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Aktuell

Nobelpreisverleihung an Maathai (erweitert)

Donnerstag 9. Dezember 2004, 15:38 Uhr

Maathai sieht Umweltschutz als Maßnahme für den Frieden

Oslo (AP) Einen Tag vor der Verleihung des Friedensnobelpreises hat Preisträgerin Wangari Maathai die Bedeutung des Umweltschutzes für den Erhalt des Friedens hervorgehoben. Sie hoffe, dass die erstmalige Auszeichnung einer Umweltschützerin mit dem begehrten Preis diese Botschaft allen Menschen und vor allem den Politikern näher bringe, sagte die Kenianerin am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Osloer Nobel-Institut. Sie hoffe ferner, dass weitere Umweltbewegungen nunmehr Auftrieb erhielten.

Die meisten Kriege würden über die Verteilung von Rohstoffen ausgefochten, betonte die stellvertretende kenianische Umweltministerin. Wenn ein Land also seine natürlichen Ressourcen nicht angemessen kontrolliere, könne es nicht erwarten, in Frieden zu leben. Maathai engagiert sich an der Spitze der von ihr in Leben gerufenen «Grüngürtelbewegung» (Green Belt Movement) vor allem für die Erneuerung der Wälder in Afrika. Seit der Gründung des Verbands im Jahre 1977 haben die Mitglieder mehr als 30 Millionen Bäume angepflanzt. Diesen Einsatz verbindet Maathai mit politischen Programmen für die Förderung der in traditionellen Strukturen benachteiligten Frauen sowie für Menschenrechte und Demokratie.

Die 64-Jährige ist die erste Afrikanerin, die den Friedensnobelpreis erhält. Die mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierte Auszeichnung wird stets am Todestag des Stifters Alfred Nobel am 10. Dezember in Oslo verliehen.


Siehe auch hier


Freitag 10. Dezember 2004, 18:59 Uhr

Kenianische Umweltschützerin Maathai erhält Friedensnobelpreis

Oslo/Stockholm (AFP) - Die Kenianerin Wangari Maathai hat als erste Umweltschützerin und erste afrikanische Frau den Friedensnobelpreis erhalten. "Es muss endlich anerkannt werden, dass nachhaltige Entwicklung, Demokratie und Frieden untrennbar miteinander verbunden sind", sagte die Biologin am Freitag bei der Preisvergabe im Rathaus von Oslo. Der Präsident des Nobelpreis-Komitees, Ole Mjoes, überreichte der 64-Jährigen die Urkunde in einer von afrikanischen Rhythmen und Tänzen untermalten Zeremonie. In Stockholm verlieh am Abend König Carl XVI. Gustaf von Schweden die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaftswissenschaften. Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hatte ihr Kommen abgesagt.

Maathai nutzte ihre Dankesrede für einen eindringlichen Appell an Wirtschaft und Politik. "Die Industrie und die internationalen Institutionen müssen verstehen, dass wirtschaftliche Gerechtigkeit und ökologische Unversehrtheit mehr wert sind als Profit um jeden Preis", sagte die kenianische Vize-Umweltministerin. Sie bedauerte, dass "die extremen Ungleichheiten auf der Welt und die vorherrschenden Konsummodelle auf Kosten der Umwelt und des friedlichen Zusammenlebens" fortbestünden. Es bleibe "viel zu tun, um den Kindern eine Welt voller Schönheit und Wunder" zu überlassen.

Das Unheil der Welt bestehe aus Korruption, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Drogensucht, Aids, Unterernährung und "zahlreichen Aktivitäten, die die Umwelt und die Gesellschaften zerstören", sagte Maathai. Ökosysteme würden zerstört, vor allem durch Abholzung, Klimawandel und die Vergiftung des Bodens und des Wassers, und all dies führe zu "furchtbarer Armut".

