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Urwald-Roman von Allende
Im Busch haben Frauen das Sagen
Elefantennatur: Isabel Allende stürzt eine Diktatur im Urwald
Wolfgang Schneider, FAZ, 18.11.04
18. November 2004 Wenn doch alle amerikanischen Missionen derart von Erfolg gekrönt wären: Was der Weltmacht nicht recht gelingen will, das schafft die New Yorker Großmutter Kate Cold mit Hilfe ihres Enkels Alex und seiner brasilianischen Freundin Nadia im Handumdrehen: eine Diktatur beseitigen, Menschen frei und glücklich machen.
Die Geschichten um "Aguila und Jaguar" - so die Totemnamen von Alex und Nadia - soll Isabel Allende, die fabulierlustigste aller Großmütter, ihren Enkeln zuliebe erfunden haben. Nachdem in den ersten beiden Bänden Amazonien und der Himalaja die Orte spannungsträchtiger Handlungen waren, verschlägt es die Reisenden im dritten und abschließenden Band der Trilogie nach Kenia, tief hinein in den afrikanischen Urwald.
"Im Bann der Masken" beginnt farbenprächtig mit Safari-Exotismus. Diesmal sollte es für die Journalistin Kate Cold wirklich nur eine Reportagereise sein: "Das hier war ja ein touristisches Vergnügen und vollkommen harmlos." Bei solchen Versicherungen dämmert dem Leser, daß Abenteuer ungekannter Art auf ihn warten. Bald sind zwei Missionare verschollen; auf ihrer Spur gerät das Trio ins Herz der Finsternis.
Mitten im Dschungel hat ein gewisser König Kosongo sein Schreckensregime über ein Bantu-Dorf und ein friedliebendes Pygmäenvolk errichtet. Er zwingt die Männer zur Elfenbeinjagd und die Frauen zur Lustfron im Harem. Seine Macht gründet zum einen auf der Söldnertruppe des Kommandanten Mbembelé, einem Schurken, wie er im Buch steht: "Er war ein Hüne, mit Muskeln bepackt wie ein Gewichtheber, eine Nase wie ein Preisboxer und der Schädel kahl rasiert. Den letzten Schliff gab dieser fiesen Erscheinung eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern." Zum anderen auf den magischen Machenschaften des Zauberers Sombe, eines wahren Teufels, der am Ende denn auch, soviel Strafe muß sein, von Krokodilen gefressen wird.
Allein mit Beherztheit und jugendlichem Gerechtigkeitssinn ("Es ist furchtbar. Wir müssen etwas tun.") läßt sich selbst eine kleine Diktatur nicht aus den Angeln heben. An helfenden Zauberkräften mangelt es Alex und Nadia im Zeitalter von "Harry Potter" glücklicherweise jedoch nicht: Da gibt es ein Amulett aus "versteinertem Drachenkot", das Gewehrkugeln und Machetenhiebe abzuwehren vermag. Nadia beherrscht die Sprache der Gorillas und Elefanten, und siehe da: Das sind liebenswürdige, hilfsbereite Leute, diese Tiere. Das Finale schließlich bietet neben Ahnen und Schamanen auch "dämonische Heerscharen" und "grauenerregende Yetis in Kampfmontur" auf.
Eine leise politische Korrektheit durchzieht das Buch. Über die Zwergschimpansen heißt es: "Bei ihnen haben die Frauen das Sagen ... Es gibt weniger Gerangel und mehr Zusammenarbeit." Das Bewußtsein für traditionelle Werte kommt darüber nicht zu kurz: "Flußpferde sind treuer als die meisten Menschen. Die Paare bleiben ein Leben lang zusammen." Solche moralischen Winke gehören zum Jugendbuch, dem vielleicht letzten Refugium aufklärerischen Schreibens. Hier werden gut und schlecht noch im Sinne des Erziehungsauftrags unterschieden. Rauchen, Elefantentöten und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" sind demnach schlecht, gut dagegen Zivilcourage und Frauen, die wie die burschikose Buschpilotin Angie Weiblichkeitsklischees unterlaufen und trotzdem, wenn es darauf ankommt, bezaubernd schön sein können.
Im Jugendbuch darf man grundsätzliche Zusammenhänge noch in grundsätzlichen Worten formulieren, ohne als Autor oder handelnde Figur gleich in Banalitätsverdacht zu geraten: "So ist die Natur, mein Kind. Die einen sterben, damit die anderen leben können." Das überkomplexe Leben läßt sich hier noch in übersichtliche Sätze bannen: "Der Elefant ist der König des Urwalds, er ist groß, er ist massig und ehrfurchtgebietend, und kein Tier des Waldes stellt sich ihm in den Weg."
Klischees mögen in diesem Kontext als darstellerische Deutlichkeit durchgehen. Aber auch wenn man reduzierte Maßstäbe gelten läßt, auch wenn man gerne würdigt, daß die Fabuliergabe der Autorin mit Charme und gelegentlichem Witz gepaart ist - manchmal hat es Isabel Allende im Eifer des Gefechts doch ziemlich aus der Kurve getragen: "Seit unvordenklichen Zeiten stehen Elefant und Jäger einander gegenüber. Das Ritual dieser Jagd auf Leben und Tod ist in beider Leben eingebrannt. Im Moment der Entscheidung ist es, als halte die Natur den Atem an, der Wald verstummt, selbst der Wind schweigt, und endlich, wenn das Schicksal von einem der beiden besiegelt wird, schlägt das Herz von Mensch und Tier im selben Takt."
Wie schon sein Vorgänger ist auch dieser Roman - gewissermaßen im selben Takt - in zwei Verlagen erschienen. Einerseits mit Leineneinband, Fadenheftung und Lesebändchen bei Suhrkamp, wozu man sagen muß, daß der Inhalt hinter dieser hochwertigen Ausstattung zurückbleibt. Andererseits als Jugendbuch im bunten Umschlag bei Hanser, ein Schmöker, von dem man Lesern unter sechzehn nicht abzuraten braucht.
Isabel Allende: "Im Bann der Masken". Die Abenteuer von Aguila und Jaguar. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 240 S., geb., 22,90 [Euro], sowie Hanser Verlag, München 2004. 240 S., geb., 16,90 [Euro].
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