die Weitgereisten noch nicht gesehen haben: Riesenwelse am Haken, daneben körbe- und kistenweise bunte, unbekannte Flußbewohner. Und jeder will wenigstens einmal den berüchtigten Piranhas auf den Zahn fühlen - den Killerfischen, die hier so harmlos aussehen wie all die anderen toten Fische. Abends singt Elena Filipova, die sonst die Passagiere in der "Explorer Lounge" unterhält, Verdi und Wagner im restaurierten Opernhaus von Manaus. Als das Teatro Amazonas 1896 eingeweiht wurde, stand es wirklich mitten im Urwald, protzig und pompös, der Marmor aus Italien, die Möbel aus Paris. Und manchmal, so wird gern erzählt, schlich ein Jaguar um die Auffahrt, und im Foyer schlief eine Anakonda . . .

Zehnter Tag im großen Strom der Gefühle. Ein Tusch an Bord: Passagier Jochen Kauffmann wird geehrt, es ist seine 100. Reise mit der "Hanseatic". Über sein Präsent - eine namentlich gekennzeichnete Schwimmweste für den Zodiac-Einsatz - freut er sich wie ein Kind: "Ich schaukel doch so gern." Abends, auf der Insel Tupinambarana - fast zehnmal so groß wie Hamburg - tanzen die schönsten Mädchen Amazoniens. Verkleidet als "Adler", "Piranha" oder "Königin der Nacht" bieten sie eine Show, die es mit dem Karneval in Rio aufnehmen kann: "Boi Bumba" ist praller und deftiger als der Karneval in Rio, jedenfalls brasilianische Lebensfreude pur. Der Caipirinha, gut und oft eingeschänkt, die stampfenden Rhythmen, die Lichteffekte, das alles geht auch den Passagieren ins Blut. Später, an Deck, wird weiter getanzt, und niemand kümmert sich in dieser Tropennacht um die Moskitos.

Der Äquator ist überquert, noch auf dem Amazonas. Kapitän und Offiziere wurden von Neptun an Deck getauft, nach alter, derber Sitte; die Passagiere kamen mit einer Urkunde davon. Abendkonzerte und Shows werden wieder besser besucht, es stehen keine Nacht- und keine Frühmorgens-Expeditionen mehr auf dem Programm. Die Lektoren halten Rückschau auf die Wunder der letzten Wochen, präsentieren Früchte, Blüten und brillante Bilder. Die Ufer des großen Stroms sind längst nicht mehr zu sehen. Eine sanfte Dünung, mit Windstärke vier aus dem Atlantik angetrieben, läßt das Schiff gemütlich schaukeln. Die Abenteurer sind müde, genießen vormittags die Bouillon und nachmittags die Pina Colada im Liegestuhl. Zwei Seetage noch bis zu den Teufelsinseln.


Im Frühjahr geht es stromaufwärts von Belem nach Cayenne

Hamburger Abendblatt, 20.11.04

Amazonas-Kreuzfahrt: Eine Reise auf fast der gleichen Route unternimmt im März/April das etwas kleinere und ebenfalls expeditionserprobte Schwesterschiff "Bremen": vom 15.3. bis 4.4. stromaufwärts von Belem nach Iquitos; vom 1. bis 16.4. von Iquitos nach Cayenne, wobei u. a. alle hier beschriebenen Stationen angelaufen werden (15 Tage ab ca. 6200 Euro, 25 Tage mit Zielhafen Barbados ab ca. 10 000 Euro, jeweils mit An- und Abflug). Die "Bremen" wird ab Ende Juni unter dem Namen "Discoverer" in US-Charter fahren, bis Februar 2006 aber noch auf den bisher veröffentlichten Hapag-Lloyd-Routen. Die komfortablere "Hanseatic" ist von Januar bis März in der Antarktis auf Expeditionsrouten unterwegs.

Lektüre: Hapag-Lloyd legt den Passagieren das "Handbuch für Amazonasfahrer" zu den Reiseunterlagen. Empfehlenswert: der anspruchsvoll bebilderte Polyglott/Apa-Guide "Brasilien" (19,95 Euro).

Auskunft: In Reisebüros mit Kreuzfahrt-Beratung und bei Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten, Ballindamm 25, 20095 Hamburg, Telefon: 0800/225 55 56, www.hlkf.de


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