Mjoes sprach die in ein orangefarbenes afrikanisches Kostüm gekleidete Preisträgerin mit den Worten "Liebe Mama Wangari Maathai" an. In seiner Laudatio reagierte er auf vereinzelt geäußerte Kritik an der Vergabe des Friedensnobelpreises an eine Umweltschützerin: "Es gibt eine Verbindung zwischen dem Frieden auf der einen und der Umwelt auf der anderen Seite, wenn die Knappheit von Ressourcen wie Öl, Wasser, Mineralien oder Holz im Mittelpunkt von Konflikten steht." Als Beispiele führte der Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees den Konflikt um Wasser zwischen Israelis und Arabern an sowie den Streit um fruchtbares Agrarland in der sudanesischen Region Darfur.

Maathai ist die zwölfte Frau, die den seit 1901 vergebenen und mit 1,1 Millionen Euro dotierten Friedensnobelpreis erhält. Die geschiedene dreifache Mutter engagiert sich seit Jahrzehnten für Umweltschutz und Menschenrechte. Die erste weibliche Professorin an der Universität von Nairobi rief 1977 mit der Umweltschutzorganisation "Green Belt Movement" das größte Aufforstungsprojekt in Afrika ins Leben. Mehr als 30 Millionen Bäume wurden seither gepflanzt; zehntausende Menschen fanden Arbeit. Maathai geriet immer wieder mit der Regierung des früheren Machthabers Daniel arap Moi in Konflikt und wurde für ihr Engagement mehrmals mit Gefängnis bestraft.

Jelinek hatte bereits bei ihrer Nominierung im Oktober angekündigt, sie werde zur Preisverleihung nicht in die schwedische Hauptstadt reisen. Eine Lesung Jelineks wurde bereits am Dienstag per Video übertragen. Tag der Nobelpreisverleihung ist traditionell der Todestag von Alfred Nobel am 10. Dezember. Nach der Preisverleihung stand ein Gala-Bankett für 1300 Gäste auf dem Programm.


Samstag 11. Dezember 2004, 10:43 Uhr

Nobelkomitee verleiht Wangari Maathai Friedensnobelpreis

Oslo (dpa) - Als erste Frau aus Afrika hat die kenianische Umweltschützerin Wangari Maathai am Freitag in Oslo den Friedensnobelpreis in Empfang genommen.

Bei der feierlichen Überreichung im Rathaus der norwegischen Hauptstadt sagte die 64-jährige Vize-Umweltministerin, das Nobelkomitee habe mit der Verknüpfung von Umwelt, Frieden und Demokratie beim diesjährigen Preis «visionär gehandelt». Maathai sagte weiter: «Ich weiß, dass dies eine Ermutigung für Menschen überall in Afrika ist.»

Maathai erhielt den mit zehn Millionen schwedischen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierten Preis für ihre 1977 mit der Organisation «Green Belt Movement» («Bewegung Grüner Gürtel») gestartete Initiative zur Wiederaufforstung Kenias. Nach Angaben der Initiative wurden bisher 30 Millionen Bäume in dem seit 1950 um 90 Prozent abgeholzten ostafrikanischen Land neu gesetzt. Bei Konflikten mit dem Regime des früheren kenianischen Präsidenten Daniel arap Moi wurde Maathai mehrfach inhaftiert und mit Gewalt bedroht. Die in den sechziger Jahren auch in Deutschland ausgebildete Tiermedizinerin dehnte ihre Aktivitäten nach und nach auf die Durchsetzung der Menschenrechte, eine demokratische Staatsform und die Gleichberechtigung der Frau aus und wurde 2002 in Parlament gewählt.

Der Chef des Nobelkomitees, Ole Danholt Mjøs, hob Maathai im Beisein von Norwegens König Harald V. als «wahre afrikanische Mutter und wahre afrikanische Frau» heraus. Mjøs sagte: «Frieden auf Erden hängt von unserer Fähigkeit zur Bewahrung einer lebendigen Umwelt ab.» Das Komitee habe nach mehreren Preisen für Verdienste bei humanitärem Einsatz und für die Menschenrechte den eigenen Friedensbegriff in diesem Jahr «sichtbar noch mehr erweitert». «Der Umweltschutz ist ein weiterer Weg zum Frieden geworden», meinte der Komiteechef und verwies auch auf die herausragende Alltagsrolle von Frauen bei der Bewältigung der schweren Probleme in Afrika.

