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Aktuell

Rios Stadtwald

Ohne Zuckerhut und Copacabana

Abseits der großen Touristenrouten in Rio de Janeiro präsentiert sich die Stadt unter anderem mit dem größten Stadtwald der Erde.

Von Christoph Wendt, Salzburger Nachrichten, 8.10.05

Das Sträßchen windet sich schmal und kurvenreich durch den Bergwald. Die Böschungen sind mal bedeckt von einem dichten Blütenteppich "fleißiger Lieschen" in allen Farbschattierungen von rosa und rot, dann wieder beugen sich Büsche und Bäume voller Blüten an den Straßenrand. Bunte Vögel flattern über die Fahrbahn. Hier und da stürzen Wasserfälle von Felswänden herab, im kristallklaren Wasser stehen junge Leute, manchmal ganze Familien mit Kindern und Großeltern und genießen die erfrischende Dusche.

Die Stadt, auf die wir bei der Fahrt über diese Gebirgsstraße hin und wieder hinab schauen, ist von vielen Reisenden schon als die schönste der Erde gerühmt worden, Rio de Janeiro.

Es muss nicht immer der Zuckerhut sein oder die Copacabana und auch nicht die gewaltige Christusstatue, um die brasilianische Metropole immer wieder als eine aufregende Sehenswürdigkeit erleben zu können. In zahlreichen Buchten, an den Ufern tief ins Land greifender Lagunen und in mindestens einem Dutzend Täler zieht sich Rio mit seinen Stadtteilen auf einer Fläche von 1255 Quadratkilometern hin. Doch von dieser Fläche sind 326 Quadratkilometer Grünfläche. Allein der Stadtwald der einstigen Hauptstadt Brasiliens (bis 1960) , der Tijucawald, bedeckt ein Gebiet von 3200 Hektar. Damit ist er der größte Stadtwald der Erde.

Durch diesen Wald zieht sich die Estrada do redentore, die Bergstraße mit ihren Wasserfällen. Sonntags wird sie an beiden Enden für den Autoverkehr gesperrt. Dann kommen vor allem Familien mit Kindern, mit Kinderwagen, Picknickkoffern und Fahrrädern hierher. An heißen Sommertagen zwischen Dezember und März flüchten die Cariocas, wie seit den Zeiten der Stadtgründung durch die Portugiesen 1503 die Einwohner von Rio genannt werden, nach oben ins kühle Gebirge. Der aus der Sprache der Indios stammende Name Carioca bedeutet "Haus des weißen Mannes". Noch immer ist eine der stimmungsvollsten Straßen in der Altstadt, von vielen alten im portugiesischen Stil gebauten Häusern gesäumt, die Rua Carioca.

Monumentales Aquädukt Nur ein paar hundert Meter von ihrem unteren Ende stößt man auf das monumentale Bauwerk der Arcos de Carioca, des doppelstöckigen Aquäduktes, der, noch in der Kolonialzeit errichtet, dazu diente frisches Quellwasser aus den Bergen in die Stadt zu leiten. Heute fährt der Bondinho, die letzte Linie der alten offenen Straßenbahn, von der nahen Carioca-Station im gemächlichen Zockeltempo bergan zum Stadtteil Santa Teresa.

Es ist ein Genuss, in einem der offenen Wagen zu sitzen und das so ursprünglich erscheinende Straßenleben links und rechts der Straßenbahnschienen zu beobachten oder zu sehen, wie flinke Jugendliche auf das fahrende Vehikel auf- und sobald der Schaffner kommt wieder abspringen. Doch die bewaffneten Polizisten, die jeden Wagen begleiten, erinnern daran, dass Rio mitunter eine sündhafte Schöne ist. Die wendigen Trittbrettfahrer sind berühmt-berüchtigt für ihre Geschicklichkeit, ahnungslose Trambenutzer um ihre Habseligkeiten zu erleichtern.

In Santa Teresa liegt der morbide Charme des Verfalls über den alten Villen, von denen eine zu Ruhm und Ehre gekommen ist, allerdings erst nachdem ihre Besitzerin, Laurinda Santos Lobos, 1946 gestorben war und das Haus allmählich verfiel. Die inzwischen sorgsam präparierte Ruine dient heute vor allem als Ort wechselnder Ausstellungen moderner Kunst. In der Nähe dieses im Parque das Ruinas gelegenen einstigen Wohnsitzes aus dem so genannten goldenen Zeitalters zu Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Sammler und Industrielle Raymundo Ottoni de Castro Maya seine Residenz. Als Museu Cacara do Seu birgt sie heute eine kostbare Sammlung von Gemälden, Keramiken, Möbeln und Büchern.

Im engen Gewirr der Altstadtgassen stoßen wir auf das Königliche Kabinett der portugiesischen Literatur. In einem prachtvollen Bauwerk, das noch an den berühmten manuelinischen Stil des Portugal des 16. Jahrhunderts erinnert, sind Tausende von Büchern zusammen getragen, die sämtlich in portugiesischer Sprache über Brasilien, über alle Facetten dieses unvorstellbar großen Landes berichten. Ein stimmungsvoller Lesesaal steht jedem offen, der in den alten Folianten schmökern will.

Bücherstaub macht durstig. Da trifft es sich gut, dass nahe dieser portugiesischen Bibliothek Rios schönstes Café gelegen ist, das Colombo. Das Etablissement aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts präsentiert sich als eine Kostbarkeit im schönsten Jugendstil. Die Confeitaria Colombo ist eine bis heute lebende Erinnerung an die Belle Epoque, an die Künstler, Wissenschafter und Politiker, die damals hier Stammgäste waren.

Keiner der vielen Bustouristen an der Talstation der Zahnradbahn zur Christusstatue ahnt wohl, dass sich nur wenige Meter entfernt einer der stimmungsvollsten Winkel der Millionenstadt verbirgt, der Largo Boticário, der Apothekerplatz. Joaquim Luiz da Silva Souto, Apotheker der königlichen Familie, hat hier Anfang des 19. Jh.s gelebt. Nach ihm wurde dieser Platz genannt, den sieben Häuser im reinsten Kolonialstil rahmen. Ein kleiner Bach fließt an der Idylle vorbei, der Rio Carioca, der aus dem Tijuca-Bergwald herunter kommt.


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