Maathai sagte in ihrer Dankesrede, das Pflanzen von 30 Millionen Bäumen vor allem durch Frauen in Kenia habe diesen und ihren Familien Brennstoff, Nahrung, Unterkunft und Einkommen gegeben sowie die Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder verbessert. Nur am Rande erwähnte sie die Ausbreitung der Aids-Epidemie. Nach der Zuerkennung des Friedensnobelpreises im Oktober war Maathai in westlichen Medien scharf wegen Äußerungen angegriffen worden, wonach der HIV-Virus in US-Labors erzeugt und bewusst als Teil eines Vernichtungsfeldzuges gegen Afrika eingesetzt worden.

Vor der Entgegennahme des Nobelpreis bezeichnete Maathai diese Zitate als falsch, wollte aber keine weiteren Kommentare abgeben. Zur Verwendung der Nobelpreisdotierung sagte sie, zumindest ein Teil werde mit Sicherheit der von ihrer begründeten Bewegung zukommen.


Hintergrund: Kritik an Menschenrechts- und Umweltlage in Kenia

dpa, 10.12.2004, 14:04 Uhr

Hamburg - Die Menschenrechtssituation in Kenia stößt seit Jahren auf internationale Kritik. Experten von Organisationen wie "Amnesty International" und "Human Rights Watch" verweisen insbesondere auf einen unverhältnismäßigen Einsatz von Polizeigewalt etwa bei Demonstrationen und auf Defizite im Justizwesen. Die Bedingungen in den Gefängnissen gelten als schlecht: Es gebe immer wieder Berichte über Vergewaltigungen und Folterungen in den Haftanstalten.

Im Zentrum der Kritik steht vor allem Gewalt gegen Frauen. So ist in Kenia auch die weibliche Genitalverstümmelung weit verbreitet. Die Tradition und mangelnde Rechtssicherheit verletzten zudem das Recht kenianischer Frauen auf Besitz, Erbe und die Kontrolle über Eigentum.

Prekär ist nach Angaben von Naturschützern auch die Situation der Umwelt. Die tropischen Regenwälder Kenias wurden drastisch abgeholzt Die "Grüngürtelbewegung" der Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai geht davon aus, dass der Wald heute weniger als zwei Prozent der Fläche Kenias bedeckt. Mindestens zehn Prozent seien aber für ein biologisches Gleichgewicht nötig.

Experten sehen einen hausgemachten Zusammenhang zwischen den schweren Dürren, die das Land wiederholt heimgesucht hat, und dem Raubbau an der Natur. Der Waldzerstörung folgen Bodenerosion und Wüstenbildungen. Bevölkerungswachstum, skrupellose Geschäftemacher und Armut gelten als die ärgsten Feinde der Bäume. Viele Bauern und Hirten zeigen wenig Verständnis für große Nationalparks oder Wälder. Sie suchen nach Anbau- und Weideflächen. Zudem ist Holz ein beliebtes Heizmittel.

Als großes Problem gilt die ausufernde Korruption in dem Land. Präsident Mwai Kibaki hat zwar den Kampf dagegen auf seine Fahnen geschrieben. Es gab aber nur einige spektakuläre Aktionen wie die Entlassung von Richtern. Die internationale Kritik an zu geringen Fortschritten auf diesem Gebiet hält an.


Was hat Frieden mit Bäumen zu tun?

Kühler Empfang für Nobelpreisträgerin

N24.de, dpa, 10. Dezember 2004

Vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an Wangari Maathai aus Kenia am Freitag fragte ein Fachreporter der norwegischen Zeitschrift "Forstwirtschaft", was denn das Anpflanzen von Bäumen mit dem Frieden zu tun habe. Freundlich, geduldig, aber auch vorsichtig antwortete die 64-Jährige, deren Bewegung "Green Belt" (Grüner Gürtel) seit 1977 rund 30 Millionen Bäume zur Wiederaufforstung ihrer fast komplett abgeholzten ostafrikanischen Heimat gepflanzt hat: "Kriege werden eigentlich immer um nationale Ressourcen geführt. Deshalb sind Umweltschutz, Frieden und auch Demokratie unlösbar miteinander verknüpft."

So hatte auch das norwegische Nobelkomitee die erste Vergabe des bekanntesten Preises der Welt an eine afrikanische Frau begründet. "Wir haben unsere Definition von Frieden noch ein Stück weiterentwickelt. Der Umweltschutz ist zu einen weiteren Pfad in Richtung Frieden geworden", sagte Komiteechef Ole Danholt Mjøs bei seiner Laudatio auf die Preisträgerin im Osloer Rathaus.

1977 pflanzte Maathai in Nairobi die ersten Bäume

Mjøs schilderte den beeindruckend gradlinigen Weg der unter anderem 1967 bis 1969 an der Universität Gießen ausgebildeten Tiermedizinerin. 1977 pflanzte Maathai als gerade ernannte Professorin in Nairobi die ersten Bäume für ihre grüne Bewegung. Mit der schnellen Ausbreitung ihrer Initiative wuchs auch der Anspruch. Forderungen nach mehr Rechten für Frauen in Kenia und Achtung der Menschenrechte unter dem autoritären und korrupten Regime von Daniel arap Moi brachten die Umweltschützerin mehrfach ins Gefängnis. Nach dem politischen Aus für Moi 2002 trug ein triumphaler Wahlerfolg sie ins Parlament sowie als Vize-Umweltministerin in die Regierung.

Aber davon und von der Lösung akuter ostafrikanischer Umweltprobleme wollten nur wenige Medienvertreter mehr hören. Im winterlich kalten Oslo hüllte sich die Friedensnobelpreisträgerin vielleicht nicht nur wegen der niedrigen Außentemperaturen in eine sehr dicke norwegische Wolljacke, die sie über ihrem farbenfrohen afrikanischen Kleid trug. Massiv und kühl wurde sie immer wieder nach ihren umstrittenen Äußerungen zur Entstehung der Aids-Epidemie gefragt. Nein, sie habe nie gesagt, dass der HIV-Virus bewusst in westlichen Labors zum Zwecke eines Vernichtungsfeldzuges gegen Afrika gezüchtet worden sei, antwortete Maathai und verwies schon fast ein wenig ängstlich wirkend auf eine lange schriftliche Erklärung.

Maathais Antworten nur noch unverbindlich

Nach den heftigen und negativen Schlagzeilen wegen der Aids-Zitate hat sich Maathai unter die Fittiche eines US-Medienratgebers begeben, der für Oslo alle vielleicht kontroversen Äußerungen aus dem Programm gestrichen haben musste. Jedenfalls schien sie um keinen Preis irgendwo anecken zu wollen und antwortete mit Unverbindlichem etwa auf Fragen nach ihrer Meinung zum Krieg im Irak oder der Terrorbekämpfung.

Viele führende Medien hätten aber auch politischen Klartext aus dem Mund der Nobelpreisträgerin gar nicht wahrgenommen, weil sie auffallend schwach in Oslo vertreten waren. Hinter den Kulissen war zu hören, dass das Medieninteresse am samstäglichen "Nobelkonzert" wegen eines Auftritts der US-Unterhaltungsstars Tom Cruise und Oprah Winfrey deutlich stärker ausfiel. Geir Lundestad, Direktor des Osloer Nobelinstitutes, klang leicht resigniert, als er in "Dagbladet" zur Rolle von Rocksänger Bono von "U2" als Nobelpreiskandidat wegen seines Eintretens für die Dritte Welt meinte: "Sicher lässt sich auch ein Popstar als Preisträger denken. Aber dann bin ich bestimmt nicht mehr im Komitee."


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